
E s gehört offenbar zu den Tatsachen dieser Welt, dass Tilda Swinton als politische Aktivistin sehr viel weniger subtil vorgeht als in ihren Filmen. Sie und die anderen beteiligten Filmleute hätten in ihrem offenen Brief, den sie vordergründig an die Berlinale, tatsächlich aber wohl in die Meinungsarenen dieser Welt schickten, jedenfalls zumindest wahrnehmen können, wie sehr sich das diesjährige Festival des Konflikts um Gaza bewusst ist und dabei auch palästinensische Perspektiven berücksichtigt.
Der Journalist Thomas Hummitzsch, dem man mangelnde Sensibilität für die Palästinenser ganz gewiss nicht nachsagen kann, hat die Filme gezählt, die mehr oder weniger direkt Gaza thematisieren. Er sind, wie er auf dem Blog „Intellectures“ schreibt, etwa so viele wie bei „den Bemühungen um Abbildung der filmischen Verarbeitung des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine bei der Berlinale 2023“.
Darüber hinaus: Bei Gruß- und Dankesworten wurde Solidarität mit den Palästinensern unwidersprochen formuliert. Filmregisseurinnen haben sich im Vorfeld versichern lassen, dass sie in Worten und Symbolen ihren Protest ausdrücken können. Das können sie, auf den Podien sah man Pali-Tücher und Melonensticker. Zensur sieht anders aus. (Der Eindruck, dass, wenn, eher die israelische Seite fehlte, sei hier nur in Klammern festgehalten.)
BDS-affine Sicht
All das hätten die Unterzeichner des offenen Briefes sehen können. Aber nein. Sie verwenden ihre Prominenz dazu, Parolen zu vertreten, die sich, so der Eindruck, sowieso längst von der Nachrichtenlage verselbstständigt haben. Von „involvement in censoring artists“ und einem „ongoing genocide“ ist die Rede.
Das ist eine Sprache der Vereindeutigung. Ihr Brief ist geprägt eben nicht von der Sorge, dass die palästinensische Perspektive zu kurz kommt, sondern davon, nur ihre, und zwar BDS-affine Sicht gelten zu lassen. Der aber kann man sich mit sehr guten Gründen verweigern. Die Rolle der Hamas und solcher Staaten wie Iran wird in dieser Sicht ausgeblendet, beim Schüren des Konflikts sind sie federführend dabei.
Kurz, in Gaza eskalierte einer der, sowohl was die Historie als auch was die politischen Gegebenheiten betrifft, kompliziertesten Konflikte überhaupt, und der offene Brief verlangt eine Unterwerfung unter genau einer Sichtweise darauf. Wer verengt hier den Meinungskorridor?
In ihrer Antwort auf den offenen Brief schreibt die Festivalchefin Tricia Tuttle: „Wir wissen, dass die Darstellung von Menschen als ‚propalästinensisch‘ oder ‚proisraelisch‘ die komplexe Bandbreite an Perspektiven verengt und den Diskussionen, die wir über eines der schwierigsten und polarisierendsten Themen unserer Zeit führen müssen, nicht gerecht wird.“
Es wäre naiv zu glauben, die Unterzeichner des offenen Briefes würden sich von so einem Satz beeindrucken lassen. Aber er ist gar nicht so leisetreterisch, wie er dargestellt wird. Man sollte sich nicht einreden lassen, dass so eine differenzierte Sicht wischiwaschi ist oder Entsolidarisierung mit Opfern von Gewalt bedeutet. Wie soll es sonst gehen, wenn man ein Festival als Ort der komplexen Wahrnehmung behaupten will?







