Geplante Gesundheitsreform: Die Hausärztin als Gatekeeper

Künftig sollen Pa­ti­en­t:in­nen nicht mehr einfach so zum Facharzt gehen können – das plant das Gesundheitsministerium in einem seiner Kernprojekte dieser Legislaturperiode. Stattdessen sollen sie sich zuerst an einen Hausarzt wenden beziehungsweise eine elektronische oder telefonische Ersteinschätzung bekommen. Da das Gesundheitssystem jedoch sehr komplex sei, müssten für eine entsprechende Reform alle Beteiligten früh mitsprechen – daher brauche es einen Dialog, so Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU). Dieser startete am Dienstag mit verschiedenen Ver­tre­te­r:in­nen des Gesundheitswesens.

Warken nannte die Pläne zum sogenannten Primärversorgungssystem „eine der wichtigsten Strukturveränderungen in diesen Jahren“. Aktuell sei das Problem, dass Pa­ti­en­t:in­nen selbst entscheiden, zu welcher Ärz­t:in­nen sie gehen. Das sei „ineffizient“ für beide Seiten.

Das Ziel sei daher, mehr Orientierung und klare Regeln zu schaffen. Für Pa­ti­en­t:in­nen bedeutet das auch: Ein direkter Zugang zu Fach­ärz­t:in­nen ist dann nicht mehr möglich. Außerdem können Patienten nicht mehr zu so vielen Ärz­t:in­nen gehen, wie sie möchten. Warken sagte aber auch, dass es Ausnahmen geben werde: zum Beispiel bei Gynäkolog:innen, Augen- oder Zahnärzt:innen, Vorsorgeuntersuchungen oder chronisch Kranken. Wie genau diese Ausnahmen aussehen werden, sollen die Beteiligten im Dialog noch besprechen. „Es soll keine sinnlose Schleife entstehen“, sagte Warken.

Umfrage belegt Wartezeiten

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Zunehmende Ungleichbehandlung zwischen privat und gesetzlich Versicherten

Stefanie Stoff-Ahnis, stellvertretende Vorsitzende des GKV-Spitzenverbands, ist Teil des Dialogs. Die Primärversorgung sei zentral, um die Situation für gesetzlich Versicherte zu verbessern, so Stoff-Ahnis. Derzeit würden die Beiträge steigen und trotzdem sei es schwierig, Termine zu bekommen. Eine repräsentative Befragung der GKV zeigt: Die Hälfte der gesetzlich Versicherten wartet zehn Tage auf einen Termin beim Facharzt. Jeder Vierte gibt an, einen ganzen Monat auf einen Termin zu warten. Bei jedem Zehnten sind es sogar drei Monate. Das sorge für eine „zunehmende Ungleichbehandlung zwischen privat und gesetzlich Versicherten“, so Stoff-Ahnis.

Um Hausärzte in der Primärversorgung zu entlasten, wolle man zudem eine digitale und telefonische Ersteinschätzung für Pa­ti­en­t:in­nen anbieten. Daneben brauche es auch die elektronische Überweisung und Terminvermittlung, so Stoff-Ahnis. Wichtig sei es, diese drei Elemente zu verbinden.

Zusätzlich solle die Rufnummer der Kassenärzt:innen, die 116117, ausgebaut werden. Zur Versorgung soll es neue Berufe mit mehr Kompetenzen geben. Zum Beispiel die sogenannten Advanced Practice Nurse – Krankenpfleger:innen, die beispielsweise Hausbesuche übernehmen können.

Kritik von Patientenverbänden

Patientenverbände kritisieren, dass Pa­ti­en­t:in­nen den direkten Zugang zu Fach­ärz­t:in­nen verlieren sollen. Besonders für chronisch kranke Menschen würde das Gesetz die Versorgung erschweren und soziale Ungleichheiten verschärfen. Außerdem könnten sich Diagnosewege verlängern und die Arzt-Patient-Beziehungen verschlechtern.

„Die freie Arztwahl muss auch in einem reformierten System erhalten bleiben, denn ein Primärarzt, der ausschließlich Überweisungen ausstellt, ist kein Fortschritt, sondern lediglich eine zusätzliche Hürde beim Zugang zur Versorgung“, kritisierte Martin Danner, Bundesgeschäftsführer der BAG-Selbsthilfe, einem der Patientenverbände. Auch sie sind Teil des Dialogs.

Die Verbände begrüßen hingegen eine digitale Ersteinschätzung. Dafür müsse aber auch die elektronische Patientenakte mit zusätzlichen Anwendungen ausgestattet werden.

Ein Gesetz zum Primärversorgungssystem soll es noch in diesem Jahr geben, so Gesundheitsministerin Warken. Wann dieses dann in Kraft treten kann, sei aber noch unklar.

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