Zwei Fotografinnen, zwei Generationen, zwei Arten, sich dem Menschen zu nähern: so lässt sich die Doppelausstellung in Braunschweig charakterisieren, die Angelika Platen, 1942 geboren, und Elina Brotherus, Jahrgang 1972, in den Dialog treten lässt. Platen ist die Grande Dame des schwarz-weißen Künstlerporträts, wohlgemerkt zuerst nur männlicher Künstler, ab den späten 1960er Jahren.
Als „Albtraum“ bezeichnet sie diese Jahre, „Frauen durften nicht einmal ein eigenes Konto einrichten.“ Aber immer gelang es ihr, den damals noch jungen, jedoch schon mit entsprechendem Ego ausgerüsteten späteren Großkünstlern kleine Performances vor ihrer Kamera abzuverlangen. Der Land-Art-Künstler Walter de Maria legte sich für sie in die menschenleere Weite einer Hamburger Flughafenpiste, Joseph Beuys nahm auch mal den Hut ab, und Sigmar Polke vollführte einen großen Sprung auf einer wackeligen Verladerampe am Düsseldorfer Hafen.
Die Halle267 in Braunschweig zeigt Platens breit publizierte Porträts, zu denen ab der Jahrtausendwende auch Frauen zählten. 2017 macht sie ein Jahr lang ausschließlich Künstlerinnenporträts – von Karin Sander, Katharina Grosse, Annette Kelm –, auch in Farbe.
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Angelika Platen: „Freudensprünge und andere Begegnungen“, halle267, Braunschweig, bis 29. MärzElina Brotherus / Angelika Platen: „Doppelleben – Spiegelbilder und Facetten künstlerischer Identitäten“, Museum für Photographie, Braunschweig, bis 19. April
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Die Fotografin und der Übervater der Architektur
Die Finnin Elina Brotherus war und ist ihr eigenes Modell, sie arbeitet alleine, per Selbstauslöser. Sie sei feministisch sozialisiert, sagt sie, durch ihr Studium während der 1990er Jahre an der heutigen Aalto-Universität in Helsinki. Es war damals Usus, den eigenen weiblichen Körper als Subjekt ins Bild zu setzen. Sie tat dies bis 2015, in einer sehr kühlen, in den Aktionen äußerst verhaltenen Manier.
Oft wählt sie prominente Architekturen für ihre Bildinszenierungen, so in Finnland Bauten von Alvar Aalto, dem Übervater nordischer Baukultur. Sie positionierte sich vor dessen Wohnhaus in Helsinki, am Sanatorium in Paimio oder auch vor der Maison Louis Carré, ein eher unbekanntes Anwesen bei Paris, das Aalto und seine Frau Elissa 1959 für den prominenten Kunsthändler errichteten.
Foto: Angelika Platen
Der traditionell menschenleeren Architekturfotografie schrieb Brotherus durch ihre körperliche Präsenz Spuren menschlichen Daseins ein, kleine, mitunter urkomische Bildgeschichten flackern in den Sequenzen auf.
Ab 2015 sind es dann Künstler:innen und ihre bilderfinderischen Strategien, zu denen Brotherus fotografische Kommentare entwickelt. Das Kunstmuseum im dänischen Aalborg etwa, Architekt wiederum Alvar Aalto, besitzt seit 2016 die Arbeit „Eleven Less One“ von Michelangelo Pistoletto. Vor geladenem Publikum zertrümmerte der italienische Künstler eine Reihe Spiegel an der Wand mit dem Vorschlaghammer und legte dahinterliegende Farbflächen frei, während die Scherben auf dem Boden zu verbleiben hatten.
Foto: Elina Brotherus
Urheberschaft in der Schwebe
Pistolettos Scherben mussten Im Zuge einer Renovierung weichen. Brotherus stellte 2024 die Aktion mit einer Künstlerkollegin nach, lässt humorvoll Urheberschaft, Datierung, Authentizität und Imagination in der Schwebe.
Bereits 2023 durfte sie sich, eingeladen vom Museum Schloss Moyland bei Kleve, mit der dortigen Sammlung zu Joseph Beuys befassen. Sie nahm sein Markenzeichen, den Hut, und ersann Lebenssituationen ihres Protagonisten. So verlässt Beuys das Akademiegebäude in Düsseldorf – ein (vorübergehender) Rauswurf ereignete sich tatsächlich im Oktober 1972, als er massenweise Studierende immatrikulierte. Oder sie lässt ihn an den Bosporus zu einer untersagten Gay Parade in Istanbul reisen.
Das Museum für Photographie in Braunschweig gibt Brotherus’ fotografischer Fiktion Raum, erweitert so eine Auswahl intimerer Aufnahmen von Angelika Platen um spekulative Aspekte.






