Geschichte des linken Internationalismus: Schafft ein, zwei, drei, viele Internationalismustheorien

Man kann von einem Ackergaul nicht enttäuscht sein, wenn er langsam ist. Man kann von einem 100 Seiten langen Buch nicht verlangen, dass es die Komplexität einer facettenreichen, gut 150 Jahre alten Bewegung auffächert, die vom Leninismus bis zu Black Lives Matter reicht. Jens Kastners „Internationalismus“ hat den bescheiden wirkenden Untertitel „Kleine Geschichte einer großen Idee“.

Aber das Unterfangen hat zwangsläufig etwas Kühnes. Hier saust einer mit Siebenmeilenstiefeln durch die Weltgeschichte, von Kautskys Imperialismustheorie zu Che Guevara, von der historischen Frauenbewegung zu Toni Negris Multitude. Das funktioniert als skizzenhafter ideengeschichtlicher Überblick. Jens Kastner präsentiert das Material klar strukturiert, in abwägendem Tonfall und ist klug genug, weitgehend auf Wertungen zu verzichten.

Leider nur weitgehend: Immer mal wieder tauchen die Themen Israel und Antisemitismus als eine Art Sündenfall des Internationalismus auf. Der Internationalismus sei am Ende, weil er sich mit dem „antisemitischen, homofeindlichen, patriarchalen und autoritären Islamismus“ verbunden habe. Da rückt dann Judith Butler in die Nähe des iranischen Regimes. Das sind mehr Behauptungen als Analysen, eher Gesinnungsduftmarken.

Kastner hofft auf einen „Internationalismus von unten“

Der Wert dieses Abrisses ist es, Traditionslinien sichtbar zu machen. Der Internationalismus war historisch mit der sozialistischen Imperialismustheorie verkoppelt, die in leninistischer Lesart nach 1917 im sowjetischen Einflussgebiet zur Herrschaftsideologie wurde. Im Kalten Krieg erlebte der Internationalismus eine Renaissance als antikolonialer Aufstand des Globalen Südens gegen den Norden – vor allem die USA: „Schafft ein, zwei, drei, viele Vietnams!“ Die dritte Phase kann man als vielgestaltige Multitude bezeichnen, die von der Antiglobalisierungsbewegung über Flüchtlingsrettung bis zu bäuerlicher Selbstorganisation reicht.

Kastner hofft für die Zukunft auf einen „Internationalismus von unten“. Das ist sympathisch, beantwortet aber nicht all die sprudelnden Fragen, die sich stellen, wenn man das Büchlein zugeklappt hat. Gehört die Kritik des westlichen Imperialismus, die zu einem Rhetorikbaustein von Putin und anderen Despoten verkommen ist, auf den Müllhaufen der Geschichte? Oder ist eine dialektische Aufhebung der Imperialismustheorie denkbar?

Was bleibt von linker Globalisierungskritik, wenn die globale Rechte sich als Avantgarde der Antiglobalisten inszeniert? Bisher waren internationalistische Ideen immer an eine Kritik westlicher Dominanz gebunden. Was, wenn die Zitadellen der Macht anderswo stehen? Ist das Konzept Internationalismus also noch brauchbar für die postwestliche Weltordnung, die ja keine Zukunft, sondern Gegenwart ist?

Linke Theorien haben, folgt man diesem Text, darauf bisher keine brauchbaren Antworten. Das ist auch schon mal eine Erkenntnis.

  • informationsspiegel

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