Fußball-WM ohne Italien?: Spiele gegen die Angst

Das Wort Nord löst bei den Fußballfans in Italien keine guten Gefühle aus. Die Nordkoreaner waren es, die 1966 mit einem schmucklosen 1:0 Italien aus dem WM-Turnier in England kegelten. Immerhin durfte die Squadra Azzurra da noch bei dem großen Turnier mitspielen. Fast auf den Tag genau vor vier Jahren war es Nordmazedonien, das den Italienern, damals amtierende Europameister, überhaupt den Weg zur WM nach Katar versperrte.

Nicht besser sind die Assoziationen mit dem geografischen Norden. Die Schweden brachte Italien um die WM-Teilnahme in Russland 2018. Dass das Fußballland nun zum dritten Mal in Folge um die WM bangen muss, hat auch mit den Niederlagen in der Qualifikation gegen Norwegen (0:3 und 1:4) zu tun. Dann eliminierte der norwegische Provinzklub Bodo Glimt vor wenigen Wochen Serie A-Tabellenführer Inter Mailand aus der Champions League. Und jetzt kommt es in den WM-Playoffs zur Begegnung mit Nordirland.

Die Angst vor einem Scheitern grassiert. Vor allem natürlich im italienischen Blätterwald. „Es geht um ein beträchtliches Stück Geschichte. Italien darf nicht zum dritten Mal hintereinander eine Endrunde verpassen“, mahnte etwa die Tageszeitung Corriere della Sera.

Die Spieler versuchen Optimismus zu verbreiten. „Wir wissen um die Wichtigkeit, aber wir müssen so unbeschwert wie möglich bleiben“, mahnte Innenverteidiger Riccardo Calafiori vom Premier League-Tabellenführer FC Arsenal. Und er versuchte die dunklen Gedanken über das mögliche Scheitern so wegzuwischen: „Es ist nicht der Moment, zu viel über den Gegner nachzudenken. Es hängt vor allem von uns selbst ab.“

„Ohne jeden Funken Genialität“

Trainer Gennaro Gattuso versicherte derweil: „Ich habe großes Vertrauen in die Gruppe. Wir müssen uns voll auf das Match am Donnerstag konzentrieren.“ Es fällt unterdessen auf, dass im Vorfeld sehr wenig über die spielerischen Qualitäten des Ensembles oder auch die Finessen des Trainers Gattuso gesprochen wird. Ganz im Gegenteil. Das Fachmagazin Rivista Undici watschte die Nationalelf nach dem Scheitern in der direkten Qualifikation ab. „Offensiv ausrechenbar und leicht zu verteidigen, defensiv anfällig, im Mittelfeld zwar dynamisch und von guter Qualität, aber ohne jenen Funken Genialität, der den Lauf eines Spiels von einem Moment auf den anderen verhindern kann.“

Die Analyse stimmt weiterhin. Gattuso hat keinen Spieler für die genialen Momente gefunden. Der einzige, dem man dies zutrauen könnte mit italienischem Pass – Marco Verratti – ist erstens abgetaucht in der katarischen Liga und plagt sich zweitens mit Knieproblemen herum. Verletzungsbedingt musste auch der unberechenbare Flügelstürmer Federico Chiesa absagen. Der Kader ist dennoch gut, mit Weltklassekeeper Gianluigi Donnarumma ganz hinten, dem derzeit zu Europas Besten gehörenden Schienenspieler Federico Dimarco, dem immerhin gepflegt kombinierenden Mittelfeld um Nicolò Barella sowie der neuen Stürmerhoffnung Francesco Pio Esposito, die letzteren drei alle von Tabellenführer Inter Mailand.

Die Meriten des Trainers Gattuso sind allerdings recht überschaubar. Eine eigene Handschrift hat er in seiner Laufbahn bei Palermo, Kreta, Pisa, Mailand, Neapel, Valencia und Split nicht entwickelt. So werden derzeit die Sekundärtugenden herausgestellt. Im Falle Gattusos ist dies vor allem der Fleiß. 80 Flieger habe er gebucht, um seine Spieler in den verschiedensten Ligen live zu sehen, notierte der Corriere. Noch ausführlicher erläuterte die Plattform tuttomercatoweb, dass Gattuso und seine Mitarbeitenden seit Ende der Gruppenphase in der Qualifikation 380 Matches besucht hätten, 259 von möglichen 300 der Serie A, dazu 62 Begegnungen in den europäischen Wettbewerben Champions League, Europa League und Conference League, 32 bei anderen nationalen Meisterschaften, dazu noch einige Pokalspiele im In- und Ausland.

Mit der Reisetätigkeit verbunden war etwas, das zum Klischee italienischer Lebensart geronnen ist: das ausgedehnte kollektive Abendessen. Gattuso nutzte die Ausflüge für gemeinsame Essen mit seinen Spielern. Die goutierten das auch. „Es war einfach wichtig, dass wir zusammen waren. Wir hatten ja keine Gelegenheit, gemeinsam zu trainieren. Deshalb haben wir viel miteinander gesprochen“, erzählte etwa Calafiori.

Die Hoffnung ist nun groß, dass der frühere Mittelfeldterrier Gattuso der jüngeren Generation die Leidenschaft für den Kampf um jeden Ball und jeden Meter Raum vermittelt hat, die ihn einst selbst im Starensemble des AC Mailand auszeichnete. Aus der Frage, ob das reicht, speist sich wiederum die große Angst.

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