Die Wahrheit: 56 Millionen Deutsche sind betroffen

Dietrich Becker fährt dieser Tage mit einem kommunalen Kleintransporter durch die Straßen Schwerins und schraubt Straßenschilder ab. Er stellt seinen Klapptritt unter dem Straßenschild auf, dann steigt er hinauf und löst mit dem Akkuschrauber die Schrauben. Ein, zwei Sekunden dauert das, Becker arbeitet routiniert. Dann wirft er das Schild, weiße Lettern auf blauem Grund, in hohem Bogen auf seine Ladefläche, verstaut den Klapptritt und fährt zur nächsten Kreuzung. „Lübecker Straße, Friedensstraße, Sandstraße“, sagt Becker in gedehntem Norddeutsch am Steuer. „Muss alles wech!“ Auf der Ladefläche glänzt der Straßenschilderberg in der Mittagssonne.

Warum diese Szenen? Julia Kapalenka, die leitende Justiziarin im Schweriner Rathaus, lehnt sich weit über den Konferenztisch, als sie das Unglaubliche ausspricht: „Alle Straßenschilder, auf denen das Wort ‘Straße’ vorkommt, müssen wir abmontieren.“ Kapalenka schluckt. Die Beamtin muss vollstrecken, was längst an anderer Stelle entschieden wurde. Im Februar meldete ein Münchener Start-up beim Amt der Europäischen Union für geistiges Eigentum im spanischen Alicante die Wortmarke „Straße“ an. Seither darf das Wort nicht mehr verwendet werden.

Die Städte und Gemeinden, die den neuen Markenschutz zunächst ignorierten, erhielten Anfang Juli Post vom Markenamt. Bis spätestens Anfang 2027 müssten sie „alle Straßen mit einem das Wort ‚Straße‘ beinhaltenden Straßennamen“ umbenennen. „Wir sind in Schwerin vergleichsweise früh dran mit der Umsetzung, aber die anderen Städte werden in den nächsten Monaten nachziehen müssen“, sagt Kapalenka.

Die neuen Straßennamen wurden Ende Juli in einer Sondersitzung der Schweriner Stadtvertretung beschlossen. Schwerin war kreativ. Die neuen Straßen heißen Weg, Gasse, Chaussee, Umweg, Durchschlupf, Boulevard. Inspiration holte sich die Stadt im Woxikon-Synonym-Wörterbuch. „Ab zwei Bäumen am Straßenrand kann getrost von einer Allee gesprochen werden“, stellt Kapalenka fest. Sind Gewässer in Sichtweite, sagen die Schweriner künftig: Promenade.

Mahnwache vom Bürgerverein

Vor dem Rathaus hält Angela Erkenschwick vom neugegründeten Bürgerverein „Für den Erhalt der Straßen-Straßen“ eine Mahnwache ab. Sie sagt: „Allee und Chaussee sind ja gerade noch okay. Aber warum soll die Willi-Bredel-Straße künftig Willi-Bredel-Autobahn heißen, obwohl sie in einer 30er-Zone liegt? Und was ist mit der historischen Bischofstraße in der Altstadt, die in ‚Bischofsdings‘ umbenannt werden soll?“

Justiziarin Kapalenka zeigt sich verständnisvoll. „Darüber bin ich auch nicht sehr glücklich. Irgendein Sachbearbeiter hatte da scheinbar keine Lust mehr, nach weiteren Synonymen zu suchen.“ Doch damit nicht genug. „Am unglücklichsten gelaufen ist es mit der Heinrich-Heine-Straße“, räumt Kapalenka ein. Die Schweriner Heinrich-Heine-Straße heißt in Zukunft „Zum Dosenobst“. „Wir können heute nicht mehr rekonstruieren, wie dieser Straßenname entstanden ist, aber er ist jetzt leider beschlossen“, sagt Kapalenka.

Dass in den kommenden Monaten in ganz Deutschland die Straßennamen geändert werden müssen, dass schätzungsweise 56 Millionen Deutsche eine neue Adresse erhalten, geht auf eine Liberalisierung des Markenrechts zurück. Früher waren Allgemeinbegriffe wie „Straße“ nicht markenfähig. Doch in einem Gesetz zum Bürokratieabbau schafften die EU-Gesetzgeber Anfang des Jahres die alten Einschränkungen ab. „Um Standortnachteile zu vermeiden und Bürokratie abzubauen, sind künftig rundweg alle Worte markenfähig“, heißt es in der knappen Begründung. Die weitreichende Folge des Gesetzes: Privatpersonen und Unternehmen dürfen nun Inhaber eines Wortes werden.

Liberalisierung des Markenrechts

Julia Kapalenka von der Stadt Schwerin will das nicht einfach hinnehmen. „Wir werden in einem ersten Schritt die Begriffe Weg, Chaussee, Haus, Katze, Maus, Baum und Gartenstuhl als Wortmarke anmelden und damit zu einer Rückvergesellschaftung der Sprache beitragen“, sagt sie kämpferisch. Die Hoffnung sei, dass andere Städte nachzögen. Auch die Zivilgesellschaft sei gefragt.

Das Münchener Start-up, das sich die Wortmarke „Straße“ sicherte, will sich zu alledem nicht äußern. „DIE STRAßE GmbH“ sitzt in einem Hinterhof am dortigen Frankfurter Ring. Weil niemand auf unsere Anfragen per Mail antwortet, fahren wir Ende Juli zum Unternehmenssitz und klingeln. Ein blondgelockter junger Mann öffnet, Polohemd, Statement-Brille. Als wir uns als Pressevertreter vorstellen, reißt er die Augen auf und schlägt die Glastür zu. „Building the streets of tomorrow“ steht in großen Lettern darauf. Und darunter, etwas kleiner: „DIE STRAßE GmbH entwickelt Fertigbaustraßen für den Schnellstädtebau.“ Wir reisen verwirrt ab.

Dietrich Becker schraubt derweil in Schwerin weitere Straßenschilder ab. Ihm sei das alles egal, er mache nur seinen Job, sagt der 53-Jährige, als er wieder einmal auf seinen Klapptritt steigt. In spätestens zwei Wochen sollen alle Straßen-Straßen-Straßenschilder abmontiert sein. Dann beginnt das große Umlackieren.

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