Film „The Death of Robin Hood“: Die tragen ja gar keine Strumpfhosen

Robin Hood, jene große Legendengestalt englischer Folklore, gleicht in gewisser Weise dem Superhelden Batman. Beides sind Rächer der Unterdrückten, der Schutzlosen, der Verarmten. Unbeirrbare Verteidiger der Gerechtigkeit in einer ungerechten Welt. Und beide erfuhren im Laufe der Filmgeschichte eine Reihe von Umdeutungen, Modifizierungen und Anpassungen. Aus so einfach gestrickten wie übermenschlichen Helden in hautengen Strumpfhosen wurden gebrochene, zweifelnde, von der Härte des Lebens gezeichnete Menschen.

Sean Connerys Robin Hood in „Robin und Marian“ (1976) ist nicht mehr jener tollkühne Haudegen, wie ihn Erol Flynn noch 1938 verkörperte. Aus ihm wurde, den Vietnamkrieg kommentierend, ein vom Kreuzzug traumatisierter und desillusionierter Soldat, der sein Heil in der Liebe findet. Ridley Scotts „Robin Hood“ (2010) ist mehr düsteres Schlachtenepos denn feixendes Abenteuerspektakel.

Und der dunkle Ritter erreichte nach Adam Wests ironischer „Batman“-Serie (1966–1968), den knallig-freidrehenden Filmen aus den 1990ern und Christopher Nolans angstbeseelter „The Dark Knight“-Trilogie (2005-2012) seinen existentialistischen Endpunkt in Matt Reeves „The Batman“ (2022). Aus dem fantastischen Superhelden wurde ein gequälter, depressiver Antiheld in einem verelendeten Gotham City.

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Der Film

„The Death of Robin Hood“. Regie: Michael Sarnoski. Mit Hugh Jackman, Jodie Comer u. a. USA 2026, 122 Min.

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An einer ähnlichen Heldendekonstruktion versucht sich nun der US-amerikanische Autor und Regisseur Michael Sarnoski mit „The Death of Robin Hood“. Dabei bedient er sich lose an der gleichnamigen Ballade aus dem 17. Jahrhundert, die zu den ältesten erhaltenen Texten über die literarische Figur Robin Hood zählt. Der Kniff: Was, wenn all die Geschichten über den edelmütigen Räuber nur das Ergebnis unzähliger Lügen und Verdrehungen mündlicher Überlieferungen sind und er in Wahrheit ein mordlüsterner und niederträchtiger Bandit war?

Verstörender Gewaltporno

Ganz dieser Prämisse folgend inszeniert Sarnoski das England des 13. Jahrhunderts als barbarischen Alptraum. Robin Hood (Hugh Jackman), verdammt und gehasst von den Überlebenden seiner Brandlegungen, lebt als grauhaarig-zotteliger Eremit im nebelverhangenen Nirgendwo des englischen Hochlands, als er von seinem früheren Gefährten Little John (Bill Skarsgård) um einen letzten, gemeinsamen Überfall gebeten wird.

Was in den ersten 30 Minuten des Films folgt, lässt sich nicht anders bezeichnen als verstörender Gewaltporno. Sarnoskis Helden sind enthemmte Soziopathen, Schädelspalter und Kindermörder. Eine schlammverschmierte Gewaltentladung, wie sie auch Robert Eggers („The Northmen“) gerne als historische Authentizität verkauft. Diese brutale Exposition muss man nicht goutieren, man kann sie als obszön und effekthascherisch abtun.

Das alles braucht der Regisseur jedoch für die Fallhöhe in der zweiten Hälfte seines Films: Die Läuterung des marodierenden Robin Hood, der den Überfall schwerverletzt überlebt und in einem Kloster auf einer abgeschiedenen Insel landet. Erst hier wird der Film zu einem bedauernswerten Unterfangen. Sarnoski weiß schlicht nicht, was er erzählen will. Und das Wenige, das er erzählen möchte, wird nur behauptet, nicht gezeigt.

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Als würde allein der Aderlass, mit dem Robin Hood von der Priorin des Klosters (Jodie Comer) behandelt wird, auf mirakulöse Weise seinen verdorbenen Geist reinigen. Oder ist doch Margarete (Faith Delaney) dafür verantwortlich, Little Johns verwaiste Tochter, die von der Priorin in Obhut genommen wurde und deren Mentor der einstige Schwerverbrecher wird? Man weiß es nicht. Die großen Fragen von Schuld und Sühne, Reue und Vergebung, Fragen, die dem Robin-Hood-Mythos eine interessante, moralphilosophische Perspektive geben würden, stellt der Film nicht.

Hinzu kommt ein wirres Drehbuch. Szenen verlaufen ins Leere, die unheilvolle Tonalität kippt in pathosgeladenen Kitsch, und nicht zuletzt ist der Film zu feige, die eigene Prämisse eines schwerkriminellen Robin Hood konsequent zu Ende zu erzählen, wenn er diesem am Sterbebett doch eine edle Gesinnung in den Mund legt. Gegen diese Unstimmigkeiten kann auch Hugh Jackman, der seinen Robin Hood so raubeinig wie blass spielt, nichts unternehmen.

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Man möchte Michael Sarnoskis Ansinnen einer Neuinterpretation dieser alten Legendengestalt mögen. Seine auf 35 Millimeter gedrehten Bilder überzeugen mit ihrer atmosphärischen Dichte. Hinzu kommt der großartige wehmütige Soundtrack des englischen Folkmusikers Jim Ghedi. Bereits mit „Pig“ (2021) bewies er seinen Einfallsreichtum, indem er seine als Thriller angelegte Geschichte über einen zurückgezogenen Sternekoch (Nicolas Cage), der nach seinem entführten Trüffelschwein sucht, in eine meditative Sinnsuche münden lässt. Doch hier ergeben die richtigen Ansätze ein falsches Ganzes. „Ich bin müde“, sagt Robin Hood einmal. Am Ende, wenn der letzte Aderlass getan ist, fühlt man sich genauso.

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