Fehlfarben-Bassist Micha Kemner ist tot: Funky Punk ohne Personalpronomen

Der Gasthof hieß „Grün Inn“, der Ort war Gevelsberg-Silschede am Rande des Ruhrgebiets, dort wohnten 1978 der Bassist Michael Kemner, Gitarrist Wolfgang Spelmans, Keyboarder Kurt „Pyrolator“ Dahlke und der Schlagzeuger Robert Görl in einer WG und spielten zunächst noch angetörnten Jazzrock unter dem Namen You.

Dann kam Punk, das Personalpronomen war passé. Die langen Haare waren ab und die Vier nannten sich Deutsch Amerikanische Freundschaft und spielten das sperrig-krautige Industrial-Wave-Debütalbum „Ein Produkt der Deutsch Amerikanischen Freundschaft“ ein, aufgenommen im Autonomen Jugendzentrum Wuppertaler Börse. Der erste Auftritt der britischen Band Wire im „Ratinger Hof“ in Düsseldorf im November 1978 flashte die Jungspunde derart, dass sie den Sänger Gabi Delgado Lopez verpflichteten.

DAF wollten es wissen, gingen 1979 nach London und nahmen dort die Single „Kebabträume“ für das angesagte Label Mute auf, mitkomponiert von Kemner und Dahlke. Ein großartiger, verzinkter New Wave-Tango über die paranoide Atmosphäre der Frontstadt Westberlin, mit der Kopfzeile „In jeder Imbissstube ein Spion“, die bis heute Überschriftspotenzial hat und einen kernigen, funky Bass, gespielt von Michael Kemner.

Legendäre Zahnschmerzen

Unter dem Titel „Militürk“ findet sich dieser Song etwas später auch auf „Monarchie und Alltag“, dem Debütalbum der Fehlfarben (veröffentlicht im Oktober 1980). Kemner war es in England, wo DAF in einem besetzten Haus ohne Heizung wohnten, zu krass. Eines Nachts verschwand er spurlos, weil er seine Freundin vermisste und seine Zahnschmerzen in Gevelsberg behandelt haben wollte.

Kurz danach gründete er mit Peter Hein, Thomas Schwebel, Uwe Bauer, dem Maler Markus Oehlen, Kurt Dahlke und Frank Fenstermacher (beide auch bei der Der Plan) die Fehlfarben, zunächst als Funband, deren Debütsingle „Abenteuer & Freiheit“ zeitgleich zum einsetzenden Skarevival veröffentlicht wurde.

Peter Hein hatte bereits mit der Vorgängerband Mittagspause deutsche Texte im Punk etabliert. Mit den Fehlfarben vervollkommnete Hein Sound und Vortragsstil und schuf in Stein gemeißelte Gleichnisse von „Paul ist tot“ bis „Es geht voran“. Natürlich eingebettet in den schepprigen, leicht funky Postpunkstil der Fehlfarben. Klar im Punk grundiert, aber durchaus mit Blick für Eleganz und Ausschweifung, wie sie die Disco-Welle in den USA vorgemacht hatte.

Krankfunk-Postpunk

Der unerwartete Erfolg von „Monarchie und Alltag“ brachte kommerziellen Druck vom Majorlabel EMI einerseits und Selloutvorwürfe aus der Punkszene andererseits. Peter Hein wollte bei seinem bürgerlichen Beruf bleiben und stieg aus. 1981 folgte ihm Michael Kemner und gründete mit Wolfgang Spelmans und weiteren die Band Mau Mau. Deren seltsame Postpunk-Krankfunk-Kreationen auf mehreren Singles und zwei Alben (das zweite gibt es nur auf einer japanischen Version als Bonus) gehören zu den am meisten unterschätzten Zeugnissen der Neuen Welle.

Anfang der 1990er rauften sich die Fehlfarben dann wieder zusammen, spielten in der Folge teils in der Urbelegschaft neue Alben ein und gingen auf Tour. Bis zuletzt blieb Michael Kemner Teil der Band. Wie jetzt bekannt wurde, ist der Musiker im Alter von 72 Jahren am 3. Januar 2026 an den Folgen einer Krebserkrankung gestorben. „Einer der nettesten, coolsten und verbindlichsten Kollegen, die ich kennenlernen durfte“, rief ihm der Musiker und Künstler Moritz Reichelt (Der Plan) auf seiner Facebook-Seite hinterher.

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