Box-WM im Halbmittelgewicht: Im Hauptberuf Außenseiter

In den Hinterhof des Gegners gehen: So heißt das im Branchensprech, wenn ein Berufsboxer sich für den nächsten Kampf in einen fremden Wirkungskreis begibt. Wo nicht er, sondern der Kontrahent die Zuschauer in seiner Ecke weiß – und leider oft genug auch Ring- und Punktrichter. Es braucht schon etwas Mut und Selbstgewissheit für solche Ausflüge. Aber daran hat es Abass Baraou noch nie gemangelt. Sonst wäre der Mann aus Oberhausen vor knapp zwei Jahren in London kaum Europameister geworden, im Duell mit einem englischen Profi. Sowie auch Interims-Champion der World Boxing Association (WBA), nachdem er letzten August in Florida einen hoch gehandelten Kubaner über die volle Distanz bezwang.

„Vielleicht ist da manchmal ein Heimvorteil“, resümiert Baraou, „aber im Ring ist jeder allein. Deshalb mach ich mir keine große Platte. Ich vertraue auf meine Fähigkeiten, und ich habe sehr viel Erfahrung.“

Das gilt auch für den wichtigsten Vergleich in seiner Karriere. Der steigt diesen Samstag im Coliseo de Puerto Rico in San Juan, einer Großarena für bis zu 18.000 Zuschauer. Dort kämpft der 31-jährige, hauptsächlich in Oberhausen aufgewachsene Sohn togolesischer Eltern gleich um zwei anerkannte WM-Titel im Halbmittelgewicht (bis knapp 70 Kilo). Den einen (WBA-Verband) hat man ihm als Interims-Champion am grünen Tisch verliehen, weil der reguläre Weltmeister Terence Crawford seine Laufbahn beendet hat. Den anderen (WBO) stellt Xander Zayas, sein um acht Jahre jüngerer Widersacher aus dem karibischen Freistaat, zur Disposition. Der gilt mit seinem makellosen Rekord (22 Kämpfe, 22 Siege) als nationaler Hoffnungsträger.

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All die Möglichkeiten zu sehen, die sich mir bieten, das ist einfach unglaublich

Abass Baraou

Wieder der Typ in der anderen Ecke, wieder Gast im Hinterhof sein: Offenbar ist das die Rolle, die Baraou im wenig transparenten Boxbusiness zugedacht bleibt. Auf den 18 Stationen seiner denkwürdigen Reise (17 Siege, 1 Niederlage nach Punkten) hat der technisch so versierte Profi zwischen Klagenfurt und Koblenz, Orlando und Dubai seit seinem Debut 2018 drei Kontinente besucht. Und sich weder von coronabedingten Kampfpausen noch von der Flaute seines Sports in Deutschland ausbremsen lassen. „Ich musste einfach loslegen und den harten Weg gehen“, fasst er seine Achterbahnfahrt zusammen – von dem einen Promoter zum nächsten, von diesem Gym zu jenem oder wieder zurück.

Als „Free Agent“ erfolgreich

Manchen würde das über die Jahre zermürben, aber der eigenwillige Rechtsausleger ist dadurch im Zweifel noch zielstrebiger, noch hungriger geworden. Den festen Willen dazu hat er sich wohl von der alleinerziehenden Mutter abgeschaut, wie er in seinem Trainingscamp in Florida am Telefon vermutet: „Sie hatte immer drei Jobs gleichzeitig, um uns über Wasser zu halten.“ Außerdem ist Boxen trotz allem „meine Leidenschaft“ geblieben. Und ist er nicht gerade jetzt, als aktuell einziger deutscher Inhaber eines WM-Titels, in einer sehr lukrativen Ausgangsposition? „All die Möglichkeiten und Kämpfe zu sehen, die sich mir bieten“, schwärmt Baraou, „das ist einfach unglaublich.“

Möglichkeiten: Sie waren bereits zu erahnen, als der Youngster in seiner geschmeidigen Art bei den Amateuren reüssierte. Beim Chemiepokal in Halle kürten ihn Experten zweimal zum besten Stilisten; 2017 wurde er sowohl Europameister als auch Dritter bei der Heim-WM in Hamburg. Als er 2018 bei der deutschen Sauerland-Promotion einen Profivertrag abschloss, schien sich die Karriere stringent fortzusetzen. Dann wurde der Boxstall samt dem Vertrag mit ihm an ein US-amerikanisches Unternehmen verkauft; dort stand Baraou selten im Mittelpunkt. Also ließ er den Kontrakt auslaufen und suchte sich als „Free Agent“ neue, erfahrene Partner. Wie etwa den irischen Manager Paul Gibson und den renommierten US-Coach George Rubio.

Entscheidend aber war die Metamorphose im Ring. Während der 1,76 Meter große Athlet zunächst mehr auf seine ausgefeilte Technik gesetzt hat, ist er inzwischen ein aggressiver „Pressure Fighter“ geworden, der seine Gegner unermüdlich in den Schlagabtausch zwingt. Das ist eine so zehrende wie erfolgreiche Strategie, wie Baraou aus Erfahrung weiß: „Viele Boxer haben Probleme mit Druck, und ich bin gut darin, nach vorne zu gehen.“ So könnte der konstante Vorwärtsgang bei der Doppel-WM in San Juan „der Schlüssel“ sein, wie er schätzt. Zumal er überzeugt ist, dass er sein volles Potenzial „noch nicht ausgeschöpft“ hat, und seinen Kontrahenten aus früheren, gemeinsamen Sparringsrunden im Gym von George Rubio kennt.

Im Erfolgsfall könnte „der unbekannte Champion“, so das Fachblatt Ring Magazine, über Nacht Geschichte schreiben: Er wäre dann der erste deutsche Profi, der einen „Unification Bout“ in Übersee für sich entschieden hat. Unter solchen Vorzeichen ist für den boxenden Vagabunden vieles vorstellbar, einschließlich einer Heimkehr: „Mal gucken, was man dann in Deutschland machen kann …“

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