Israel vor der Wahl: Wenn KI-Videos das Netz fluten

Unter dem Titel „die Masken abnehmen“, postet Noch-Premier Benjamin Netanjahu im Rahmen des israelischen Wahlkampfs ein Video. Es zeigt seine politischen Konkurrenten Yair Lapid und Naftali Bennet von der Mitte-rechts-Partei B’Yachad. Sie umarmen sich, dann ziehen sie Masken von ihren Gesichtern ab und zum Vorschein kommen die beiden arabisch-israelischen Politiker Mansour Abbas und Ahmad Tibi. Schließlich kommt noch Yair Golan von der Mitte-links-Partei Demokraten hinzu und umarmt die beiden fröhlich.

Das Video hat eine offensichtliche Botschaft: Wer Lapid und Bennet wähle, bekomme eine Koalition mit den arabisch-israelischen Parteien und den Demokraten. Und wer das nicht wolle, müsse eben Netanjahu und seine Likud-Partei wählen.

Und das Video hat einen offensichtlichen Ursprung: künstliche Intelligenz (KI). Das Projekt „Ze Be AI“ der Open University in Israel dokumentiert etwa 48.600 Posts in Zusammenhang mit den Wahlen, davon enthalten fast 15 Prozent KI-generierte Inhalte.

Das von Netanjahu geteilte Video mit Lapid und Bennet ist auch für ungeübte Augen als Fake zu erkennen. Bei anderen Bildern und Videos ist das viel schwieriger. Etwa ein vermeintliches Foto, das Lapid und Bennet Hand in Hand mit den Anführern der arabischen Parteien in Israel zeigt. Es ist bearbeitet, auf dem Originalbild sind zwei andere Männer an ihrer Stelle zu sehen.

Polarisierung, Verleumdung, Desinformation

Der Inhalt ist derselbe – die Methode aber eine andere. Von „Deepfakes“ und „Slopaganda“, einer Wortschöpfung aus Slop und Propaganda, spricht Tehilla Shwartz Altshuler. Sie ist Senior Fellow am Israel Democracy Institute und beschäftigt sich dort mit dem Einfluss von Technologie auf Demokratie. Der Zweck der KI-generierten Wahlkampfinhalte: „Polarisierung fördern, Konkurrenten verleumden, Desinformation verbreiten“.

Schon im Januar warnte sie in einem Blogpost für die Times of Israel: Die Nutzung von KI im Wahlkampf werde die Demokratie im Land auf die Probe stellen. Es ist der erste Wahlkampf in Israel, bei dem die Technologie eine echte Rolle spielt.

Israels Wahlkommission hat auf das Problem mittlerweile reagiert; im Juli stellte es Regeln dazu auf. KI-generierte oder mithilfe von KI manipulierte Inhalte müssen nun als solche gekennzeichnet werden.

Auch die sephardisch-ultraorthodoxe Shas-Partei nutzt KI für ihren Wahlkampf. Gekennzeichnet werden die Videos mit einem kleinen schwarzen Feld, in dem „KI“ steht. In einem der von der Partei geteilten Videos ist ein kleiner Junge zu sehen, dem im Kindergarten nicht etwa ein „Frohes Hanukkah“ gewünscht wird, sondern ein „Hannu-Christmas“, also ein Mix zwischen dem jüdischen Lichterfest und dem christlichen Weihnachten. Die Botschaft der Partei: „Ein Staat wie alle anderen oder ein jüdischer Staat. Ihr entscheidet“.

Automatisierte Whatsapp-Posts dank künstlicher Intelligenz

Ob es eine solche Konversation in einem Kindergarten irgendwo in Israel gegeben hat, ist fraglich. Doch um die Wahrheit, um Dinge, die wirklich geschehen sind, geht es nicht. Mithilfe von KI könne man „eine alternative Realität schaffen“, schreibt Tehilla Shwartz Altshuler.

Die Videos sind nicht das einzige Problem. Denn mithilfe von KI können Kapazitäten an Arbeitskraft abgerufen werden, die in einem nur von Menschen geführten Wahlkampf wohl deutlich teurer wären.

Das illustrierte jüngst ein Skandal rund um den Netanjahu-Berater Jonathan Urich. Der ist kein Unbekannter: Im Qatargate-Skandal um den Einfluss Katars auf Benjamin Netanjahu ist er derzeit Gegenstand von Ermittlungen. Jüngst gab er zu, auch nach dem Angriff der Hamas und anderer palästinensischer Milizen in Israel am 7. Oktober 2023 weiterhin mit Katar gearbeitet zu haben. Israel wirft dem Golfstaat Unterstützung der Hamas vor.

Netanjahus Vertrauen zu Urich scheint ungebrochen, er arbeitet weiter mit ihm zusammen. Ein Projekt unter Urichs Beteiligung: „Alle 90 Sekunden durchsucht ein KI-gestütztes Programm rund 50 Nachrichtenquellen nach Erwähnungen von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, seiner Frau Sara Netanjahu, der Likud-Partei und deren politischen Gegnern. Wenn das Programm etwas Wichtiges entdeckt, schickt es eine Zusammenfassung an eine von zwei WhatsApp-Gruppen“, berichtet die Jerusalem Post. Dank KI läuft das Projekt quasi nebenher.

Mit Fakestudien und Analysen ChatGPT füttern

Und die KI kommt nicht nur zu den Wählerinnen und Wählern, sondern sie auch zur KI. Eine Studie der Israel Internet Association zeigte: 88 Prozent der Befragten nutzen grundsätzlich ChatGPT, ein Viertel zieht es in Betracht, ihre Wahlentscheidung mithilfe von KI-Programmen zu treffen.

Die Netanjahu-Regierung hat bereits investiert, um KI-Modelle wie ChatGPT pro-israelisch beziehungsweise pro der derzeitigen Regierung zu beeinflussen. Dafür werden Webseiten vermeintlich unabhängiger Institute aufgesetzt, die dann Analysen und Kommentare im Sinne ihrer Auftraggeber publizieren. Auf diese Inhalte sollen dann Programme wie ChatGPT zugreifen, und sie in ihren sogenannten Denkprozess einbeziehen. Laut dem Portal „Axios“ wurden für ein solches Projekt mehrere Millionen US-Dollar fällig. Ob es ähnliche Initiativen auch für Pro-Netanjahu-Beeinflussung gezielt vor den Wahlen gibt, ist bislang allerdings unklar.

Letztlich ist die Nutzung von KI nur ein Rad in einer gut geölten Wahlkampfmaschine. Immer wieder postet Netanjahu Videos auf seinem X-Account, die betonen: Achtung, die Oppositionsparteien wollen mit den Arabern zusammenarbeiten. Um seine Botschaft rüberzubringen, braucht Netanjahu keine KI.

  • informationsspiegel

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