Odessa unter den russischen Angriffen: Der Feind spricht Russisch. Ist Russisch ein Feind?

Es ist ein wunderschöner Frühling in Odessa, der Stadt am Schwarzen Meer, die, wie es in einem bekannten Lied heißt, viel Leid gesehen hat. Gemächlich ziehen Menschen durch den Bahnhof, genießen die noch ungewohnte Wärme von 20 Grad. Immer wenn ein Zug eintrifft, begrüßen die Lautsprecher die Gäste mit dem 1935 komponierten Lied „Oh Schwarzes Meer“.

Und wenn man die Menschen beobachtet, die an diesem sonnigen Frühlingstag gemächlich ihres Weges gegen, fragt man sich, ob das, was man in der Nacht erlebt hat, vielleicht nur ein böser Albtraum war.

Doch es war kein Albtraum, es war bittere Realität, ein russischer Drohnenangriff, der in der Nacht zu Montag drei Menschen das Leben gekostet hat, unter ihnen ein Kind. Jetzt am Frühlingsnachmittag scheinen die Ereignisse der Nacht weit zurückzuliegen.

„Jeder geht mit den Luftangriffen anders um“, erklärt Switlana auf einer Parkbank unweit des Bahnhofes. „Gott hat den Zeitpunkt meines Todes bestimmt. Was soll ich jetzt Angst haben?“

Die Puppe riecht immer noch nach Ruß

Switlana war nicht im Schutzraum in der Nacht. Vor einigen Wochen hatte es in einem Nachbarhaus eingeschlagen. Dabei hatte die Druckwelle Kinderspielzeug auf die Straße geschleudert. „Ich habe mir eine Puppe genommen. Nun liegt diese Puppe immer neben mir in der Nacht. Sie riecht immer noch nach Ruß.“

„Alles hängt von deiner inneren Kraft ab“, fährt sie fort. „Wenn du die hast, kannst du so eine Nacht gut überleben. Wenn nicht, greifst du zur Flasche.“ Doch es sind nicht nur die Luftangriffe, die die BewohnerInnen von Odessa beunruhigen.

Im Straßenbild sieht man vorwiegend Frauen, Jugendliche und ältere Männer. Viele Männer im wehrfähigen Alter verstecken sich. Sie fürchten, direkt von der Wehrbehörde TZK auf der Straße aufgegriffen zu werden, erklärt Taxifahrer Serhi.

Leonid Schtekel, Blogger und Aktivist, betrachtet die TZK-Behörde als ein Zentrum tief verwurzelter Korruption. Nach seinen Angaben zahlen viele Männer Bestechungsgelder – entweder, um einer Mobilisierung ganz zu entgehen, was besonders teuer sei, oder häufiger, um nicht an die Front geschickt zu werden, sondern in vergleichsweise sichere Einheiten zu gelangen.

Ein städtischer Arbeiter räumt Trümmer eines Wohnhauses auf, das nach einem russischen Drohnenangriff am 19. März beschädigt wurde

Foto: Oleg Grekov/ap/dpa

Die Furcht vor Mitarbeitern der Rekrutierungsbehörden sei allgegenwärtig, so Schtekel weiter. Und leider werde jetzt alles aus dem Stadtbild getilgt, was an die russischsprachige Vergangenheit von Odessa erinnere.

Schtekel kann es nicht verstehen kann, dass sogar ein Denkmal des unter Stalin hingerichteten, in Odessa geborenen Schriftstellers Isaak Babel entfernt werden soll. Die Gesellschaft sei zunehmend von Polarisierung geprägt.

Dabei seien die Zeiten, in denen sich proukrainische und prorussische Gruppen feindselig gegenübergestanden hatten, vorbei, findet er. Wer fast jede Nacht russische Luftangriffe erlebt, kann nicht mehr das Russland von Wladimir Putin gut finden. Nun aber sei die russische Sprache das polarisierende Thema. „Irgendwann kann der Streit über die russische Sprache zu Blutvergießen führen“ fürchtet Schtekel.

„Russisch ist einfach tabu“

Katja Tschalaja ist nicht der Auffassung, dass Russischsprechende gehasst werden. „Russisch im öffentlichen Raum ist einfach tabu.“ Gleichwohl: Die Menschen, die fast jede Nacht Drohnenangriffe erleben, befänden sich im Dauerstress. Und diesem könne man entgegenwirken mit schöpferischer und künstlerischer Tätigkeit.

Sie weiß, wovon sie spricht, hat sie doch kürzlich in Odessa das Zentrum Talant+ gegründet. In diesem können Kinder und Jugendliche Bilder malen, handwerklich tätig sein oder auch musizieren.

Im Alltag von Odessa ist von Polarisierung wenig zu spüren. „Zikavo“, sagt eine junge Frau an einer Ampel ihrer Begleiterin und deutet auf ein rotes Kleid einer anderen Passantin. „Da, interesno“, antwortet ihre Freundin.

Die beiden haben das Gleiche gesagt: nämlich, dass sie das Kleid interessant finden – erst auf Ukrainisch und dann auf Russisch. Und weitere Gesprächsfetzen machen deutlich: Die eine spricht immer auf Ukrainisch, ihre Freundin antwortet immer auf Russisch. Diese beiden Frauen jedenfalls haben kein Sprachproblem.

  • informationsspiegel

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