Krieg im Libanon: Die Wiederauflage der „Sicherheitszone“

Einberufungsbefehle, schweres militärisches Gerät entlang der Grenze, Gefechte mit Hisbollah-Kämpfern: Vieles deutet darauf hin, dass Israel seine Operationen im Südlibanon zu einer umfassenden Invasion ausdehnt. Die israelische Armee wie die proiranische Miliz meldeten seit Samstagabend Kämpfe, unter anderem im südlibanesischen Ort Chiam. Das Ziel sei, „Gebiete einzunehmen, Hisbollah-Kräfte in Richtung Norden und weg von der Grenze zu drängen und militärische Stellungen und Waffenlager in den Dörfern zu zerstören“, sagte ein hochrangiger israelischer Vertreter dem US-Nachrichtenportal Axios.

Umfassende Evakuierungsaufforderungen auch jenseits des Litani-Flusses haben rund eine Million Libanesinnen und Libanesen zur Flucht getrieben. Viele fürchten die größte Bodenoffensive Israels im Libanon seit 2006 – und womöglich eine erneute Besatzung. Zwischen 1982 und 2000 hielten israelische Soldaten eine sogenannte „Sicherheitszone“ im Süden des Landes besetzt.

Der Libanon wird damit zunehmend einer der Hauptschauplätze des eskalierenden Irankriegs, den US-Präsident Donald Trump und Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu vor gut zwei Wochen begonnen haben. Doch wie in Iran ist auch im Libanon unklar, was denn nun die militärischen Ziele sind – und wie sie erreicht werden sollen.

Die Hisbollah ist geschwächt – aber weiter aktiv

Bis November 2024 hatte Israel zunächst in einer militärischen Kampagne die Hisbollah-Führung größtenteils getötet und militärisch geschwächt. Eine diplomatische Vereinbarung hatte daraufhin die Hisbollah-Angriffe auf Israel weitgehend gestoppt und für Druck durch Libanons Armee und Regierung gesorgt. Israel griff dennoch weitgehend ohne internationale Konsequenzen immer wieder Hisbollah-Stellungen auf libanesischem Gebiet an.

Netanjahu habe laut Axios an diesem Status Quo möglichst lange festhalten wollen. Seit einem koordinierten Angriff Irans mit mehr als 200 Raketen der Hisbollah am vergangenen Mittwoch soll sich diese Haltung geändert haben. „Jetzt gibt es keinen anderen Weg als eine umfassende Operation“, zitiert das Portal aus Sicherheitskreisen.

Indes sollen laut Medienberichten Gespräche unter Vermittlung Frankreichs zwischen Israel und der libanesischen Regierung geplant sein, die jedoch vor großen Hürden stehen. Auf libanesischer Seite sollen bereits christliche, sunnitisch-muslimische und drusische Vertreter für eine Delegation ausgewählt worden sein. Der schiitische Parlamentssprecher Nabih Berri aber lehne bisher eine Teilnahme ab, berichtet die Nachrichtenagentur AFP.

Auf israelischer Seite dementierte Außenminister Gideon Saar Pläne für direkte Gespräche. Viele Beobachter bezweifeln zudem, dass die libanesische Armee in der Lage oder willens ist, entschieden gegen die Hisbollah vorzugehen und damit innere Spaltungen zu riskieren. Der Libanon blickt auf jahrzehntelange religiös motivierte Gewalt zurück.

Es gibt einige Unterschiede zum Krieg 2006

Doch auch Israel verbindet mit dem Land eine schmerzliche Geschichte. Fast 1.000 israelische Soldaten starben zwischen 1982 und 2000 im Libanon. Auch damals lautete das erklärte Ziel, Angriffe auf israelisches Territorium zu verhindern. „Stattdessen wurden die israelischen Soldaten das Ziel der Angriffe“, sagt der Historiker Elie Podeh von der Hebräischen Universität in Jerusalem. In Israel blieb das Gefühl, die eigenen Ziele nicht erreicht zu haben, während die Hisbollah das Ende der Besatzung als Sieg feierte.

Langfristig warnt Podeh vor einer militärischen Besatzung: „Die Hisbollah lässt sich ähnlich wie die Hamas in Gaza kaum militärisch besiegen und verfügt über Mittel, um Israel auch von nördlich des Litani anzugreifen.“ Auch gebe es bisher keinen Plan, wer eine Entwaffnung der Schiiten-Miliz umsetzen könnte.

Drei Unterschiede gebe es laut Podeh zu 2006: „Heute ist die Hisbollah erstens militärisch stark geschwächt.“ Zweitens stand sie mit Blick auf ihre Legitimität damals wegen ihres Widerstands gegen Israel auf dem Zenit, während heute selbst unter Schiiten ihre Unterstützung schwinde. „Drittens gibt es heute eine libanesische Regierung, die zumindest nach außen hin bereit zu Gesprächen mit Israel ist.“ Die israelische Führung müsse unter diesen Umständen nach politischen Lösungen suchen, denn „wir haben genug Beispiele gesehen, dass es einfacher ist, eine Militärbesatzung zu beginnen als zu beenden.“

Nicht zu verlieren genügt

Von solchem Pragmatismus ist unter israelischen Politikern bisher wenig zu hören. Der rechtsextreme Finanzminister Bezalel Smotrich sprach sich dafür aus, die Hisbollah-Hochburg Dahieh in Südbeirut wie Chan Junis im Gazastreifen vollständig zu zerstören. Auch Oppositionspolitiker wie Gadi Eisenkot werben für Angriffe auf Infrastruktur, um die Unterstützung der Bevölkerung für die Hisbollah zu schwächen.

Doch die Schiiten-Miliz hat einen großen Vorteil gegenüber Israel: Wie dem Regime in Teheran genügt es ihr, angesichts der militärischen Übermacht nicht unterzugehen. Solange sie ihre Angriffe aufrechterhalten und die schwindenden Vorräte an israelischen Abwehrraketen schmälern kann, führen die Kämpfe letztlich in einen Abnutzungskrieg. Und ein solcher ist nur durch militärische Übermacht kaum zu gewinnen.

  • informationsspiegel

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