Fairwork-Bericht zu Plattformunternehmen: „In den Subunternehmen geht jede Transparenz verloren“

taz: Herr Feuerstein, im aktuellen Fairwork-Bericht haben Sie die Arbeitsbedingungen bei Berliner Plattformunternehmen bewertet. Die Ergebnisse wirken desaströs: Fünf von sieben bewerteten Unternehmen, darunter die Essenslieferanten Lieferando, Wolt und UberEats erhielten 0 von 10 Punkten. Kann ich mir noch guten Gewissens Essen nach Hause bestellen?

Patrick Feuerstein: Das ist eine schwierige Frage. Die Idee von Fairwork ist natürlich schon, durch die Bewertungen und Ranglisten zu zeigen, dass es Unterschiede gibt, und damit die Kon­su­men­t:in­nen­ver­ant­wor­tung anzusprechen. Sprich: Wenn ihr was bestellen wollt, dann wählt doch die beste Plattform, und wir geben euch das Handwerkszeug dazu. Das ist natürlich schwierig, wenn bei allen Plattformen weitgehend dieselben Missstände herrschen. Für die mit 0 Punkten bewerteten Plattformen konnten wir zum Beispiel nicht nachweisen, dass alle Beschäftigten den Mindestlohn verdienen oder Zugang zu ihren Arbeitsverträgen haben, dass es diese Arbeitsverträge immer gibt, dass Schutzausrüstung bereitgestellt wird oder dass Versicherungsschutz besteht.

Im Interview: Patrick Feuerstein

Patrick Feuerstein ist Postdoctoral Research Fellow im Fairwork-Sekretariat am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) und Co-Projektleiter des Fairwork Deutschland Projekts.

taz: Warum sind die Arbeitsbedingungen bei vielen Unternehmen so miserabel?

Feuerstein: Im aktuellen Bericht konnten wir eine ungebrochene Tendenz beim Einsatz von Subunternehmen feststellen, vor allen Dingen bei Essenslieferdiensten und Fahrdienstleistungen. Wir hatten im Bericht 2020 noch viele Plattformen, die mit festangestellten Fah­re­r:in­nen gearbeitet haben. Das hat sich seitdem stark geändert. Flink ist jetzt die einzige Plattform in unserem Bericht, die so arbeitet. Andere Lieferdienste wie Wolt, UberEats und Lieferando sind mittlerweile umgestiegen. Lieferando und Wolt zum Beispiel verfolgen ein hybrides Modell: Es gibt einen bestimmten Kern an Festangestellten und eine andere Gruppe von Beschäftigten, die über Subunternehmen beschäftigt werden. UberEats rekrutiert Fah­re­r:in­nen ausschließlich über Subunternehmen. Die Fahrdienstleister Bolt und Uber arbeiten mit „Flottenpartnern“ genannten Mietwagenunternehmen über einen Generalunternehmer zusammen, das Modell von Helpling setzt auf Selbstständigkeit.

taz: Warum sind Subunternehmen problematisch?

Feuerstein: Es wird immer deutlicher, dass wir es mit einem Feld mit irregulärer Beschäftigung zu tun haben. Da wird teilweise nach Stücklohn bezahlt und der Mindestlohn unterschritten. Es gibt auch Fälle, in denen es formal einen Minijobvertrag gibt, der einen bestimmten Teil der Arbeitszeit abdeckt, und alles, was darüber hinausverdient wird, schwarz auf die Hand ausgezahlt wird. Die Beschäftigten hängen teilweise in einer Arbeitssituation, die gar nichts garantiert: keinen Stundensatz, kein bestimmtes Einkommen am Tag oder in der Woche, keine Sozialversicherungen.

taz: Beschäftigtenorganisationen wie das Lieferando Workers Collective sprechen mittlerweile von einer systematischen Ausbeutung durch kriminelle Subunternehmer. Hat sich dieser Verdacht in Ihrer Untersuchung erhärtet?Feuerstein: Aufgrund unserer Methodik können wir nur sagen, dass wir es nicht widerlegen können. Wir haben kein repräsentatives Sample, niemand weiß, wie viele Fah­re­r:in­nen in Berlin arbeiten. Wir sprechen mit sechs bis zehn Beschäftigten pro Plattform. Wenn wir in den Interviews erfahren, dass zum Beispiel ein Teil der Beschäftigten keinen Mindestlohn verdient, dann ist die Frage: Können wir von der Plattform oder aus anderen Quellen Belege dafür erhalten? Gibt es eine Policy der Plattform, die das verhindern soll? Doch konkrete Angaben zu machen, wie viel Prozent der Fahrer das betrifft, ist schwierig.

taz: Apropos Methodik, nach welchen Kriterien bewerten Sie die Unternehmen?

Feuerstein: Grundlage der Bewertung sind die sogenannten Fairwork-Prinzipien: faire Bezahlung, faire Arbeitsbedingungen, faire Verträge, faire Kommunikations- und Managementprozesse und faire Mitbestimmung. Für jede dieser Dimensionen gibt es zwei Schwellenwerte, die wir mit Indikatoren hinterlegt haben. Je nachdem, für wie viele dieser Schwellenwerte und Indikatoren wir belastbare Belege finden, werden Punkte verliehen, sodass jede Plattform maximal auf einen Wert von 10 Punkten kommen kann.

taz: Die niedrigen Punktzahlen in dem Ranking erklären sich auch dadurch, dass sich die meisten Unternehmen in dem Ranking weigerten, Daten für den Bericht zu liefern. Warum?Feuerstein: Wir haben drei Datenquellen: Wir machen eigene Recherchen, wir sprechen mit den Beschäftigten und wir gehen auf die Plattformen zu und laden sie ein, an der Bewertung teilzunehmen. Wir fragen nach Daten und Belegen für die einzelnen Kriterien. Dieses Jahr hat nur Flink sich entschieden, aktiv an der Bewertung teilzunehmen. Wolt hingegen hat letzte Woche ein Statement veröffentlicht, dass sie es unfair finden, dass nur die Beschäftigten berücksichtigt werden, die bei Subunternehmen beschäftigt werden, und nicht die, die direkt bei Wolt angestellt sind. Und dass der Bericht deshalb falsche Ergebnisse zeige.

taz: Ist das so?

Feuerstein: Ich würde da widersprechen. Unser Punkt ist, dass alle Beschäftigten auf einer Plattform über die Mindeststandards für faire Arbeit verfügen müssen. Die jeweils am schlechtesten behandelte Gruppe ist daher die, die darüber entscheidet, wie die Plattform bewertet wird. Ich interpretiere die Weigerung so, dass viele Plattformen, die mit Subunternehmen arbeiten, gesehen haben, dass es schwer zu belegen ist, dass dort alles regulär abläuft. Es konnte oder wollte uns auch keine Plattform Belege für ein effektives Monitoringsystem der Subunternehmen liefern.

taz: Flink ist mit 7 von 10 Punkten klarer Sieger des Rankings. Ein Paradies für die Beschäftigten?

Feuerstein: 10 von 10 Punkten bedeutet, dass eine Plattform Mindeststandards für gute Arbeit erfüllt. Das zeigt natürlich, dass Flink sehr viele Dinge besser macht als die anderen Plattformen. Aber es heißt natürlich immer noch, dass da noch 3 Punkte zu den Mindeststandards fairer Arbeit fehlen. Das ist überhaupt kein Grund zu feiern. Flink fehlen noch Punkte im Bereich faire Mitbestimmung. Es gibt dort zum Beispiel noch keinen aktiven Betriebsrat.

taz: Was macht Flink besser als die Konkurrenz?

Feuerstein: Flink ist die letzte Plattform, die ausschließlich mit dem Direktanstellungsmodell arbeitet. Damit bekommen die Beschäftigten unter anderem die Vorzüge der entsprechenden Sozialversicherungen. Flink konnte uns gegenüber zudem belegen, dass alle Beschäftigten den Mindestlohn verdienen, für die komplett gearbeitete Zeit. Der Lohn wird nach Aussagen der Beschäftigten pünktlich ausgezahlt, ohne systematische Verzögerungen und Fehler. Die Beschäftigten können auf Fahrräder, Helme und Jacken kostenlos zurückgreifen. Flink hat auch eine Initiative unternommen, die genutzten Algorithmen zur Leistungsmessung transparenter zu machen, damit die Beschäftigten wissen, nach welchem Performancesystem und Metriken sie bewertet werden. Das sind einige Dinge, die wir bei den anderen Plattformen so nicht nachweisen konnten.

taz: Woher kommt der Trend zur Auslagerung an Subunternehmen?

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Feuerstein: Man hört immer wieder, das Hauptargument sei die Flexibilität. Das ist ein bisschen schwierig nachzuvollziehen, weil auch Arbeitsverträge, die in der Vergangenheit genutzt worden sind, schon ziemlich viel Flexibilität boten. Meine Interpretation ist, dass hier eine Flexibilität gemeint ist, die aufgrund der unterschiedlichen Entlohnungssysteme entsteht. Wenn ich Fahrer fest anstelle, kosten die mich natürlich auch in der Zeit, in der sie keine Lieferungen ausfahren. Wenn ich mit Subunternehmen zusammenarbeite, die ihre Beschäftigten auf Basis einzelner Lieferungen bezahlen, dann kosten die Angestellten, die auf der Straße warten, erstmal nichts. Was wir hören, ist, dass es extrem schwierig ist, eine gute Planung zu machen, die Nachfrage nach Lieferungen und Angebot an Fah­re­r:in­nen zusammenbringt. Bei ungeplanten Peak-Zeiten können dadurch Verzögerungen entstehen.

taz: Würde ein Direktanstellungsgebot wie in der Fleischbranche helfen?

Feuerstein: Ich kann natürlich nicht sehen, was in der Zukunft kommt. Für mich ist aber sehr überzeugend, dass es die Voraussetzungen schaffen könnte, um Arbeitsbedingungen zu verbessern. In den Subunternehmen, besonders bei längeren Ketten von Subunternehmen, geht häufig jede Transparenz verloren, und es wird Regulierungsbehörden wie dem Zoll deutlich erschwert, Verantwortung klar zuzuschreiben und Missstände aufzuklären. Da wäre ein Direktanstellungsgebot etwas, was klare Zuständigkeiten und Verantwortung wieder herstellt.

taz: Ist faire Arbeit überhaupt vereinbar mit dem Geschäftsmodell von den Plattformunternehmen?

Feuerstein: Ja, das zeigt sich klar an den Forschungsergebnissen von Fairwork. Wir haben Berichte für 41 Länder erstellt und können sagen, dass wir für jeden Schwellenwert positive Beispiele haben. Von daher ist die Kernaussage aus unseren Untersuchungen: Das geht schon, man muss halt nur wollen.

taz: Zurück zur Anfangsfrage: Bis zum Direktanstellungsgebot lieber nicht bestellen?Feuerstein: Das ist eine extrem komplizierte Frage, weil ein Boykott der Plattformen auch Beschäftigte trifft, die in einer sehr schlechten Verhandlungsposition sind und im Lieferbereich landen, weil der traditionelle Arbeitsmarkt auch nicht einfacher ist. In diesem Sinne ist Ko­sumen­t:in­nen­po­li­tik ein wenig begrenzt.

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