Comeback von Manuel Neuer: Der Torwart von gestern

E s ist endlich offiziell. Also fast. Jedenfalls laut Bild-Zeitung: Manuel Neuer is back. Back im Fußballnationalteam der Männer, aus dem er nach der EM 2024 mit 38 Jahren eigentlich zurückgetreten war. Ja, sogar als Nummer eins im Kader für die Weltmeisterschaft nächsten Monat wird er antreten.

Und, wenn die Bild das verkündet, dann ist das fast offizieller als die für Donnerstag geplante Bekanntgabe des WM-Kaders durch Bundestrainer Julian Nagelsmann höchstpersönlich. Auch DFB-Torwart Oliver Baumann wisse schon Bescheid, heißt es. Er fährt, mit seinen jungen 35 Jahren, doch nur als Ersatzkeeper zur WM. Obwohl er die DFB-Mannschaft durch die WM-Quali gebracht hat, muss er der Torwart-Legende Neuer (erfahrene 40) weichen.

Nagelsmann hält sich zu der Entscheidung noch bedeckt. Währenddessen haben sich aber schon die viel relevanteren deutschen Fußballstimmen geäußert: Lothar Matthäus versteht die Entscheidung aus sportlicher Sicht; was ihm nicht gefällt, sei die intransparente Art und Weise, wie Nagelsmann kommuniziere. Oliver Kahn spricht aus eigener Erfahrung und befürchtet, dass Neuer mit seinen 40 Jahren die WM nicht mehr auf allerhöchstem Niveau durchhalten könnte. Und Markus Söder weiß einfach: „Es macht Deutschland ein Stück stärker.“

Klar, Neuer ist auf jeden Fall ein Weltklasse-Torwart, der oft neben Iker Casillas und Gianluigi Buffon als einer der Top-Torhüter der letzten Jahrzehnte genannt wird. Letzterer spielte übrigens auch noch bis ins hohe Fußballalter von 40 Jahren für die italienische Nationalmannschaft – nur schaffte diese damals nicht die WM-Quali.

Der „Sweeper-Keeper“ aus Gelsenkirchen mit seinem Hang zum Mittelfeldspieler bringt aber vor allem eines mit: einen Hauch von Nostalgie. Denn Neuer war schon damals dabei, in den vermeintlich sorglosen Zeiten, als die deutschen Männer zum letzten Mal Weltmeister wurden. Als Deutschland noch stark war.

Damals 2014 …

Vielleicht ist es gar nicht wirklich sein Können, weswegen Nagelsmann den Keeper nochmal aus der Fast-Rente zurückholt. Sondern: eine Sehnsucht. Eine Sehnsucht nach 2014. 2014, das war das Jahr, als das Internet noch ein vermeintlich unverdorbener Ort war. Voll „Ice Bucket Challenge“, Conchita Wurst, Latte Art und Skinny Jeans. Manuel Neuer machte als junger, blonder Bursche im Fernseher mit Mats Hummels und Mesut Özil Werbung für Nutella. Das Leben war gut.

Ja, okay, die Klimakrise war voll im Gange. Und es war auch das Jahr der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim durch Russland, des Völkermords an den Jesiden in Irak und einer schrecklichen Ebola-Epidemie in Westafrika. Und in Dresden gründete sich Pegida. 2014, das war streng genommen die allerletzte Ruhe vor dem Sturm.

Aber man muss ja auch nicht immer alles gleich so politisieren. Die eigentliche Frage ist doch schließlich: Wo waren Sie damals, als Deutschland die Brasilianer in ihrem eigenen Land mit 7:1 vom Platz fegte? Erinnern Sie sich auch an die legendären Paraden von Manuel Neuer? Und dann auch noch das Finale: Schland gegen Argentinien! Sogar Kanzlerin Merkel und Bundespräsident Gauck flogen extra nach Brasilien.

So glücklich wie damals im Freudenrausch auf der VIP-Tribüne haben wir „Mutti“ nie wieder erlebt. Es gab sogar ein Selfie mit der Mannschaft in der Kabine. Beim Public Viewing ertönte „Happy“ von Pharrell Williams und wir feierten zu „Atemlos durch die Nacht“ den letzten richtigen Triumph der Fußballmänner. Na, kommen da nicht nostalgische Gefühle auf? Genau so soll es bitte wieder werden, oder?

Nur eine kleine Unsicherheit bleibt, eine Wadenblessur bei Neuer könnte im letzten Moment alle Träume platzen lassen. „Hält die Wackel-Wade?“, fragt die Bild ängstlich. Und klärt auf: Es handle sich nicht um eine strukturelle Muskelverletzung. Glück im Unglück? Seien wir ehrlich: 2014 wird nicht zurückkehren. Und Manuel Neuer kann – sollte er wirklich zur WM fahren – nur verlieren.

  • informationsspiegel

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