S alome Krug und Kjell Winter steigen ganz vorne in den ICE ein. „So werden wir entweder ganz am Anfang oder gar nicht kontrolliert“, erklärt Krug. Sie ist zugerfahren, weiß Bescheid, wann und wo es üblicherweise Kontrollen gibt und welche Züge sie besser meidet. Der ICE von Berlin Hauptbahnhof nach Amsterdam ist einer der wenigen mit Fahrradabteil, dort stellen sich Krug und Winter an den Rand und warten. „Ich fahre ohne Ticket – da setze ich mich nur, wenn alle anderen einen Platz gefunden haben“, sagt die 39-Jährige. Als sich das Aneinander-vorbei-Geschiebe und das Taschen-Verstauen gelegt hat und alle sitzen, geht Krug – schlank, mit Zopf und Brille – durch die Reihen und scannt bei noch freien Sitzen die Reservierungsanzeigen. Ein Platz ist frei, sie setzt sich.
Winter läuft weiter und setzt sich im Vorraum auf den Boden. Diesen Zug haben sie gewählt, weil er, nicht wie andere ICEs auf dieser Strecke, in Stendal und Wolfsburg hält. Das heißt: Sollten sie aus dem Zug geworfen werden, dann immerhin erst in Hannover. „In Stendal rausgeworfen werden, ist richtig doof“, sagt Krug. Der Bahnhof ist klein, ICEs halten hier nur selten – und er liegt gerade einmal 44 Minuten hinter Berlin. Bis zu ihrem Ziel, Osnabrück, ist es da noch weit. Von Hannover hingegen können sie notfalls auch mit der Regionalbahn weiterfahren – mit dem ICE dauert das eine Stunde, 6 Minuten. Mit dem Regio gerade mal 22 Minuten mehr.
Salome Krug und Kjell Winter sind sogenannte Aktions-Freifahrerinnen. Sie fahren ohne Ticket mit der Deutschen Bahn. Zum einen, weil sie wenig Geld haben, aktivistisch viel unterwegs sind und ICE-Fahrkarten teuer sind. Vor allem aber, weil sie finden, dass Mobilität allen Menschen möglich sein sollte. Gut sichtbar tragen sie Schilder vor ihren Oberkörpern. Auf Krugs Schild steht: „Kostenloser Verkehr für alle! Eine wirklich soziale und ökologische Verkehrswende kann nur mit einem kostenlosen, gut ausgebauten, öffentlichen Verkehrsnetz gelingen“. Und weiter: „Nulltarif statt Knast. Strafe löst keine Probleme, sondern schafft nur neues Elend“. Niemand sollte, findet Krug, wegen nicht bezahlter Fahrkarten ins Gefängnis kommen.
Das nämlich sieht das Strafgesetzbuch vor: Laut Paragraf 265a können Menschen wegen sogenannter Erschleichung von Leistungen eine Geldstrafe bekommen oder aber eine Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr. Das Gesetz lässt offen, nach wie vielen erwischten Fahrten ohne Fahrschein das Verkehrsunternehmen eine Anzeige stellen kann.
Oft werden drei Fahrten zu einer Anzeige summiert. In 95 Prozent der Fälle kommt es dann zu einer Geldstrafe, hat die Kriminologin Nicole Bögelein von der Universität Köln berechnet. In nur 5 Prozent werden Freiheitsstrafen ausgesprochen. Dennoch sitzen pro Jahr etwa 9.000 Menschen wegen Fahrens ohne Fahrschein in den Gefängnissen in Deutschland. Die meisten von ihnen wegen einer sogenannten Ersatzfreiheitsstrafe – wer die Geldstrafe nicht zahlen kann und beispielsweise wegen psychischer Krankheit keine Sozialstunden ableisten kann, muss sozusagen ersatzweise ins Gefängnis.
Ein Tag Haft kostet in Deutschland durchschnittlich 200 bis 220 Euro. Menschen sitzen also für ein paar Euro nicht bezahlter Tickets Haftstrafen von rund 50 Tagen ab. Wegen rund 10 Euro Einnahmenausfall für ein Verkehrsunternehmen steckt der Staat Menschen in den Knast, wodurch ihm umso mehr Kosten entstehen, nämlich rund 10.000 Euro.
Es gibt eine Gesetzeslücke
Auf diesen Missstand wollen Aktions-Freifahrerinnen aufmerksam machen. Und sie nutzen dafür eine Gesetzeslücke. Der Paragraf des „Erschleichens von Leistungen“ – 1935 von den Nazis eingeführt – setzt voraus, dass sich jemand, so heißt es in einem Urteil des Bundesgerichtshofs aus dem Jahr 2009, mit dem „Anschein umgibt“, ein ordnungsgemäßer Fahrgast zu sein. Wer also versucht, sich ohne Ticket durchzumogeln, macht sich strafbar.
Deshalb tragen Salome Krug und Kjell Winter die Schilder vor der Brust. Ganz oben steht darauf: „Ich habe kein gültiges Ticket“. Damit „erschleichen“ sie sich keine Leistung, so ihre Argumentation.
Winter und Krug sind nicht die ersten, die sich für eine Entkriminalisierung des Paragrafen 265a einsetzen. Neben diversen Kampagnen aus dem aktivistischen Spektrum, hat das Thema auch immer wieder die höchste Ebene der Politik beschäftigt. Zuletzt hatte in der vergangenen Legislaturperiode die FDP einen entsprechenden Gesetzentwurf vorgelegt.
Nach den Neuwahlen im Februar 2025 schied die FDP aus dem Bundestag aus, und der Entwurf wurde nicht weiter diskutiert. Stattdessen brachten Mitte November 2025 sowohl Die Linke als auch Die Grünen eigene Entwürfe in den Bundestag ein. Nach Überweisung in den Rechtsausschuss wurden sie im April dieses Jahres in Zweiter Lesung im Bundestag abgelehnt. Auch von der SPD.
Dabei hatte sich kurz zuvor selbst die von der SPD gestellte Bundesjustizministerin Stefanie Hubig für eine Entkriminalisierung des Fahrens ohne Ticket ausgesprochen. „Wir haben in der Koalition ein modernes Strafrecht vereinbart – das heißt für mich auch, dass wir die Strafwürdigkeit des Schwarzfahrens neu bewerten müssen“, sagte sie Anfang April der Neuen Osnabrücker Zeitung. Angesichts überlasteter Gerichte und Gefängnisse müsse man sich fragen, ob Menschen, die sich keinen Fahrschein leisten können und deshalb im Gefängnis landen, dort wirklich hingehörten. Eine mögliche Gelegenheit für Änderungen könnte die von der Strafrechtsreform der Koalition werden. Die CDU lehnt eine Entkriminalisierung allerdings bislang strikt ab.
Im ICE von Berlin nach Amsterdam betritt kurz hinter Berlin-Spandau ein Zugbegleiter das Abteil, in dem Salome Krug sitzt. Nach und nach läuft er gemächlich die Reihen ab, fragt nach den Fahrscheinen. Dann ist Krug an der Reihe. Mit neutraler Mimik fragt der Zugbegleiter: „Ich nehme an, Sie wollen eine Fahrpreisnacherhebung?“ Krug fragt darauf höflich zurück: „Haben Sie schonmal so ein Schild gesehen?“ Der Zugbegleiter will sich offenbar auf keine Diskussion einlassen, kurz angebunden, aber gelassen sagt er: „Fakt ist, Sie haben kein Ticket. Alles andere interessiert mich herzlich wenig.“
Die Fahrpreisnacherhebung ist gesetzlich geregelt. Wer ohne Ticket fährt, kann laut Eisenbahnverkehrs-Verordnung zum Zahlen des doppelten Fahrpreises verpflichtet werden, „mindestens jedoch 60 Euro“. Näher will es eine Sprecherin der Deutschen Bahn auf taz-Anfrage nicht erläutern.
„Normalerweise füllt die Kontrollperson direkt neben mir die Fahrpreisnacherhebung aus, dann haben wir Zeit zu reden“, sagt Winter. Der Zugbegleiter in der typischen rot-blauen Uniform aber lässt sich die Ausweise der beiden aushändigen und nimmt sie erst einmal mit.
„Es geht hier um Arbeitsplätze“
Mit „reden“ meint Winter: darüber, warum sie ohne Ticket fahren, dass sie einen kostenlosen öffentlichen Verkehr fordern und wie das finanzierbar sein könnte. Das Schild hat entsprechend eine doppelte Funktion: die Grauzone ausnutzen, die der Paragraf 265a bietet, aber auch, mit dem Kontrollpersonal und Mitreisenden ins Gespräch zu kommen, Menschen zum Nachdenken zu bringen.
Heute hat das noch nicht so gut geklappt. Reden will im ICE kaum jemand. Ein Mann, der hinter Krug sitzt, beugt sich immer mal interessiert nach vorne, ein anderer Mitreisender versucht, einen Blick auf das Schild zu erhaschen. Dann kommt der Oberschaffner. Er ist richtig wütend. „Erklären Sie mir mal, wie sie darauf kommen, so einen Schwachsinn zu machen“, blafft er, spricht von einer „vorsätzlichen Straftat“ und droht, die Bundespolizei einzuschalten. Dann kommt ein Satz, der vielleicht erklärt, warum er so wütend ist: „Es geht hier um Arbeitsplätze.“
Winter versucht zu beschwichtigen. Arbeitsplätze sollten nicht gestrichen werden, sie sei sehr für den Ausbau der Deutschen Bahn. „Wie soll das gehen, wenn alle schwarzfahren“, fragt der Zugchef. Bevor Winter darauf antworten kann, spricht er weiter. Eine „Frechheit“ sei das, er werde die Bundespolizei anrufen, die werde sie in Hannover erwarten. Dann tritt er wütend ab.
Dabei haben die beiden Aktivistinnen Argumente, um ihr Anliegen zu unterlegen. Es sei eine politische Entscheidung, wohin Steuergelder flössen. „Wir geben ja schon viel Geld für Mobilität aus“, sagt Krug. „Wir bauen Autobahnen, Fahrscheinautomaten. Kontrollen sind teuer.“ In Luxemburg und der Schweiz werde wesentlich mehr Geld ausgegeben für Mobilität pro Kopf. Warum solle das in Deutschland nicht möglich sein? „Ein kostenloser öffentlicher Verkehr ist durchaus bezahlbar“, sagt Winter. Die Politik müsse nur die Prioritäten verschieben, weg vom Individualverkehr, Subventionierung von Flugkerosin, jetzt auch noch der Tankrabatt.
Der Ländervergleich lässt sich einer regelmäßigen Erhebung der Hamburger Beratungsfirma SCI Verkehr und des Bündnisses Allianz pro Schiene entnehmen. Im Jahr 2024 investierte Luxemburg demnach 587 Euro pro Kopf in die Schieneninfrastruktur, die Schweiz 480 Euro. Deutschland lag auf dem siebten Platz noch hinter Großbritannien und brachte es nur auf 198 Euro – nur fast ein Drittel so viel wie Luxemburg. Wegen der Einsparungen im Bundeshaushalt wurden die Ausgaben für 2026 weiter gekürzt, nämlich auf etwa 156 Euro pro Kopf.
Im ICE von Berlin nach Osnabrück kommt der Zugchef zurück. Winter und Krug bekommen jeweils eine Rechnung über 199 Euro. Wie sich das zusammensetzt, wissen die beiden auch nicht genau. In Hannover endet die Fahrt für Krug und Winter fürs erste. Dort warten tatsächlich zwei Bundespolizist*innen auf sie.
„Was ist denn los?“, fragt einer von ihnen. Krug verweist auf den Oberschaffner. Der Polizist fragt weiter nach den Personalien, auch da verweist Krug auf den Zugchef, der seinen Ausweis an sich genommen hat. Eine Polizistin mischt sich ein und fordert Krug in aggressivem Ton auf, die Hände aus den Taschen zu nehmen. Ein dritter Polizist kommt und fragt, ob die beiden Frauen schon belehrt wurden. Die Polizistin übernimmt, sagt, den beiden werde das Erschleichen von Leistungen vorgeworfen.
„Das ist kriminell in Deutschland.“ Das sei falsch, erklärt Krug und ergänzt noch: „Sie wissen, dass wir uns hier nicht äußern müssen.“ Ob sie weiterfahren wollen und damit wieder eine Straftat begehen würden, fragt die Polizistin. Krug winkt ab, sie würden sich nicht strafbar machen, wenn sie weiterführen. Der erste Polizist versucht es wieder etwas sachlicher: „Wenn Sie keine Reiseabsicht haben, bitte ich Sie, den Bahnhof zu verlassen.“ Er händigt die Ausweise aus, die Polizisten gehen. Wenig später setzen Krug und Winter ihre Reise im Regionalzug fort – mit Deutschlandticket.
Während 2024 rund 133 Millionen Menschen mit dem Fernverkehr der Deutschen Bahn reisten, kam es laut Bundesregierung zu 18.010 Anzeigen wegen Fahrens ohne Ticket. Die Zahlen gehen aus einer Antwort auf eine Kleine Anfrage der Linken hervor. Die Polizeiliche Kriminalstatistik weist für das Jahr 2024 insgesamt 144.348 Fälle des Erschleichens von Leistungen auf, daraus habe sich eine Schadenssumme von insgesamt 3,7 Millionen Euro ergeben – über alle Verkehrsunternehmen hinweg.
Im Regionalzug Richtung Osnabrück – einmal umsteigen – verwickeln Winter und Krug den Schaffner in ein Gespräch. Er schimpft über Menschen, die ohne Ticket fahren, ohne zu wissen, dass er zwei vor sich hat, die das gerade gemacht haben. Jeden Tag treffe er Menschen ohne Fahrschein an, er sei immer auf der gleichen Strecke unterwegs und wisse schon, wo sie einstiegen. Das sei nicht fair gegenüber der Allgemeinheit.
Er unterscheide in der Praxis normalerweise zwischen jenen, die direkt auf ihn zukämen und denen, die versuchten, sich durchzumogeln. Winters und Krugs Argumente über die Finanzierung eines kostenloses Nahverkehrs hört er sich an, schenkt ihnen aber keinen Glauben. Und, irritierend für jemanden, der täglich mit dem Thema zu tun hat: Dass man wegen ein paar unbezahlter Tickets ins Gefängnis kommen kann, weiß er gar nicht. Am Ende vergisst er, den Rest des Waggons zu kontrollieren, bedankt sich für das Gespräch und ergänzt noch: „Ich habe den schönsten Job der Welt. Ich mache jeden Tag das gleiche, aber es ist immer interessant.“
Auch für Winter und Krug war das ein gutes Gespräch. Ein paar Fahrgäste haben gelauscht, erzählen von ihren Erfahrungen. „Uns geht es um eine gesellschaftliche Debatte“, sagt Krug. In Umfragen spreche sich die Mehrheit für eine Entkriminalisierung des Fahrens ohne Ticket aus. Auch viele Richter*innen wünschten sich das, um die Gerichte zu entlasten, die mit den ganzen Verfahren gar nicht hinterherkämen. Tatsächlich sind laut einer repräsentativen Umfrage von Infratest dimap im Auftrag der Internetplattform „Frag Den Staat“ rund 69 Prozent der Deutschen der Meinung, dass das Fahren ohne Ticket in Zukunft keine Straftat mehr sein sollte.
Luxemburg führte 2020 als erster Staat weltweit einen kostenlosen Nahverkehr ein
Die meisten Geldstrafen werden per sogenanntem Strafbefehl übermittelt, per Brief nach Hause. Wer einfach zahlt, muss nicht vor Gericht. Auch das soll die Justiz entlasten. Wer damit nicht einverstanden ist, kann Widerspruch einlegen. Dann sehen die Angeklagten doch eine*n Richter*in.
Krug fährt seit drei bis vier Jahren ohne Ticket, aber mit Schild – insgesamt etwa 50 Mal. Rund 40 Mal sei sie kontrolliert worden und habe eine Fahrpreisnacherhebung erhalten. Die Bundespolizei sei bislang nie gerufen worden. Nachdem sie jedoch innerhalb kurzer Zeit mehrfach ohne Fahrschein angetroffen worden war, zeigte die Bahn sie an. Im April musste Krug deshalb in Greifswald vor Gericht erscheinen. Ihr passte das gut. Denn die juristische Auseinandersetzung versteht sie als Teil einer größeren gesellschaftlichen Debatte. Ein Prozess bringt Aufmerksamkeit: Vor dem Gericht gibt es Protestaktionen, die Presse berichtet. In ihrem Fall begleitete die Ostsee-Zeitung das Verfahren engmaschig. Das Thema polarisiert.
Einer neuen Studie der Universität Köln zufolge landen zumindest in Berlin deutlich mehr Menschen wegen nicht bezahlter Geldstrafen im Gefängnis als bislang angenommen. Während frühere Schätzungen bundesweit von etwa jeder siebten Person ausgingen, kommt die Studie für Berlin auf rund 50 Prozent. Die Untersuchung zeigt außerdem, dass die Geldstrafen beim Fahren ohne Fahrschein oft vergleichsweise niedrig sind – ein Hinweis darauf, dass viele Betroffene arm sind, schreiben die Autorinnen. „Viele leben in äußerst prekären Bedingungen, sind lange arbeitslos oder wohnungslos, viele haben mit Suchterkrankungen zu tun.“ Oft bleibe ihnen deshalb nichts anderes übrig, als die Geldstrafe durch Haft zu ersetzen.
Auf die Problematik wird seit Jahren hingewiesen
Auf die Problematik weisen Aktivist*innen seit Jahren hin. Bereits 2004 organisierte das Berliner Bündnis „Recht auf Mobilität – Fahrt Schwarz“ um den Politikprofessor Peter Grottian sogenannte „Schwarzfahrertage“. Ein Jahr später rief die linke Gruppe FelS zu spontanen „Pinkfahrgruppen“ auf, erkennbar an pinken Buttons an den Jacken.
Nach längerer Ruhe rückte das Thema in diesem Jahr erneut in die Öffentlichkeit: Die Gruppe „Freifahren jetzt“ verteilte zunächst im April in Berliner U-Bahnen Flyer im Stil der Berliner Verkehrsgesellschaft (BVG) mit dem Slogan „Zur Arbeit fahren ist kein Luxus“. Am 27. Mai folgte eine ähnliche Aktion in mehreren Berliner Trams. Ein QR-Code auf den Flyern führt zu einer Telegram-Gruppe, in der sich inzwischen mehr als 36.000 Mitglieder vor Ticketkontrollen warnen.
Einen anderen Ansatz verfolgt seit 2021 der Freiheitsfonds um „Frag Den Staat“-Gründer Arne Semsrott. Die Initiative kauft Menschen frei, die Ersatzfreiheitsstrafen wegen Fahrens ohne Fahrschein verbüßen. Nach eigenen Angaben wurden bislang rund 1.500 Personen aus Gefängnissen ausgelöst. Der Freikauf solle jedoch keine Dauerlösung sein: Der Freiheitsfonds fordert die Entkriminalisierung des Fahrens ohne Fahrschein sowie langfristig einen kostenlosen ÖPNV.
Das ist keine weltfremde Utopie, sondern vielerorts schon Realität: Luxemburg beispielsweise wurde im Februar 2020 der erste Staat weltweit, der einen komplett kostenlosen Nahverkehr einführte. In vielen weiteren Staaten haben einzelne Städte kostenlosen Nahverkehr eingeführt. In weiteren dürfen Kinder oder alte Menschen kostenlos Busse und Bahnen benutzen.
Immer mehr Städte in Deutschland weisen ihre Verkehrsbetriebe inzwischen an, Menschen ohne Ticket nicht mehr anzuzeigen – darunter Bremen, Köln, Frankfurt am Main, Dresden und Mainz. In Köln stieg die Zahl der Fahrgäste ohne Fahrschein nach der Umstellung 2023 nicht an. Laut Stadt sank ihr Anteil sogar von zweieinhalb auf zwei Prozent.
„Der Freiheitsfonds versucht, weitere Städte davon zu überzeugen, keine Anzeigen mehr zu stellen. Wir gehen dafür auch den Weg über die Gerichte“, sagt Krug. Da Justiz Ländersache ist, entscheiden Amtsgerichte über entsprechende Fälle. Verfahren wegen Fahrens ohne Ticket, aber mit offen sichtbarem Hinweis, würden häufig eingestellt. Im November 2025 sprach das Amtsgericht Leipzig erstmals eine Angeklagte frei. Die Staatsanwaltschaft zog ihre Berufung Anfang 2026 zurück – das Urteil ist damit rechtskräftig.
Am dritten Verhandlungstag vor dem Amtsgericht Greifswald am 19. Mai wird auch Salome Krug freigesprochen. In zwei der vor Gericht verhandelten Fälle waren die Zeugenaussagen laut Gericht nicht verwertbar. In zwei anderen Fällen folgte das Amtsgericht der Entscheidung des Bundesgerichtshofs von 2009: Da Krug mit ihrem Schild offenkundig nicht den Anschein vermittelte, heimlich ohne Ticket zu fahren, habe sie sich auch nicht strafbar gemacht. Das Urteil ist seit dem 26. Mai rechtskräftig.
Salome Krug, Aktions-Freifahrerin
Für Krug ist die Entkriminalisierung des Fahrens ohne Fahrschein „ein entscheidender Hebel, um arme Menschen nicht noch weiter aus Bus und Bahn auszuschließen“, sagte sie der taz. „Niemand soll sich dafür schämen müssen, nachhaltig mobil zu sein, auch wenn das Geld knapp ist.“ Krug hätte auch nichts dagegen gehabt, wenn die Staatsanwaltschaft Rechtsmittel eingelegt hätte. Denn, so sagt Krug: „Wir streiten vor Gericht für leichter zugängliche öffentliche Verkehrsmittel.“ Wäre der Fall in die nächste Instanz gegangen, hätte es eine Chance gegeben, dass sich letztlich das Bundesverfassungsgericht mit dem Thema hätte befassen müssen. Das dann wiederum die Politik zur Nachjustierung hätte verpflichten können.
Keine vier Wochen nach der Fahrt von Berlin nach Osnabrück hat Winter einen Anhörungsbogen der Bundespolizei erhalten, um sich zum Vorgang zu äußern. Auch für sie könnte es demnächst also vor Gericht weitergehen.







