
Eleni Poulou hat einen Song ausgewählt: eine beherzte Sandpapiermusik, die Melodie ist weltzugewandt, mehr herausfordernd als sie umarmend, im Deutschen würde man „keck“ dazu sagen. Im Jahr 2026 übersetzt die Musikerin und Radiomacherin Poulou die Sängerin Rita Abatzí aus dem Jahr 1934: „Hey, ich bin die wilde Kiki, / die zwei Monate im Knast war, / Ich bin die arme Kiki, / die zwei Monate im Gefängnis saß, / weil ich verrückte Vorlieben habe / und keine Angst vor Schwierigkeiten.“
Die Zeilen und der Song stammen beide aus der Feder eines Mannes, des Komponisten Panagiotis Toundas; Text und Vortrag unterstreichen, was Poulous Kollege, der Musiker und Forscher John Stergiou, meint, wenn er eine historische Redewendung zitiert: „Sie singt Rebetiko? Leg dich bloß nicht mit ihr an.“
Stergiou leitet das 2024 gegründete Rebetiko Orchestra Berlin und spielt in ihm Bouzouki, Poulou die Kurzhalslaute Baglama. Sie war Keyboarderin der experimentellen Rockband The Fall und betreibt mit dem Improvisationsposaunisten Hilary Jeffery das Duo Organza Ray; er hat mit der Sängerin Maria Farantouri und dem Komponisten Mikis Theodorakis gearbeitet, die sich beide intensiv mit Rembetiko, dem Weltkulturerbe, das von der Straße kam, beschäftigt haben.
Rita Abatzí und über ein Dutzend weitere Protagonistinnen des Rembetiko wird das Rebetiko Orchestra Berlin zum 8. März mit dem Programm „Woman = Life“ im Kulturraum 90mil vorstellen. Es wird hoffentlich nicht bei diesem Termin bleiben.
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Entstanden in den Nachwehen des Ersten Weltkrieges
Damit ist das Stichwort gefallen: Rembetiko beziehungsweise Rebetiko, beide Schreibweisen sind möglich, ist ein Kind, dessen Stammbaum sich bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts zurückverfolgen lässt. Auf die Welt gekommen ist es in den Nachwehen des Ersten Weltkriegs im Gefolge einer politischen Katastrophe. Durch den Griechisch-Türkischen Krieg, der seit 1919 Westanatolien verwüstete, wurden 1922 die kleinasiatischen Griechen aus Smyrna (heute Izmir) und anderen Orten Anatoliens durch einen Bevölkerungsaustausch auf das Festland vertrieben. Diese kurzen Zeilen können die Schrecken des Geschehens nur anreißen.
In einer Wendung, mit der die Musik- die Militärgeschichte aussticht, entstand Rembetiko, eine Stilistik, die „nicht allein den Griechen gehört“, wie Stergiou meint. Er ergänzt: „Sie wurzelt in einer Koexistenz.“ Wenn man so will, hat Rembetiko an einem neuen Ort künstlerisch und lebenspraktisch bewahrt und transformiert, was am Alten im Krieg zerstört wurde.
Rembetiko, das ist eine Mixtur aus Ver- und Entwurzelung, aus Verwegenheit, Eleganz und Liederlichkeit, in einem Wort Renitenz, die von Faschismus und Militärdiktatur nicht auszutreiben war und im Übrigen einigen Klischees über den rückständigen Hinterhof Europas, auch Balkan genannt, zuwiderläuft.
Über die Frauen dieser Szene erfahren wir im Booklet der Compilation „Rembetika. Songs Of The Greek Underground 1925–1947“, die der Platten- und Buchhändler Christos Davidopoulos kurz nach der Jahrtausendwende herausgebracht hat: „Die Rembetissa war unabhängig, unverheiratet und nur dem Verhaltenskodex der Rembetes-Gesellschaft verpflichtet. Sie konnte nach Belieben die Männer wechseln, war jedoch keine Prostituierte. Wie auch bei den Männern war die gleichgeschlechtliche Beziehung nicht tabuisiert.“ „Die Rembetissa ist die freieste Frau, die das moderne Griechenland hervorgebracht hat“, zitiert Davidopoulos den Autor Elias Petropoulos.
Kein Reichtum, keine Güter
Ein Mensch des Rembetiko „hat nie einen Regenschirm bei sich, hasst die Polizisten, raucht Haschisch, hilft den Schwachen und meidet Arbeit“. Entfremdete Arbeit, natürlich! Rita Abatzí alias Kiki singt weiter: „Ich will keinen Reichtum und keine Güter, / ich mag die Armut und die Arbeiterklasse. / Und wenn ich irgendwann heirate, / werde ich mir einen Arbeiter suchen. / Armut zusammen mit Ehre / möchte ich einen Moment lang leben.“
„Armut und Ehre“ ist einer der Songs, die das Rebetiko Orchestra Berlin für den 8. März vorbereitet hat. Mit John Stergiou und Eleni Poulou können bis zu 16 Menschen auf der Bühne agieren. Sie sind Musik- oder Naturwissenschaftlerinnen oder aber gehen noch zur Schule, sie kommen vom Jazz, von Balkan- und Klezmerbands oder Chorgesang. Sie sind weit gereist und stammen von griechischen Linken ab, die nach dem Bürgerkrieg 1946 bis 1949 in die DDR geflohen waren. Sie performen, singen, spielen Akkordeon, die Schalenhalslaute Tsouras, Gitarre, Akustikbass, Klarinette, Geige und Perkussion. Das Konzert wird von der experimentellen Senderkooperative Cashmere Radio übertragen.
Die oben erwähnte CD gibt es immer noch beim Münchener Label Trikont, ihren Vorgänger „Fünf Griechen in der Hölle“ antiquarisch. Zur weiteren Inspiration empfehlen Eleni Poulou und John Stergiou den Youtube-Kanal des Schriftstellers Panagiotis Konstantopoulos. Aber aufgepasst! „Ich weiß Bescheid und schieße mit der Pistole / auf jeden, der mir Ärger macht“, singt Rita Abatzí.







