Beraterin über Rassismus unter Migranten: „Das ist ein blinder Fleck“

taz: Frau Seker, Sie wurden vor Kurzem auf der Straße angegriffen.

Beybûn Seker: Ja, das war am 21. Mai gegen Abend. Ich stand neben meinem Auto und hab’ mit Freundinnen telefoniert. Da kamen drei arabisch gelesene Frauen mit Kopftuch und haben sich vor mir aufgebaut. Sie haben wohl von Weitem gehört, dass ich Kurdisch gesprochen habe und mich auf Arabisch gefragt: „Bist du Kurde?“ Ich habe gefragt: „Warum?“ Die Frauen haben auf Arabisch gesagt, dass kurdische Menschen „Schweine“ und wir alle „Zionisten“ seien. Ich habe zu ihnen gerufen, dass das rassistische Narrative sind. Es ging alles ganz schnell: Die erste hat mir auf den Kopf geschlagen, die beiden anderen kamen dazu und haben mir auf den Rücken gehauen. Ich habe mich gewehrt und dabei meine Hand verletzt.

taz: War das das erste Mal?

Seker: Nein. Ich bin schon oft rassistisch angegriffen und immer wieder als „landlos“ oder „Unruhestifter“ bezeichnet worden. Antikurdischer Rassismus ist in migrantischen Communitys weit verbreitet. Das ist ein blinder Fleck in der weißen Dominanzgesellschaft.

Soniya Alkis: Es ist schon ein Kampf, in Deutschland überhaupt über Rassismus zu sprechen. Neben dem Rassismus von Seiten der weißen Dominanzgesellschaft gibt es aber auch innermigrantisch rassistische Strukturen. Dafür braucht es Sichtbarkeit. Die Historien und Dynamiken dahinter sind in Deutschland aber meist nicht bekannt.

taz: Was macht antikurdischen Rassismus aus?

Im Interview: Beybûn Seker

(links) ist Sozialarbeiterin in Oldenburg und seit Langem im Migrationsbereich tätig.

Im Interview: Soniya Alkis

(rechts) ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Europa-Universität Flensburg.

Alkis: Er funktioniert über Abwertungslogiken und vermeintliche Nichtexistenz sowie Leugnung und Generierung eines Feindbildes. Es ist das Absprechen der Sprache, der Kultur, der Geschichte – und damit einhergehend eine Vernichtung.

Seker: Es geht uns nicht darum, arabisch oder türkisch gelesene Personen pauschal unter Generalverdacht zu stellen, denn auch wir sind rassistisch sozialisiert worden. Gegenüber jesidischen Minderheiten begegnen uns Vorurteile, bis hinein in unsere Wohnzimmer, wo sie teils als „Teufelsanbeter“ oder „Ungläubige“ diffamiert werden. Diesen Narrativen müssen wir entschieden entgegentreten, Vorurteile abbauen und das gegenseitige Bewusstsein sowie die Sensibilität füreinander stärken.

taz: Welche Rolle hat dieser innermigrantische Rassismus bei der Gründung von Pena-Ger gespielt?

Seker: Der Hauptbeweggrund war der Tod des geflüchteten Kurden Hogir Alay in einer Unterkunft in Kusel, der offiziell als Suizid eingestuft wurde. Er hat vor seinem Tod die unmenschlichen Bedingungen in der Unterkunft angeklagt, aber bei den Mitarbeitenden kein Gehör gefunden. Dabei hat er auch antikurdischen Rassismus erlebt. Wir haben viele Klient*innen, die von antikurdischem oder antijesidischem Rassismus betroffen sind, beispielsweise Hozan Roj, der in Leipzig mit einem Messer angegriffen worden ist, weil er Kurdisch sprach. Viele bekommen zu hören „Ihr seid Kurden, mit euch wollen wir nichts zu tun haben“ oder „Ihr seid gar nicht verfolgt, ihr müsst zurück in die Türkei“.

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Der Staat ist gut organisiert darin, Menschenrechte immer weiter auszuhöhlen.

Soniya Alkis

Geht auch von Behörden Rassismus aus?

In einem Fall hat eine sozial arbeitende, türkisch gelesene Person die Bescheide des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (Bamf) mit den Fristen entsorgt oder verspätet übergeben. Oder es wurden bei einer Bamf-Anhörung die Inhalte eines jesidischen Geflüchteten durch einen kurdischsprachigen Dolmetscher falsch übersetzt, weil der Geflüchtete den fehlenden Schutz durch die kurdische Regierung im Irak kritisiert hatte.

taz: Beraten Sie nur kurdische oder jesidische Personen?

Seker: Nein, wir sind eine bundesweite Online-Beratungsstelle für Geflüchtete und beraten neben Kurdisch auf mehreren Sprachen. Hauptsächlich erreichen uns jesidische und kurdische Geflüchtete aus Iran, der Türkei, Syrien und dem Irak, aber wir beraten auch Menschen aus der Ukraine, Afghanistan und vielen anderen Ländern. Wir haben in knapp drei Jahren über 4.600 Menschen beraten. Manchmal erreichen uns 30 Anfragen am Tag, mal fünf. Vor drei Wochen haben wir unsere Geschäftsstelle in Oldenburg eröffnet. Daneben machen wir Öffentlichkeitsarbeit und waren vor Kurzem als Sachverständige im Bundestag für die Gesetzesentwürfe zum Bleiberecht von Jesid*innen.

taz: Wie finanziert sich Pena-Ger?

Seker: Wir beide arbeiten ehrenamtlich. Unseren bundesweiten Sprachmittler*innen-Pool finanzieren wir durch Spenden und Projektgelder.

taz: Sollte nicht der Staat für eine angemessene Beratung von Geflüchteten sorgen?

Alkis: Ja, aber der ist ja gut organisiert darin, Menschenrechte immer weiter auszuhöhlen. Ich glaube, historisch und gegenwärtig betrachtet, kommen wir um eine Gegenkontinuität nicht drumherum. Schon bei der Gründung von Pena-Ger waren ab 2024 Haushaltskürzungen im Bereich der Migrationsberatung geplant. Das haben wir jetzt nochmal ab 2027 bei der unabhängigen Asylverfahrensberatung.

taz: Was beschäftigt Ihre Kli­en­t*in­nen aktuell?

Seker: Neben drohenden Abschiebungen und Anhörungen beim Bamf die Verschärfungen durch das Gemeinsame europäische Asylsystem, die am 12. Juni in Kraft getreten sind.

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