Finanzielle Gewalt: Fehlende Zahlen zu fehlendem Geld

K ennen Sie das? Sie erfahren von einer Form der Gewalt und denken sich: Ah, so nennt man das also! Schlagartig haben Sie ein Vokabular und im Nachhinein werden Dinge begreiflich, die Sie vorher gar nicht recht benennen konnten oder als Problem erkannt haben. Kennen Sie nicht? Herzlichen Glückwunsch, dann sind Sie vermutlich ein Mann. Ich würde Sie trotzdem bitten, diesen Text zu lesen, er geht auch Sie etwas an.

Eine sehr subtile Form der Gewalt, die Betroffene meist zu spät oder manchmal auch gar nicht erkennen, ist die finanzielle. Alle 19 Tage stirbt ein Mensch an ihren Folgen. Das hat eine Datenanalyse in UK herausgefunden, in der es um Tötungsdelikte und Suizide in Folge finanzieller Gewalt zwischen 2012 und 2024 ging. Und in Deutschland? Fehlt die gesellschaftliche Debatte über finanzielle Gewalt ebenso wie belastbare Zahlen.

Das liegt vermutlich daran, dass finanzielle Gewalt schleichend daherkommt – oft mit anderen Formen der häuslichen Gewalt – und viele Facetten hat. Das kann so aussehen: Der Betroffenen wird verboten zu arbeiten oder sie arbeitet in Teilzeit, kümmert sich in der restlichen Zeit um Kinder oder pflegt Familienangehörige. Es kann auch so aussehen: Die gewaltausübende Person (meist der Mann) hat die Kontrolle über die Finanzen und die Ausgaben der anderen Beziehungsperson (meist der Frau).

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Suizid-Hinweis

Hilfe durch Telefonseelsorge

Wenn Sie Suizidgedanken haben, sprechen Sie darüber mit jemandem. Sie können sich rund um die Uhr an die Telefonseelsorge wenden (08 00/1 11 01 11 oder 08 00/1 11 02 22) oder www.telefonseelsorge.de besuchen. Dort gibt es auch die Möglichkeit, mit Seel­sor­ge­r*in­nen zu chatten.

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Oder so: Geld wird als Erpressung genutzt. Oder: Für Ausgaben wie Essen oder Putzmittel muss die Betroffene sich rechtfertigen. Dieses Ungleichgewicht sieht oft auch so aus, dass die Frau sich beispielsweise für „überteuerte“ Ausgaben wie für einen teuren Rucksack für die Kinder rechtfertigt, während der Mann abends selbstverständlich mit den Jungs Geld in der Kneipe lässt.

Im Grund geht es darum, dass die gewaltausübende Person die Betroffene finanziell so fest im Griff hat, dass ihr Handlungsspielraum eingeschränkt wird. Das führt bei Betroffenen in Beziehungen dazu, dass sie entweder keinen Weg sehen, sich zu trennen oder das Geld bei der Überlegung zumindest ein entscheidender Faktor ist.

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Finanzielle Gewalt hat in der (westdeutschen) Bundesrepublik Tradition

Aber das Wort „Gewalt“, ist das nicht ein bisschen übertrieben? Es geht wie bei anderen Formen der Gewalt um Macht. Die Betroffene wird von der gewaltausübenden Person in Schach gehalten, sodass ihr die finanziellen Mittel fehlen, sich zu wehren: Wer keinen Arbeitsvertrag hat, bekommt keinen Mietvertrag. Wer kaum Geld hat, kann sich keine gute Scheidungsanwältin leisten.

Dabei hat finanzielle Gewalt in der (westdeutschen) Bundesrepublik Tradition, die Gesetzgebung ist stark patriarchal geprägt: Bis 1962 durften Frauen kein eigenes Konto besitzen, bis 1977 konnten Männer ihren Ehefrauen das Arbeiten verbieten. Noch bis heute haben Ehepartner_innen mit niedrigem Einkommen Recht auf einen „Taschengeldanspruch“. Und warum gibt es für Ehepartner_innen unterschiedliche Steuerklassen?

Finanzielle Gewalt ist dabei so institutionalisiert, dass nicht nur Ehepartner_innen darunter leiden können, sondern auch Frauen über Ehe oder Partner_innenschaft hinaus: indem beispielsweise das Kindergeld auf den Unterhaltsvorschuss angerechnet wird. Leittragende sind vor allem alleinerziehende Frauen, die den Unterhaltsvorschuss vom Staat ja nur deswegen brauchen, weil der Kindsvater den Unterhalt nicht zahlt – wofür wiederum sie finanziell abgestraft werden, wenn das Kindergeld dann doch mit dem Unterhaltsvorschuss letztlich verrechnet wird.

Damit wir endlich vernünftig darüber sprechen können und den Betroffenen auch tatsächlich geholfen werden kann, brauchen wir Zahlen – auch für Deutschland. Sie werden noch weitere Lücken in Gesetzgebung und Gewaltschutz-Praxis aufdecken. Die Datenanalyse in UK fand zum Beispiel heraus, dass Behörden wie Staatsanwaltschaft, Polizei und Sozialämter wirtschaftlichen Missbrauch in ihren Berichten übersehen – auch wenn sie offensichtlich sind.

  • informationsspiegel

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