
S . fragt, ob ich mit ihm tanzen gehen möchte. Heute. Ich habe noch zwei weitere spontane Angebote für Dates, aber ich schlage alle aus, ich brauche mal einen Abend zu Hause. Als mein Therapeut ein paar Monate nach meiner Trennung von meinem Freund gesagt hatte: „Sie können heute noch einen Mann haben!“, war ich nicht nur irritiert, sondern auch skeptisch (und trennte mich kurz danach auch vom Therapeuten), aber Dating-Apps machen’s möglich, das weiß ich mittlerweile. Heute aber antworte ich S.: „Ein anderes Mal gerne.“ Er antwortet: Klar, das machen wir.
Und schreibt ein paar Tage später, er sei gerade mit dem Rad durch meinen Kiez gefahren. „Nächstes Mal sag vorher Bescheid, dann trinken wir einen Kaffee zusammen“, antworte ich. Er reagiert mit einem Smiley. Kurz darauf kommt noch eine Nachricht von ihm: Am Freitag habe er ein freies Zeitfenster zwischen 16 und 18 Uhr, nach der Arbeit und bevor er sein Kind übernimmt; ob ich dann einen Kaffee trinken wolle? Das ist wirklich sehr konkret und sehr unflexibel, aber so ist es eben mit Kindern, außerdem mag ich seine Nachrichten (und seine Fotos), und Zeit habe ich auch.
„Ich trage eine grüne Jacke und bin etwas nervös“, schreibt S. kurz vor unserem Treffen ein paar Tage später. Das finde ich süß. Meine eigene Nervosität bei ersten Dates hält sich meist in Grenzen, ich erwarte nichts von ihnen, außer ein paar Stunden guter Unterhaltung. Und die bekomme ich in der Regel. Allein schon, weil mich das Leben fremder Menschen interessiert und ich Profi im Fragenstellen bin.
S. bestellt Cheesecake. Endlich mal ein Mann, der dem Zucker nicht abgeschworen hat. Ich bestelle natürlich auch Cheesecake. S. spricht Deutsch, obwohl es nicht seine Muttersprache ist, und obwohl wir uns im Chat in seiner Sprache unterhalten hatten. Mir gefällt, dass er mir so entgegen kommt. Mündlich bin ich in seiner Sprache wesentlich unsicherer, und ich mag seinen Akzent. Er erzählt, wie er sich selbst beim Tanzen beobachtet, „Defizite“ bemerkt habe und an diesen nun arbeiten wolle. Das finde ich so schräg wie süß. Am Ende streicht er über meinen Ärmel, „ganz weich“, und um mich ist es geschehen.
Wir küssen uns, sanft, vorsichtig, tastend
Ich schreibe meinen Freundinnen, dass ich ein bisschen verliebt sei. Gleichzeitig frage ich mich, ob es Fetischisierung ist – ich schmelze bei diesem Akzent einfach dahin. Aber S. ist auch einfach charming.
In der Woche darauf besuchen wir einen Tanzkurs, Drop-in, und gehen danach noch etwas trinken. Ich bringe ihm bei, zu Oberschöneweide oberschweineöde zu sagen, eine Herausforderung für seine Zunge.
Dann sagt er, dass er meinen Sch-Laut mag. Wie bitte? Es gibt jemanden, der das Sch als Laut mag, auch noch meines; was ist die Steigerungsform von Himmel?! „Dann sage ich jetzt besonders oft ‚sch‘“, sage ich, leicht lasziv. „Für mich?“ fragt er, als hätte ich ihm eine Liebeserklärung gemacht. Wir sind längst so nah aneinander gerückt, dass wir uns fast berühren, er beugt sich noch ein wenig weiter vor und wir küssen uns, sanft, vorsichtig, tastend.
Es ist spät, ich bin müde, muss am nächsten Tag arbeiten. Wir verabschieden uns mit noch einem Kuss. Am nächsten Mittag eine Nachricht von ihm. „Wie läuft dein Tag?“, fragt er, und in Klammern: („Wie schön waren die Küsse gestern.“)






