Eine Killertruppe marschiert durch den Vordereingang eines klandestinen CIA-Büros und bringt alle um. Ein bebrillt-belesener CIA-Angestellter überlebt ein Massaker an seinen Kollegen nur, weil er, Kind der Sechzigerjahre mit andeutungsweise freigeistiger Frisur, zur Mittagspause wieder mal die unerlaubte Abkürzung durch den Keller nimmt.
Dienstweg gleich Holzweg. Der Bücherwurm heißt Joseph Turner, Deckname „Condor“, ist nun auf der Flucht und muss versuchen, am Leben zu bleiben und zugleich herauszubekommen, wer und warum und so weiter. Bald stellt sich heraus: Es waren die eigenen Leute.
Der kürzlich verstorbene Robert Redford spielt Condor als jungen und, weil es Robert Redford ist, sehr hübschen Intellektuellen ohne Außendiensterfahrung. Sein Job: aktuell erscheinende Romane, vor allem Krimis, aus aller Welt zu lesen und für die CIA auszuwerten, auf der Suche nach neuen Methoden für Anschläge, Tötungsmethoden, generell Inspirationen. „Wer denkt sich solche Jobs aus?“, fragt Turner ganz richtig und etwas resigniert. Da haben seine Vorgesetzten schon dreimal versucht, ihn zu töten.
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„Die drei Tage des Condor“. Wieder im Kino am 5. 5. 26, im Rahmen der Reihe „Best of Cinema“ in restaurierter 4K Fassung
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Wirklichkeiten antizipieren
In einer Hinsicht tut Turner in seiner Analysearbeit im Prinzip das Gleiche wie der Film, der ihn in Szene setzt: Er beschäftigt sich mit Imaginärem, um mögliche Wirklichkeiten zu verstehen und zu antizipieren. Und es gab in den Imaginationen des Spionagethrillers der Siebzigerjahre sehr gute Gründe, mit einem ausdauernd misstrauischen Blick durch die Welt zu gehen.
Der Hintergrund des Paranoiakinos der Dekade nach dem Ende des Sommers der Liebe 1967 war massiver Vertrauensbruch: tödliche Polizeigewalt gegen Studentinnen und Studenten, die Ermordung zentraler Figuren der Bürgerrechtsbewegung, die Lügen über den Vietnamkrieg, Watergate natürlich und die mit alldem verbundene Wahrnehmung, dass keiner, der mit der Macht und ihren Apparaten verbunden ist, vertrauenswürdig sein kann.
Das Kino schickte der westlichen Welt New Hollywood zur Klärung der Lage. Der amerikanische Traum wurde in „Easy Rider“ in voller Fahrt von der Harley geschossen. Es folgten gedeckte Farben, Alltagsnähe, Abbau des Heldentums, Ambivalenz, Desillusioniertheit.
Vom Bücherwurm zum Helden
Heldentumdekonstruktion findet man in „Die drei Tage des Condor“ allerdings nicht. Turner wächst in kürzester Zeit über sich hinaus, entwickelt MacGyver-artige Züge, handelt fokussiert, analytisch und tatkräftig und verprügelt einen der Killer, die auf ihn angesetzt worden sind, formvollendet. Letzteres mithilfe eines Entführungsopfers, einer Fotografin, die depressiv gestimmte Landschaften fotografiert. Eine weitere Figur in diesem Film, die sich ständig ein Bild machen muss.
Der Bücherwurm jedenfalls wird zum schlagkräftigen Tatmenschen, und um die Heldenkonstruktion komplett zu machen, muss diese Kombination natürlich unwiderstehlich sein. Die von Faye Dunaway gespielte Kathy Hale wird von Turner mit vorgehaltener Waffe dazu gezwungen, ihn in ihrer Wohnung zu verstecken. Er fesselt und knebelt sie über Nacht und kommt ihr auch sonst unangenehm nahe. Kathy verliebt sich umgehend und schläft mit Turner, nachdem sie ein paar Filmminuten zuvor damit gerechnet hatte, von ihm vergewaltigt zu werden.
So etwas muss im Kino der Siebzigerjahre als Männerfantasie wohl noch irgendwie plausibel gewirkt haben, gelernt durch Wiederholung. Die Zahl der Frauenfiguren, die im Laufe der amerikanischen Filmgeschichte von Männerfiguren im buchstäblichen oder übertragenen Sinne an die Wand geworfen werden, um ihnen dann zu verfallen, ist groß.
Verschwörung, Angst und Gegenwehr
Von dieser eher idiotisch-virilen Sequenz abgesehen ist „Die drei Tage des Condor“ augenöffnend auch in Hinblick auf die Gegenwart, also die Zukunft der Welt, in der er spielt. Die finstere Paranoiafantasie von einst erscheint heute im Vergleich zum aktuellen Treiben würdevoll und stimmt deswegen nostalgisch. Verschwörung, begründete Angst und Gegenwehr waren 1975 noch insofern miteinander verbunden, als alle drei eine gemeinsame Logik und Rationalität hatten.
Es gab etwas zu analysieren, Kausalitäten und Interessen zu identifizieren, Muster herzustellen und die eigenen Erkenntnisse als Ausgangsbasis für die eigenen Aktionen auszuwerten. In einer der vielen signifikanten Szenen hackt Robert Redford sich sozusagen analog in die Telefonzentrale der Stadt ein, um verschiedene Gesprächspartner ohne ihr Wissen miteinander zu verknüpfen, sodass er an die Informationen kommt, die er braucht, um zu verstehen, was los ist. Wer ist Gegner, wer ist Verbündeter, wer ist Feind? Wer erschießt wen und warum?
In einem Film von 2026 hingegen würde ein Plotverlauf wie der von „Die drei Tage des Condor“ und die dazugehörige Paranoiaatmosphäre eher irreal wirken. Wir haben in den letzten zehn Jahren lernen müssen, dass es sich beim delirierenden Gefasel eines aller Wahrscheinlichkeit nach an Demenz Erkrankten, auf jeden Fall aber mit einer pathologisch narzisstischen Vollmeise gestraften Präsidenten um eine wirkmächtige Form der politischen Rede handelt.
Auch könnte man gerade keinen in der Jetztzeit spielenden US-Spionagethriller über das FBI drehen, der die Institution auch in ihrem Gewaltpotenzial ernst nimmt und ihr wenigstens die Würde des Bösen verleiht, während dem Laden ein sagenhaft lächerlicher Chef vorsteht.
Die Würde in der Schweinehaftigkeit
1975 war der filmische Blick auf die eigene Gesellschaft finster, aber klar strukturiert (und Sydney Pollacks ruhig-nüchterne, das Geschehen eher aufzeichnende als dramatisierende Inszenierung trägt dazu wesentlich bei). Im Abgleich zu dem Bild, das die Apparate der Herrschaft in den USA momentan abgeben und dem man sich nur durch eine Totalverweigerung des Medialen entziehen könnte, also gar nicht, strahlte das Bild der Macht damals, 1975, bei aller Bedrohlichkeit und Schweinehaftigkeit so etwas wie Würde aus.






