Film mit KI-generiertem Putin: Best-of der bösen Taten

Ist das der Film, vor dem die KI-Apokalyptiker gewarnt haben? Er beginnt mit Szenen in einem Moskauer Krankenhaus, eine Einblendung gibt die Jahreszahl 2026 an. In einem gut bewachten Zimmer liegt ein Mann in vollgekackten Windeln. Sein Kopf hat das Antlitz von Wladimir Putin. Das Tamtam um den Einsatz von künstlicher Intelligenz bei der Bildproduktion nötigt dazu, von einer verblüffenden Ähnlichkeit zu sprechen.

In Wahrheit aber ist in Patryk Vegas Film „Putin“ die Montage eigentlich noch ganz gut zu erkennen. Was wahrscheinlich weniger mit den Möglichkeiten der Technik zu tun hat als mit dem Budget, das der polnische Regisseur und Produzent hier einsetzte. Jedenfalls wirkt die Figur dieses fiktiven Putin dann doch sehr roboterhaft.

Der Körper zum computergenerierten Gesicht stammt vom polnischen Transportunternehmer Slawomir Sobala, der sich seit Jahren mit einer gewissen Ähnlichkeit zum russischen Präsidenten durch Auftritte in Werbespots und dergleichen ein Zubrot verdient. Wer sich für Putin interessiert und eventuell schon mal gesehen hat, wie dieser sich bewegt, wird den Doppelgänger allein an der völlig anderen Körpersprache ausmachen können. Aber vielleicht liegt darin ja schon der Denkfehler: Wer sich für Putin interessiert, sollte diesen Film eigentlich nicht schauen.

Schon die Bezeichnung Biopic scheint kühn. Dass sein Film eher zur Sorte Spekulation gehört, verbirgt Vega erst gar nicht. Schließlich beginnt er als eine Art Science-Fiction mit „2026“. Das Bild dieser nahen Zukunft ist denkbar düster: Nicht nur dass Putin sich in Windeln am Boden windet, ganz Russland liegt offenbar danieder. An der Grenze stauen sich die Menschen, die das Land verlassen wollen, rapportiert ein von Thomas Kretschmann verkörperter Mann in Uniform.

Wenn der Film etwas belegt, dann dass es neben der KI noch ein Gespür für Inszenierung bräuchte

Von Schreckensszenario zur Kindheit Putins

Seine vorgeschlagene mediale Gegenstrategie besteht in schlechten Nachrichten aus anderen Ländern: In England seien nun Fahrräder das Hauptverkehrsmittel, könnten Häuser nicht beheizt werden und die Inflation sei auf den historischen Höchststand von dreißig Prozent gestiegen. In den USA sei es wegen der globalen Erwärmung zur Überschwemmung der Küsten und zum Massenexodus gekommen. So habe sich bewahrheitet, dass die Sanktionen gegen Russland ihnen selbst am meisten geschadet hätten. Putins Reaktion auf diese Infos lässt sich im CGI-Gesicht nicht wirklich ablesen.

Vom Schreckensszenario der nahen Zukunft wechselt der Film dann zurück in die frühen sechziger Jahre und die harte Kindheit des kleinen Wladimir in einem ärmlichen, von ewigem Winter geschlagenen Leningrad. Wladimir wird verprügelt und gemobbt. Aber sein Widersacher, ein dicklicher Junge mit spitz zulaufender Filzmütze, die an die Kopfbedeckung der berüchtigten Reiterarmee erinnert, wird von da an zu seiner inneren, ihn zu Macho-Gebaren stärkenden Stimme. Bei einer Begegnung mit dem sturztrunkenen Jelzin im Kreml etwa flüstert der Filzmützenjunge als eingebildeter Freund in sein Ohr: „Hättest du auf mich gehört, würde dir dieser Stuhl bereits gehören.“

Ein weiterer „Geist“, weiblich und mit Pelzmütze, tanzt dazu des Öfteren durch den Raum. Auch Jesus taucht irgendwann auf; der kleine Wladimir bereut es, nicht getauft worden zu sein, was er später heimlich nachholt. Es wird überhaupt viel geflüstert und beschworen in diesem Film, der ungelenk zwischen Zeiten und Orten hin und her springt, zwischen Moskau und Leningrad, zwischen Beginn der sechziger und Ende der neunziger Jahre und weiteren, zunehmend beliebig scheinenden Daten.

Da kann die KI nichts für

Handlungstechnisch, so weit man davon überhaupt sprechen kann, hält Vega sich ans Best-of der bösen Taten, die man Putin so nachsagt. In Dresden vernichtet er KGB-Dokumente, in Moskau orchestriert er Terroranschläge, um als Präsident gewählt zu werden, in Leningrad biedert er sich Bürgermeister Anatoli Sobtschak an, den er später umbringen lässt. Um seiner mafiösen Entourage zu imponieren, organisiert er eine Jagd auf als Playboy-Bunnies verkleidete junge Frauen, was Vega mit spürbaren Genuss nachstellt.

In der Sobtschak-Episode kommt es zu der in gewisser Weise repräsentativsten Szene des Films. ­Sobtschak – der seinerzeit als progressiver, liberaler und beliebter Reformer galt – schlingt im Kreise seiner Speichellecker löffelweise den Kaviar hinunter, während er gönnerhaft die notorischen Versorgungsprobleme der späten Sowjetunion erklärt: „Wir leben in seltsamen Zeiten, in denen wir uns mit Delikatessen vollstopfen, aber nichts haben, um uns den Arsch abzuwischen!“ Putin löst sie mit krimineller Energie – und erscheint zum nächsten Bankett mit einer Kette Klopapier um den Hals.

„Putin“

Regie: Patryk Vega. Mit Slawomir Sobala, Thomas Kretschmann u. a. Polen, 2024, 109 Min.

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Wenn „Putin“ etwas belegt, dann dies, dass die künstliche Intelligenz ein mächtiges Mittel sein mag, aber ein Film immer noch ein Drehbuch und ein gewisses Gespür für Inszenierung braucht. Der von Patryk Vega vorgetragene Anspruch, etwas zu Putin und dessen „dunkle Seiten“ zu sagen zu haben, verliert sich in dieser geschmacklosen Montage raunender Pseudo-Bedeutsamkeit. Da kann die KI nichts dafür.

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