Die Erfolgsmeldung klang spektakulär. „Die Azawad-Armee hat früh an diesem Mittwoch, 11. März 2026 einen Angriff mit 25 Kamikaze-Drohnen auf den Flughafen von Gao durchgeführt“, meldete die Rebellenallianz aufständischer Tuareg im Norden Malis vor wenigen Tagen. „Der Angriff hat erhebliche menschliche und materielle Schäden in den Reihen der malischen Armee und der Elemente des auf der Basis stationierten russischen Afrikakorps angerichtet.“
Das Dementi klang nicht minder kategorisch. „Früh am Morgen des 11. März 2026 hat eine bewaffnete Terrorgruppe mit Geschossen und einer Kamikaze-Drohne versucht, eine Einrichtung der malischen Streitkräfte in der Region Gao anzugreifen“, erklärte Malis Militär am gleichen Tag. „Diese Angriffe haben weder Verluste an Menschenleben noch größere Schäden verursacht.“
Wie fast bei jedem Gewaltvorfall in Afrikas Sahelzone gibt es gegensätzliche Darstellungen – und was stimmt, lässt sich nicht klären. Auf dem Flughafen Gao war einst die Bundeswehr stationiert, im Rahmen der UN-Mission in Mali. Das ist Geschichte, heute stehen dort Kämpfer aus Russland, die Malis Militärregime unterstützen. Unabhängige Informationen von dort gibt es nicht.
In allen drei Sahel-Binnenländern Westafrikas – Mali, Niger und Burkina Faso – regiert heute das Militär, nach einer Reihe von Putschen in den Jahren 2020 bis 2023. Die neuen Herren in Bamako, Niamey und Ouagadougou haben Europa den Rücken gekehrt und sich Russland angenähert, dessen Militärberater und Kämpfer, hervorgegangen aus dem Wagner-Söldnerimperium, ohne Rücksicht auf Menschenrechte Schützenhilfe leisten und Waffen liefern.
Über 10.000 Tote im vergangenen Jahr
Aber anders als erhofft haben die Militärdiktatoren die Gewalt in ihren Ländern nicht beenden können. Im Gegenteil: die bewaffneten islamistischen Gruppen erscheinen stärker denn je. Über 10.000 Tote bei Gewaltakten zählt die internationale Konfliktbeobachtungsstelle ACLED in Mali, Niger und Burkina Faso allein im Jahr 2025, laut UN jeweils zur Hälfte Zivilisten und Militärangehörige. Die größte islamistische Rebellengruppe JNIM (Gruppe für die Unterstützung des Islams und der Muslime) „besetzt heute weite Gebiete im Norden, Zentrum, Süden und Westen Malis; ist auf einem erheblichen Teil des Staatsgebiets von Burkina präsent; und ist im Südwesten Nigers sehr aktiv“, heißt es in einem neuen Bericht des Konflikt-Think-Tanks „Crisis Group“.
Regelmäßig töten Islamisten bei Angriffen auf Militärposten Dutzende von Soldaten, manchmal sind die Opferzahlen sogar dreistellig, und erbeuten große Mengen an Waffen. Sie setzen auch zunehmend selbst Drohnen ein.
JNIM, hervorgegangen aus lokalen Rebellionen mit dem Ziel der Vertreibung aller ausländischen Streitkräfte und dem Aufbau eines islamischen Staatswesens, ist nicht allein. Im Norden Malis kämpft auch die Tuareg-Rebellenallianz „Azawad-Befreiungsfront“ (FLA). Ansonsten rivalisiert JNIM mit dem radikaleren „Islamischen Staat“, der in der Sahelzone als „Islamischer Staat in der Provinz Sahel“ (ISGS) auftritt und in Nigeria als „Islamischer Staat in der Provinz Westafrika“ (ISWAP).
Die spektakulärsten Angriffe, etwa die Erstürmung des internationalen Flughafens von Nigers Hauptstadt Niamey Ende Januar und ein ähnlicher Angriff auf die Stadt Tahoua Anfang März, gehen auf das Konto der IS-Gruppen, die auf Spektakel und Einschüchterung setzen. In Nigeria und um den Tschadsee kämpft ISWAP auch gegen die lokale islamistische Rebellengruppe Boko Haram.
Eine eigene islamische Verwaltungsstruktur
Die Sahelzone ist ein Flickenteppich, wo Gewaltakteure auf dem Rücken der Bevölkerung gegeneinander Krieg führen; die jeweilige Militärregierung ist nur eine Gruppe von mehreren. JNIM liefert sich vor allem Kämpfe mit den jeweiligen Armeen sowie den paramilitärischen Milizen, die das Militär in Burkina Faso und Teilen Malis zur lokalen Terrorbekämpfung aufgebaut hat; daraus haben sich viele kleine Kriege entwickelt, bei denen ganze Bevölkerungsgruppen kollektiv zur Zielscheibe werden.
JNIM hat in ihren Hochburgen in Mali eine eigene Verwaltung aufgebaut, die Steuern eintreibt und der Bevölkerung Frieden im Gegenzug für Unterwerfung unter ihre islamischen Regeln anbietet. Ihre Kriegsstrategie erinnert an alte maoistische Guerillatraditionen der Einkesselung der Städte. Fernstraßen sind bevorzugte Ziele für Angriffe, Raubüberfälle und Geiselnahmen.
Monatelang war Malis Hauptstadt Bamako im Herbst 2025 faktisch belagert, weil JNIM eine Treibstoffblockade aufrechterhielt. Erst vor kurzem zeigten neue Videos, wie JNIM-Kämpfer unbehelligt auf den Fernstraßen nach Bamako den Schwerlastverkehr kontrollieren. Mehrere malische Tanklastwagenfahrer wurden getötet, dann traten deren Kollegen in den Streik und die Versorgungslage ist im laufenden Ramadan angespannt. Was an Diesel derzeit in Bamako ankommt, alimentiert ausschließlich die Stromkraftwerke.
Störungen des Fernverkehrs, das haben die islamistischen bewaffneten Gruppen entdeckt, sind das effektivste Mittel, um die Militärregierungen in Mali, Burkina Faso und Niger in die Knie zu zwingen. Alle drei Länder sind Binnenländer und benötigen Häfen in westafrikanischen Küstennachbarn als Tore zur Welt. Für Mali ist das Dakar in Senegal, für Burkina Faso Abidjan in der Elfenbeinküste und für Niger ist es Cotonou in Benin. All diese ehemaligen französischen Kolonien teilen sich bis heute den westafrikanischen CFA-Franc, die Ökonomien sind eng verflochten.
Aber politisch sind sie verfeindet, und das schwächt die Militärregierungen. Auf die Militärputsche in Mali 2020 und in Niger 2023 reagierten ihre Küstennachbarn im Rahmen von Westafrikas Regionalorganisation Ecowas (Westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft) mit teils sehr scharfen Sanktionen. Aus Empörung darüber sind die drei Militärregierungen aus Ecowas ausgetreten und haben eine „Allianz der Sahel-Staaten“ (AES) gegründet, die afrikanische „Souveränität“ statt neokoloniale Abhängigkeit proklamiert.
Wechselseitige zwischenstaatliche Destabilisierung
Dieser Diskurs stößt in ganz Westafrika auf Sympathien, insbesondere bei teils populistischen Jugendprotestbewegungen; aus diesen ging auch die aktuelle Regierung Senegals hervor. Der Machtkampf zwischen Militärregierungen und Islamisten ist auch ein Wettlauf um die Herrschaft über die aufsässige junge Generation. „Jugendarbeitslosigkeit, Ungleichheit und Unsicherheit behindern inklusives Wachstum“, drückt der jüngste Westafrika-Bericht des UN-Generalsekretärs an den UN-Sicherheitsrat das Grundproblem aus.
Westafrika ist nun in zwei Staatenblöcke geteilt, die sich gegenseitig Destabilisierung vorwerfen. Benin erlebte im Dezember einen von Nigeria und Frankreich niedergeschlagenen Putschversuch, dessen Anführer hinterher nach Burkina Faso floh. Niger hat den Oppositionsführer Guillaume Soro aus der Elfenbeinküste bei sich aufgenommen. Regimetreue Kräfte in Mali werfen der Regierung der Elfenbeinküste vor, Islamisten zu dulden.
Dabei machen islamistische Angriffe und Überfälle längst auch Grenzgebiete in Togo, Ghana und der Elfenbeinküste unsicher sowie den Norden Benins, wo sich JNIM allmählich festsetzt. All dies trägt dazu bei, die Sahelstaaten noch weiter von den Küsten abzuschneiden.
Damit nicht ganz Westafrika Kriegsgebiet wird, diskutieren Beobachter und Experten zunehmend über möglichen Dialog mit den bewaffneten islamistischen Gruppen. Auf lokaler Ebene wird dies in Teilen Malis bereits praktiziert. Imam Mahmoud Dicko, ein anerkannter Religionsführer und ein Anführer der Protestbewegungen in Mali vor dem Militärputsch 2020, lebt heute im algerischen Exil und pries diese Option vor kurzem in Mauretanien auf einer Konferenz an.
Es sei eine religiöse Pflicht, Hoffnung an die Stelle von Verzweiflung zu setzen, sagte Dicko. „Hoffnung kann man weder erzwingen noch importieren“, führte er aus. „Man muss sie aufbauen, mit politischem Willen (…) Die Malier müssen sich zusammensetzen, um eine Lösung zu finden.“






