Debütroman von Saba Sams zu Mutterschaft: Eine Art Geschenk

Das Austarieren von Nähe war schon in Saba Sams’ gefeiertem Debüt „Send Nudes“ ein großes Thema. Der mehrfach ausgezeichnete Erzählungsband machte die 1996 geborene Autorin zu einer der wichtigsten jüngeren Stimmen der britischen Gegenwartsliteratur. Nun liegt ihr erster Roman vor und der Frage nach den Möglichkeiten und Fallstricken zwischenmenschlicher Nähe spürt sie auch hier nach.

„Wir sind das Leben“, erzählt von Jules, Nim und Leon, zwei Frauen und einem Mann, von ihren Verbindungen untereinander. Der Roman beginnt in der Erzählgegenwart, in der die Mittdreißigerin Jules mit einem Neugeborenen auf dem Arm voller Unruhe auf die Rückkehr der verschwundenen 18-jährigen Nim hofft, die das Kind kurz zuvor geboren hat. Der Großteil des Buches ist in Rückblenden erzählt, die jüngere und weiter zurückliegende Vergangenheit entfaltet sich in den Erinnerungen der Ich-Erzählerin Jules.

Wir erfahren früh von ihrem starken Wunsch, Mutter zu werden. Sie heiratet mit Ende zwanzig Leon, beschrieben als ein charismatischer Taugenichts, der zu viele Drogen konsumiert und Besitzer des in Brighton bei Stu­den­t*in­nen beliebten Nachtclubs „Gunk“ ist.

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Der Roman

Saba Sams: „Wir sind das Leben“. Aus dem Englischen von Yvonne Eglinger. Piper Verlag, München 2025. 224 Seiten, 22 Euro

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Der runtergerockte Laden ist ein idealer Anbahnungspunkt für seine zahlreichen Affären. Die nimmt Jules lange hin, trennt sich schließlich von ihm, hält aber weiter den Club am Laufen. Ihr Kinderwunsch bleibt unerfüllt. Es ist ein von Routinen geprägter Alltag, in dem Jules sich eingerichtet hat.

Intime Beziehung

Hier nun betritt Nim die Bühne: „Wenn ich die Augen schließe, sehe ich noch immer Nim vor mir im Club, so wie sie an dem Abend war, an dem wir uns kennenlernten. Sie steht mit mir hinter der Bar, Glasflaschen aufgereiht hinter ihrem Kopf, das Haar samtig kurz rasiert, und ihr Mund ist groß und feucht und lacht und zieht alles Licht in dem schwülen, stroboskopdurchblitzten Raum an“, erinnert sich Jules. Wie schon in Sams’ Erzählungen spielen auch im Roman sinnliche, körperliche Wahrnehmungen eine wichtige Rolle, sie sind Impulsgeber für unvermittelte Anziehung, lassen geschilderte Begegnungen dicht und intim wirken.

Es ist die Beziehung zwischen den beiden Frauen, auf die Sams sich fokussiert, die sie in ihrer Wechselhaftigkeit, ihrer Ungreifbarkeit und Unbestimmtheit mit großem Feingefühl zeichnet. Diese jüngere Vergangenheit mit Nim gestaltet die Autorin in intensiven Szenen des Miteinanders, die den Lesenden auch durch die lebendigen Dialoge fast filmisch vor Augen stehen. Während die weiter zurückliegende Zeit mit Leon wie auch Episoden aus ihrer Kindheit von Jules größtenteils nur erzählt werden. So wird ihr „schon immer“ existierender Wunsch Mutter zu sein, nicht wirklich greifbar.

Hat ihren Debütroman geschrieben: Autorin Saba Sams

Foto: Sophie Davidson/Piper Verlag

Doch Sams’ literarische Neuerkundung der Vorstellungen von Mutterschaft und Familie ist von schöner Originalität. Nim wird nach einem One-Night-Stand mit Leon schwanger. Sie will das Kind nicht – möchte, dass es bei Jules aufwächst. Sie versteht es als eine Art Geschenk. Diese Möglichkeit ist für Jules verheißungsvoll, macht das Verhältnis zwischen den Frauen aber noch spannungsreicher, ihre Rollen diffus.

Wie angemessen oder übergriffig ist die Fürsorge, die Jules Nim entgegenbringt, die selbst keine liebevolle Mutter hatte, auf sich gestellt ist? Wie bedürftig ist Jules, die ihre Aufgabe darin sieht, sich um andere zu kümmern? Während der Schwangerschaft zieht Nim bei Jules ein, beide zeigt Sams in ihrer Verletzlichkeit, ihren Ängsten. Ihren Aushandlungen, wer sie füreinander sind – oder sein könnten, wenn das Baby zur Welt kommt. Doch eine Art Familie, auch wenn sie einander nicht in klassischer romantischer Liebe verbunden sind?

Saba Sams hinterfragt, ohne eindeutige neue Antworten zu geben. Aber dass es um große Gefühle, ja um Liebe geht, daran lässt sie keinen Zweifel. Das erfüllt ihr Romandebüt mit großer Wärme und auch Hoffnung.

  • informationsspiegel

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