KI und die neuen Grenzen im Journalismus: Der nötige Spritzer Selbstkritik

D er Skandal um heimlich von einer KI geschriebene Kommentare beim Tagesspiegel wirft Fragen auf. Darüber, wo die Grenzen der Nutzung von künstlicher Intelligenz im Journalismus liegen. Denn die Verlockung ist groß, im Stress der Tagesaktualität schnell die KI anzuwerfen und den eigenen Faktencheck wegzulassen. Sobald eine Nachricht über die Ticker kommt, zählt jede Sekunde.

Und wer will sich schon durch ein 500-Seiten-Dokument quälen, wenn es per Upload und Prompt nur 30 Sekunden dauert, bis man vermeintlich das Wichtigste zusammengefasst bekommt? Ein branchenübergreifendes Ethos nach dem Vorbild des Pressekodex gibt es noch nicht. Im aktuellen Jahresbericht des Deutschen Presserats wird KI gar nicht erst erwähnt.

Die aktuellste Einlassung ist eine Erklärung von 2024. Darin geht es vor allem um die Bewertung von Beschwerden, nicht um den Einsatz selbst: „Wer sich zur Einhaltung des Pressekodex verpflichtet, trägt die presseethische Verantwortung für alle redaktionellen Beiträge, unabhängig von der Art und Weise der Erstellung. Diese Verantwortung gilt auch für künstlich generierte Inhalte.“

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Das Logo der taz: Weißer Schriftzung t a z und weiße Tatze auf rotem Grund.

taz debatte

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Änderungen im Pressekodex wie eine Kennzeichnungspflicht für KI-generierte Texte seien derzeit nicht erforderlich. Die presseethische Verantwortung, etwa bei der Einhaltung der journalistischen Sorgfaltspflicht, liege weiter „uneingeschränkt bei den Redaktionen“. Und die stoßen bei der Qualitätssicherung bei eigenen Texten an offenbare Grenzen. Zwar kann in redaktionell gemeinsam genutzten KI-Profilen nachvollzogen werden, wer welche Anfrage gestellt hat oder nach einer Formulierungshilfe fragt. Aber was die einzelnen Re­dak­teu­r:in­nen abseits davon in ihren privaten Accounts tun, bleibt zunächst privat.

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Professionelle Vertrauensbasis

Dazu kommt eine professionelle Vertrauensbasis, die hauseigenen Regeln einzuhalten, sich an journalistische Grundsätze zu halten und die Hoheit über den eigenen Text nicht aus der Hand zu geben. Die künstlich erzeugten Kommentare beim Tagesspiegel dürften ein extremer Fall unethischer Nutzung sein.

Aber da es keinen branchenübergreifenden Konsens über die Grenzen des guten Geschmacks gibt, sind die Übergänge fließend. Was wiegt schwerer: ein eigener Gedanke, dafür komplett vom Bot formuliert, oder eine KI-Analyse, dafür in eigene Worte gefasst? Der Editor-at-Large des Tagesspiegels, Stephan-Andreas Casdorff, hat sich offenbar gleich für beides entschieden und ganze Texte verfassen lassen, was Urteil und Konsequenz recht einfach macht.

Doch gerade weil es nicht nur die eine, sondern mindestens Fifty Shades of KI gibt, muss sich der Journalismus nun dringend in Klausur begeben. Ein Update steht an: Wie schaffen wir es, original und glaubwürdig zu bleiben und uns nicht schleichend selbst abzuschaffen? Die Antworten darauf müssen ehrlich sein, kollegial und mit dem nötigen Spritzer Selbstkritik.

  • informationsspiegel

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