taz: Herr Brendel, Sie sind nicht nur ein Chronist der Band Nena. Sie haben in ihr auch Schlagzeug gespielt. Wie war das damals?
Rolf Brendel: Ich habe die Band sogar gegründet. Wir haben eine Sängerin gesucht. Heute würde man das ein Casting nennen. Wir haben eine Annonce aufgegeben: „Rockband sucht Sängerin“. Dann haben sich jede Menge junge Mädchen gemeldet, die von Rockmusik wenig Ahnung hatten. Wir wollten eigentlich eine Rockröhre mit einer kräftigen Stimme haben. Aber unser Gitarrist Rainer Kitzmann hatte Nena in einer Disco gesehen und fand toll, wie sie tanzte. Und als sie dann in unseren Proberaum kam, war ich erst schockiert, denn sie hat ja eine eher zarte und laszive Art zu singen. Bei ihr klang alles so anders. Aber ihr Gesang hatte eine Magie, die unfassbar war.
Wir wollten eigentlich eine Rockröhre mit einer kräftigen Stimme haben
taz: Kann man also sagen, dass Sie eher Erinnerungen als ein Sachbuch geschrieben haben?
Brendel: Ja. Und ich habe damals schon gedacht, es würde morgen schon wieder aufhören mit der Band und dem Erfolg. Darum habe ich mir Notizen von den tollen Sachen gemacht, die uns passiert sind. Zum Beispiel unser erster Auftritt im Fernsehen beim „Musikladen“ in Bremen. Die kleinen Zettelchen mit meinen Notizen habe ich aufbewahrt. Ich habe auch mit meinem Walkman Sprachaufzeichnungen davon gemacht, was so passierte.
taz: Und daraus ist das Buch entstanden?
Brendel: Ich habe das alles in einen Umzugskarton gepackt, und als ich mich entschlossen hatte, das Buch zu schreiben, konnte ich es dafür nutzen. Ich bin jetzt heilfroh, dass ich aus diesem Fundus heraus schöpfen konnte. Denn ich habe gemerkt, dass, je mehr Zeit vergeht, desto mehr die Vergangenheit im Dunklen liegt. Da vertauscht und vergisst man vieles.
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taz: Der große internationale Erfolg von „99 Luftballons“ war ein unerhörtes Phänomen. Wie kam es dazu?
Brendel: Der Song lag erst wie Blei in den Läden. Aber dann gab es einen unglaublichen Glücksfall. Damals war das Buch „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ ein großer Erfolg und die Autorin Christiane Felscherinow fand unser Lied so toll, dass sie eine Audiokassette von dem Song nach Los Angeles mitnahm und sie dem Discjockey Rodney Bingenheimer gab. Der hat sie dann im Radio gespielt, und danach meldeten sich Plattenfirmen, Verlage und unzählige Fans, die alle wissen wollten, was das denn für ein Song sei. Die haben zwar den deutschen Text gar nicht verstanden, aber den Zauber dieses Liedes erkannt. Und dann kamen wir in 35 Ländern der Welt auf die Nummer 1 der Hitparaden.
taz: Der Song hat ein langes Leben. In vielen Hollywoodfilmen und Serien wurde „99 Luftballons“ eingesetzt, um die Stimmung der 1980er Jahre heraufzubeschwören.
Brendel: Das stimmt. Ich habe ja später in den USA Schlagzeugspielen studiert, und Nena kannte dort auch 20 Jahre später noch jeder.
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Lesung Rolf Brendel liest aus seinem Buch „Nena – Die Geschichte einer Band“ (Blumenbar, 224 S., gebraucht ab 80 Euro): Fr, 30.1., 18.30 Uhr, Museumsdorf Cloppenburg
AusstellungSonder-Ausstellung „Der Bravo-Starschnitt“: bis Anfang Oktober, Museumsdorf Cloppenburg
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taz: Was hat dieser Erfolg mit Ihnen, Nena und den Bandmitgliedern gemacht?
Brendel: Durch diesen Erfolg hatten wir die Gelegenheit, in der ganzen Welt Musik zu machen. Wir machten zum Beispiel damals zwei Tourneen in Japan und haben einen Haufen Geld verdient. Und das verändert natürlich die Menschen. Der eine dreht total ab und gerät in einen Strudel von Drogen und Alkohol. Andere verprassen ihr Geld wie ein Lottogewinner, der sich einen Ferrari und teure Häuser kauft. Aber ich habe immer gewusst, dass das Leben Überraschungen bereithält und man immer damit rechnen muss, dass am nächsten Tag alles anders ist. Aber Nena macht immer noch Musik, und mir geht es auch gut. Obwohl ich gerade auf Youtube einen Bericht gefunden habe, in dem behauptet wird, dass ich im Jahr 2011 gestorben bin.






