Debatte um Thélyson Orélien: Um Integrität geht es nur am Rande

Dass der Kulturkampf in Frankreich mit harten Bandagen geführt wird, ist spätestens seit dem Einstieg des rechtsextremen Unternehmers Vincent Bolloré beim Mutterkonzern des Verlagshauses Grasset für jeden ersichtlich, der eine französische Buchhandlung betritt. Wo man hierzulande noch über die Symbolkraft des Axel-Springer-Preises für den rechten Investor und Antichrist-Experten Peter Thiel diskutiert, hat Bolloré längst Tatsachen geschaffen, unliebsame Herausgeber auf die Straße gesetzt und ganze Redaktionen vergrault, die seinem rechtsextremen Weltbild nicht entsprechen.

Nun ist der Kampf um die kulturelle Hegemonie in der fünften Republik um eine neue Feldschlacht reicher. Hauptakteur in dieser Runde ist der haitianisch-kanadische Autor Thélyson Orélien, dessen für den Prix Goncourt nominierter Roman „Es war das oder sterben“ sich aktuell einem KI-Plagiatsvorwurf ausgesetzt sieht, der vom zunächst anonymen X-Account „Balance ton Claude“ ins Feld geführt wurde.

Nicht der Autor selbst soll seine odysseehafte Migrationserzählung verfasst haben, sondern eine KI. Als Smoking Gun bezieht man sich auf das KI-Erkennungstool Pangram, das zu einem deutlichen Urteil kommt: 94 Prozent des Romans sollen künstlichen Ursprungs sein. Im DLF-Kultur-Interview weist der KI-Experte Moritz Metz darauf hin, dass die False-Positive-Rate von Tools wie Pangram vor allem bei langen Texten im Promillebereich liegt. Dennoch meldet nicht nur der deutsche Übersetzer Jürgen Ritte in einem SZ-Interview Zweifel an der Plausibilität der Vorwürfe an. Kann ein Large Language Model wirklich den ganzen Literaturbetrieb (und ihn selbst) hinters Licht geführt haben?

Es ist ein Fall, der natürlich an den von Jason Arday erinnert, der im Sommer das akademische wie politische Großbritannien gleichermaßen in Beschlag nahm und der im Suizid des vermutlich hochstaplerischen Soziologiestars und Autisten endete. Der Fall wurde von rechts wie links für unlautere Zwecke instrumentalisiert und bald schien es nicht mehr um den Wahrheitsgehalt der Anschuldigungen zu gehen, sondern um die Frage: Haben sich „woke“, akademische Institutionen aus ideologischen Gründen blenden lassen? Und haben rechte Hetzkampagnen einen zwar prominenten, doch ansonsten nicht besonders singulären Plagiatsfall zum antiwoken Emblem gemacht und Arday letztlich in den Suizid getrieben?

Die Luft wird dünner

Auch im Fall Orélien mischt die Rechte kräftig mit. Hinter besagtem X-Account „Balance ton Claude“ steckt unter anderem der rechte Le-Figaro-Journalist Samuel Fitoussi. Der Figaro war es auch, der die Debatte durch mehrere Artikel so richtig ins Rollen gebracht hatte. Gerade im Hinblick auf den Ausgang des Falls Arday sollte man also Vorsicht walten lassen und prüfen, wer aus welchen Gründen in Richtung des unter Verdacht geratenen Autoren schießt.

Allerdings wird die Luft um Orélien immer dünner. Denn immer neue Enthüllungen legen nahe: Der Autor nahm es auch vor dem Advent generativer KI nicht besonders genau mit der Urheberschaft. Bis zurück ins Jahr 2010 gehen die Plagiatsvorwürfe inzwischen, und beinahe täglich kamen in den letzten Tagen neue Anschuldigen hinzu. Zeitungsartikel, Kurzgeschichten, Gedichte, überall finden sich wohl ganz klassisch plagiierte Textstellen, auf die die KI-Detektoren nicht anspringen.

Bisher streitet Orélien die Vorwürfe ab, wittert eine Kampagne, auch sein Verlag Grasset spricht von Fake News. Der Autor erlebt derweil längst sein persönliches Waterloo. Sein kanadischer Verlag hat die Lesereise gecancelt, der Prix Goncourt hat ihn von der Longlist gestrichen, nach eigenen Angaben, um die „Integrität des Preises“ zu schützen.

Doch ist die nicht längst dahin, wenn selbst ein Gremium aus sogenannten Experten anscheinend nicht mehr unterscheiden kann, was menschlichen Ursprungs ist, was Retorte? Wie bei Jason Arday dreht sich auch diese Debatte nicht zwangsläufig um Fragen der Integrität literarischer Texte, sondern um politische Kampfbegriffe wie DEI, Wokeness: die üblichen Talking Points. Zu allem Überfluss meinen manche schon, in ein paar Jahren würde sich ohnehin niemand mehr an der literarischen Nutzung textgenerierender KI stören, wozu also der Aufriss?

Sollten sich die Anschuldigungen als wahr herausstellen, gibt es wie fast immer beim Thema „künstliche Intelligenz“ vor allem einen Verlierer: die Literatur selbst, samt der Autor*innen, die nicht anders können, als zu schreiben, die sich nicht um Preise, Anerkennung und Ruhm scheren, und die zusehen müssen, wie das Fundament, auf dem sie ihr Leben gegründet haben, von KI-Evangelisten wie Sam Altman oder Elon Musk geschliffen wird.

Fast scheint es, als hätten selbst die elitärsten Institutionen des literarischen Establishments der anti-intellektuellen Konterrevolution des KI-Zeitalters nicht das geringste entgegenzusetzen, wenn man auch dort nicht mehr unterscheiden kann, was ein genuiner Text ist und was die Roboter dafür ausgeben. Zu fragen bleibt: Wie soll man sich unter diesen Voraussetzungen eigentlich noch ohne galoppierende Depression an den Schreibtisch setzen?

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