Journalisten auf Grönland: Deutscher Humor zündet nicht

Wenn ich als Deutscher ins Ausland reise, kommt es öfter vor, dass ich mich dort für meine Landsleute schäme. Auf meiner aktuellen Grönlandreise aber hat der Landsleutescham eine neue Stufe erreicht.

In der Hauptstadt Nuuk, wo ich derzeit weile, hat der Extra-3-Comedian Maximilian Schafroth am Mittwochnachmittag versucht, auf einem zentralen Platz eine US-Flagge an einem Fahnenmast hochzuziehen, bis er von Passanten daran gehindert wurde. Schafroth musste ein Bußgeld zahlen. Unter Grönländern sorgen Videos von dem gescheiterten Flaggenaufzug für Empörung in den sozialen Medien.

Ein foreshadowing dieser Heimatscham habe ich noch vor dem Vorfall am frühen Mittwochnachmittag erlebt. Ich war gerade mit einigen Leuten im Stadtzentrum unterwegs, und eine Grönländerin aus Nuuk wollte gerade ansetzen, um uns etwas zu erzählen. In dem Moment gingen Schafroth und sein NDR-Kamerateam auf eine Gruppe Kinder und junger Jugendlicher zu, um sie in lautem US-akzentuierten Englisch zu fragen, ob sie die USA nicht auch toll fänden. Wer das denn sei, fragte die Frau im Weitergehen. „Ich kenne den Mann nicht“, entgegnete ich wahrheitsgemäß (durchaus beschämt), „aber offenbar ist das ein deutscher Comedian, der einen Ami mimt.“

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Deutsche Satire ist nicht lustig

Die Menschen in Grönland finden also gerade raus, was viele Deutsche schon länger wussten: dass deutsche Satire nicht lustig ist. Und dass einige ihrer Vertreter wohl auch kein Gespür für den richtigen Witz zur richtigen Zeit am richtigen Ort haben. „Wenn du unsere Werte nicht respektierst, wieso bist du dann in Nuuk?!“, schrieb der Influencer Orla Joelsen in einem Post auf X, der über eine Million mal gesehen wurde. Schafroth hat sich mittlerweile bei den Grönländern entschuldigt. Er habe eingesehen, dass der Gag nicht funktioniert hat.

Das hätte ihm in der Tat auch vorher einfallen können. Ich selbst bin seit ein paar Tagen als Reporter in Nuuk unterwegs und wusste schon im Vorhinein, wie gestresst und verunsichert die Bevölkerung seit den Invasionsdrohungen aus Washington ist. Als in Nuuk am Samstagabend großflächig der Strom ausfiel, dachten viele im ersten Moment, die USA bombardierten jetzt doch das Land. Erst etwas später erfuhren sie, dass nur ein Sturmschaden nahe dem Wasserkraftwerk für den Blackout verantwortlich war.

Journalistenschwärme auf der Insel

Zudem schwärmen seit Wochen und Monaten Journalisten nach Grönland. Viele Bewohner, besonders in der 20.000-Einwohner-Hauptstadt, fühlen sich dadurch geradezu belagert – zumal ihnen oft immer wieder die gleichen Fragen gestellt werden. Um mit Menschen ins Gespräch zu kommen, muss man erst mal Vertrauen aufbauen. Gespräche mit Politikern oder Experten sind schwer zu bekommen angesichts der Aufmerksamkeit aus der ganzen Welt.

Die Bürgermeisterin der Gemeinde Sermersooq, die Nuuk einschließt, veröffentlichte am Donnerstag ein Statement auf Englisch, das sich an internationale Journalisten richtet. „Sie müssen sich bewusst machen, welchen immensen Schaden Sie den Menschen hier beiläufig zufügen“, schrieb Avaaraq Olsen mit Blick auf die Satireaktion. Sie wies ferner darauf hin, dass man Kinder nicht ohne das Einverständnis ihrer Erziehungsberechtigten filmt, was eigentlich auch in Deutschland zu den absoluten Basics journalistischer Praxis gehört.

Trotz allem soll hier nicht der Eindruck entstehen, dass die Grönländer nur passive Opfer sind. Im Gegenteil haben sie in der Krise eine beeindruckende Renitenz und Widerstandskraft an den Tag gelegt, wobei eine ihrer Waffen gerade der Humor ist. In einem viralen Clip des dänischen Senders DR P3 nehmen sie dabei nicht nur Trump aufs Korn, sondern gleichzeitig auch sich selbst, und ihr schwieriges Verhältnis mit Dänemark nicht so ernst.

Selbst „der Ami in Grönland“ kann unter den aktuellen Umständen funktionieren, wenn man es denn richtig macht. So war der kanadische Comedian Mark Critch vor Kurzem in Nuuk unterwegs, verkleidet als Donald Trump. Dieser Trump trifft auf seiner Reise verschiedene Menschen, die er von einem Deal überzeugen will – mit wenig Erfolg, versteht sich. Hier geht der Witz ganz klar auf Kosten des bullys. Zudem wussten Critchs Gesprächspartner vorab genau, worauf sie sich einließen.

Nachdem der Grönlandgag von Extra 3 also nicht gezogen hat, muss jetzt vielleicht ein anderer Dreh her. Vom Flughafen der Hauptstadt Nuuk kommt man recht fix in die USA, etwa nach New York. Von dort ist es auch nicht mehr so weit nach Minneapolis. Wie wäre es, wenn ein Comedian sich mal daran versuchen würde, dort vor dem Hauptquartier der Abschiebebehörde ICE die Grönlandflagge zu hissen. Obwohl, vielleicht lassen wir die Arktisinsel und ihre Bewohner mal aus dem Spiel und nehmen lieber die Pride- oder die Black-Lives-Matter-Flagge.

Das hätte sicherlich einen gewissen Unterhaltungswert. Es wäre allerdings nicht ganz so ungefährlich wie ein Witz auf Kosten der Grönländer.

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