Krieg im Libanon: Welche Waffenruhe?

M ahmoud Hudrujs raue Hände sind bedeckt von Staub und Ruß. Der 50-Jährige läuft in Tyros im Südlibanon – arabisch: Sour – auf Betonbrocken, Rohren und Kabeln; einem Haufen voller Trümmer, die mal ein Haus waren. Ein Kühlschrank liegt nach vorne gekippt auf dem Schutt, die einstige Treppe hängt quer an der Wand. Es sieht aus, als könnte sie jeden Moment herunterfallen.

„Ich arbeite im Baugewerbe“, erklärt der Bauleiter, während er noch auf den Trümmern steht. „Ich bin hier, um zu sehen, wie die Menschen ihre Häuser wieder aufbauen können.“ Hudruj hat Holzlatten zu einer Leiter zusammengenagelt, damit er den oberen Stock erreichen kann – zu dem Teil des Hauses, der noch steht. Durch die eingerissene Wand sind Kronleuchter und eine Holzkommode zu sehen. „Hier gab es etwa sieben oder acht Läden, mit denen die Leute ihren Lebensunterhalt bestritten – eine Metzgerei und einen Lebensmittelladen im Erdgeschoss. Im Obergeschoss befanden sich eine Zahnarztpraxis und etwa sieben Wohnungen.“

Das Gebäude dahinter wurde komplett zerstört, erklärt der Bauleiter. Der Wiederaufbau koste die Familie für eine günstige Wohnung rund 300.000 US-Dollar, schätzt Hudruj. Nach Angaben der Vereinten Nationen und libanesischer Behörden wurden seit Beginn der israelischen Angriffe am 2. März mehr als 2.500 Menschen getötet und über 10.000 verletzt.

In der Nacht zum 2. März hatte sich der Iran-Krieg auf den Libanon ausgeweitet: Die mit dem Iran verbündete Hisbollah hatte in Solidarität mit dem Iran Raketen auf Israel abgefeuert, nachdem der geistliche Führer des Irans, Ajatollah Ali Chamenei, bei einem israelischen Luftangriff getötet wurde. Israel antwortet daraufhin mit Luftschlägen auf den Libanon; eine seit 2024 offiziell geltende Waffenruhe endete.

Mehr als eine Million Menschen mussten seit der Eskalation Anfang März ihre Häuser verlassen. Das Haus, in dem Mahmoud Hudruj nach nutzbaren Möbeln sucht, wurde mit Vorwarnung angegriffen. Die Familie hat überlebt. Die kleine Tochter hält schüchtern die Hand ihrer Mutter und in der anderen Hand eine Stoffpuppe. Die beiden möchten nicht über ihre Situation sprechen. „Sie haben noch ein paar Kleidungsstücke, ein paar Möbelstücke, die gereinigt und vielleicht noch genutzt werden können“, sagt Bauleiter Hudruj. „Was immer noch benutzt werden kann, holen wir aus dem Haus, damit sie ihr Leben weiterführen können.“

„Was soll ich machen? Das Leben geht weiter“. Mahmoud Hudruj in den Trümmern von Sour, Südlibanon. Er hilft beim Wiederaufbau

Foto: Julia Neumann

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Krieg im Südlibanon

Was ist passiert?

Seit Anfang März 2026 eskaliert der Konflikt zwischen Israel und der Hisbollah. Israel reagierte auf Raketen- und Drohnenangriffe der Hisbollah mit massiven Luftangriffen und Bodenoperationen im Südlibanon. Die Eskalation steht auch im Zusammenhang mit dem Krieg der USA und Israel mit dem Iran. Der Iran ist der wichtigste Geldgeber für die Hisbollah. US-Präsident Donald Trump wiederum hatte eine Friedensvereinbarung im Iran-Krieg mit einem Ende der Unterstützung der Hisbollah verknüpft. Das US-Außenministerium hatte vergangene Woche eine neue dritte Verhandlungsrunde für den Libanon angekündigt, sie soll am 14. und 15. Mai mit Vertretern aus Israel und Libanon in Washington stattfinden.

Was sieht die Waffenruhe vor?

Mitte April vereinbarten Israel und die Hisbollah unter Vermittlung der USA eine Waffenruhe. Bewaffnete Kämpfer der Hisbollah sollten sich aus Teilen des Südlibanon zurückziehen, der libanesische Staat dort mehr Kontrolle übernehmen.

Warum bleibt die Lage angespannt?

Trotz Waffenruhe dauern Angriffe im Südlibanon an. Israel und die Hisbollah werfen sich gegenseitig Verstöße gegen die Waffenruhe vor. Am Donnerstag hatte die israelische Armee erstmals seit Beginn der Waffenruhe wieder einen Vorort von Beirut bombbardiert, Ziel soll ein hochrangiger Hisbollah-Kommandeur gewesen sein. Am Samstag wurden bei einem israelischen Angriff laut libanesischem Gesundheitsministerium zudem mindestens acht Menschen getötet, darunter ein Kind. Zuvor soll die Hisbollah israelische Stellungen angegriffen haben, drei Reservisten sollen teils schwer verletzt worden sein. Das israelische Militär teilte mit, am Wochenende innerhalb von 24 Stunden mehr als 85 Infrastruktureinrichtungen der Hisbollah getroffen zu haben, die die Miliz nutze, „um terroristische Aktivitäten gegen israelische Zivilisten und Soldaten voranzutreiben“. (dt/akl)

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Die alte Prachtstraße von Sour

Eine Ecke weiter liegen die antiken Ruinen von Sour: Ein Triumphbogen und Säulen einer Prachtstraße direkt am Mittelmeer. Israel begründet die Angriffe im Südlibanon mit Raketenbeschuss und Stellungen der Hisbollah entlang der Grenze. Am 17. April wurde ein Waffenstillstand zwischen der Hisbollah und Israel verkündet. Kurz zuvor griff Israel noch einmal heftig an – auch in Sour. Gegenüber der Strandpromenade wurden zehn Wohnhäuser getroffen, sie liegen bis heute in Trümmern. Ende April räumen Bagger noch immer Schutt zur Seite, um Leichen zu bergen.

Nur wenige Minuten vor Inkrafttreten des Waffenstillstands wurden dort nach Angaben libanesischer Behörden 30 Menschen getötet, mindestens 35 weitere verletzt. Viele Menschen im Libanon warten nach fast zwei Monaten unter Beschuss durch Drohnen und Bomben weiter auf eine Pause. Doch im Südlibanon kreisen noch immer israelische Drohnen über den Grenzdörfern. Israels Militär hält weiterhin 55 Orte entlang der Grenze besetzt, Hunderttausende Menschen bleiben vertrieben.

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Die Regierung hat mit Israel gegen uns paktiert. Ich habe kein Vertrauen in sie

Mahmoud Hudruj, Bauleiter aus Sour

Kritisch gegenüber der Hisbollah

Mahmoud Hudruj hat selbst sein Zuhause durch israelische Angriffe verloren – mehrere Male. Seine Familie stammt aus dem Ort Hunin. Einst ein schiitisches Dorf im Libanon, das unter den Briten zum Mandatsgebiet Palästina gehörte. 1948 besetzten israelische Siedler den Ort. Seine Eltern flohen in den Libanon. Er selbst besitzt ein Haus im südlibanesischen Grenzdorf Schamaa nahe der israelischen Grenze. Das Haus wurde 2024 von israelischen Bomben getroffen. Er baute es wieder auf – kurz vor der Waffenruhe dieses Jahr wurde es erneut zerstört. Nun wohnt er in einer Wohnung in der Stadt Sour.

„Was soll ich machen?“, fragt Hudruj. „Ich werde zurückgehen und es wieder aufbauen. Das Leben geht weiter“, sagt er bestimmt. „Die Libanesen sind stark und widerstandsfähig.“ Besonders verärgert ist er über die libanesische Regierung. „Sie hat mit Israel gegen uns paktiert. Ich habe kein Vertrauen in sie.“

Keine libanesische Regierung der vergangenen Jahre trat öffentlich so kritisch gegenüber der Hisbollah auf wie die jetzige. Nachdem Anfang März die Kämpfe zwischen Israel und der Hisbollah erneut eskaliert waren, trat das Kabinett zusammen. Auch die Hisbollah und ihre schiitische Verbündete, die Amal-Partei, stellen dort Minister. Nach dem Treffen erklärte Ministerpräsident Nawaf Salam, bewaffnete Angriffe aus dem Libanon dürften nicht außerhalb staatlicher Kontrolle stattfinden. Sicherheitskräfte sollten gegen Verantwortliche vorgehen. Für viele Beobachter waren es ungewöhnlich deutliche Worte gegenüber der Hisbollah.

Zwei Tage später gab die libanesische Armee bekannt, 26 Libanesen und einen Palästinenser wegen illegalen Waffenbesitzes festgenommen zu haben. Nach Angaben von Sicherheitskreisen handelte es sich dabei nicht um Raketenstellungen, sondern um bewaffnete Hisbollah-Anhänger mit Sturmgewehren. Den Raketenbeschuss auf Israel konnte die Armee jedoch nicht verhindern.

Der libanesische Staat gilt seit Jahren als finanziell handlungsunfähig, auch die Armee ist chronisch unterfinanziert. Viele Soldaten arbeiten zusätzlich als Taxifahrer, Elektriker oder Kellner, um ihre Familien zu versorgen. Dem hochgerüsteten israelischen Militär ist die libanesische Armee deutlich unterlegen.

Hudruj würde seinen Sohn zur Hisbollah schicken

Mit Hund und Hisbollah-Fahne zurück ins zerstörte Zuhause: Binnengeflüchtete in der Stadt Sidon

Foto: Aziz Taher/reuters

Viele Menschen im Südlibanon fühlen sich deshalb schutzlos. Besonders unter Schii­t:in­nen wächst der Eindruck, weder vom libanesischen Staat noch von den UN-Truppen der Unifil-Mission vor israelischen Angriffen geschützt zu werden. Auch Mahmoud Hudruj ist verärgert. „Würdest du akzeptieren, dass dir jemand dein Haus wegnimmt?“, fragt er. Nein, sagt Hudruj, das könne er nicht. Wenn er einen Sohn hätte, würde er ihn zur Hisbollah schicken, damit er kämpft – für das Land, für ihre Würde. Frieden mit jemandem zu schließen, der ihm sein Zuhause nehme, könne er sich nicht vorstellen.

Die libanesische Regierung unter Präsident Joseph Aoun, dem früheren Armeechef, hat angekündigt, die Kontrolle des Staates über bewaffnete Gruppen stärken zu wollen. Teil des Waffenstillstands mit Israel ist auch die Forderung, dass sich bewaffnete Kämpfer der Hisbollah aus dem Südlibanon zurückziehen. Die Regierung erklärte im Januar die erste Phase dieses Plans südlich des Litani-Flusses für abgeschlossen, doch in anderen Regionen kommt die Umsetzung kaum voran.

Viele Anhänger der Hisbollah sehen den Versuch einer vollständigen Entwaffnung ihrer Kampftruppen als Angriff auf die wichtigste Schutzmacht des Libanons gegen Israel. Gleichzeitig erhöht die US-Regierung unter Präsident Donald Trump den Druck auf Beirut. Trump fordert direkte Gespräche zwischen Aoun und Israels Premierminister Benjamin Netanyahu. Andernfalls, so berichten mehrere Medien unter Berufung auf Diplomaten, werde Washington Israels militärisches Vorgehen weiter unterstützen.

Militärpräzens trotz Waffenruhe

Der Druck auf die Hisbollah verschärft auch die Spannungen im Libanon selbst. In der Innenstadt von Beirut hupen junge Männer auf Motorrädern, aus Lautsprechern dröhnt Musik. Protestierende recken die Fäuste in die Luft und schwenken gelbe Hisbollah-Fahnen. Anhänger der Hisbollah und der verbündeten schiitischen Amal-Partei protestieren gegen die Entscheidung der Regierung, direkte Gespräche mit Israel zu führen.

Mitte April trafen sich die Botschafter Israels und des Libanon in Washington zu direkten Gesprächen – ein ungewöhnlicher Schritt zwischen zwei Staaten, die sich offiziell im Kriegszustand befinden. Die libanesische Regierung hofft auf einen langfristigen Waffenstillstand. Israel knüpft diesen an die vollständige Entwaffnung der Hisbollah und kündigte an, seine Militärpräsenz in Teilen des Südlibanon trotz Waffenruhe fortzusetzen.

Eines der betroffenen Dörfer ist Hula, nur wenige hundert Meter von der israelischen Grenze entfernt. Es ist das Heimatdorf des Architekten und Ingenieurs Tarek Mazraani. „Mein Haus ist natürlich weg, das ganze Dorf wurde zerstört“, sagt Mazraani. Bereits während einer früheren Waffenruhe zwischen Israel und der Hisbollah im Jahr 2024 war die israelische Armee nach Hula vorgerückt und hatte dort einen Militärposten errichtet.

Bewohner berichteten damals zudem von Schüssen auf Zivilist:innen. Mazraani sagt, er habe rund 300 Häuser in der Region entworfen. „Sie haben alles zerstört. Unsere Erinnerungen an die Kindheit, die gepflanzten Bäume, die Nachbarschaft, in der unsere Kinder spielten, wo wir lebten – nichts ist übrig. Die Straße ist ein Graben.“ Nicht nur die Kindheitserinnerungen, auch sein persönliches Archiv und das Dorfarchiv seien verloren.

Der 61-Jährige hat vor dem Krieg ein Heimatmuseum betrieben, sammelte alte Werkzeuge, alte Bücher und Fotos – „alles, was die Geschichte der Region dokumentiert“. Mazraani flüchtete mit seiner Familie in die Region Nabatieh. Er gründete eine Initiative von Be­woh­ne­r:in­nen der südlichen Grenzstädte. Mit dem Ziel, ihre Bedürfnisse gegenüber den libanesischen Behörden zu vertreten und materielle Unterstützung zu fordern.

Dafür wurde er vom israelischen Militär angefeindet. Im Oktober 2025 kreiste eine Drohne über dem Ort, in den Mazraani mit seiner Familie geflüchtet war. Nachbarn bekamen Angst, verließen ihre Wohnungen – aus Furcht vor Angriffen, erzählt er später bei einem Treffen in einem Café in Beirut. Damals lebte er getrennt von seiner Familie, versteckt bei einem Freund.

Zuhause in Zelten: Kartenspielen in einer Notunterkunft in Saida

Foto: Julia Neumann

Der Krieg hat nicht nur Häuser zerstört

Heute lebt die Familie wieder zusammen in einer Mietwohnung in Beirut. In ihre Heimat können sie nicht zurück. Viele Dörfer im Süden sind zerstört, selbst dort, wo sich die israelische Armee zurückgezogen hat, fehlt es an Strom, Wasser und Straßen.

Nun droht die nächste Vertreibung: Der Vermieter braucht die Wohnung selbst, weil er sein eigenes Haus verloren hat. „Wir fangen wieder von vorne an“, sagt Mazraani. Seine Geschichte steht für die von vielen Menschen im Libanon. Der Krieg hat nicht nur Häuser zerstört, sondern auch das Zusammenleben verändert – Misstrauen wächst, Spannungen zwischen den Gemeinschaften nehmen zu.

Deutlich wird das in Saida. Mitte April reihen sich dort Campingzelte an der Strandpromenade aneinander. Die Stadt ist für viele Menschen aus dem Süden zum Zufluchtsort geworden – auch für Jamal Khalil, der aus Sour hierher geflohen ist. „Sie verlangen Wucherpreise“, sagt Khalil. Für kleine Wohnungen würden umgerechnet oft 1.500 oder 2.000 Euro im Monat verlangt. Viele Geflüchtete könnten sich das nicht leisten.

Unterschlupf hat er im palästinensischen Camp Ain Hilweh gefunden. Bündel von Elektrokabeln hängen zwischen engen, dicht bebauten Gassen, an einer Wand prangt ein Graffiti von Yasser Arafat, dem ehemaligen Präsidenten der Palästinensischen Autonomiebehörde.

Mit seiner Frau und drei Kindern lebt Khalil hier in einem Zimmer mit Bad. Rund 100 Euro Miete zahlt er dafür im Monat. „Ich wollte einen Gemüsestand eröffnen“, sagt er. Doch dafür braucht es eine Genehmigung. Und die Verkäufer, die bereits vor Ort sind, verteidigten ihre Plätze und sorgten dafür, dass keine weiteren Genehmigungen erteilt würden. Hilweh hat die Idee des Gemüsestands aufgegeben: „Ich bin kein Sohn dieser Gemeinde – und ich will keine Probleme.“

Fehlende Perspektiven bescherten den islamistischen Milizen Zulauf, sagt Nibal Abdelsalam. Sie hilft in einem Geflüchtetenlage

Foto: Julia Neumann

Krieg trifft auf Armut

Die Krise durch den Krieg trifft auf existierende Armut. In einem kleinen Gebäude geben Hel­fe­r:in­nen Decken und Kissen aus. Die Organisation Nashet hilft den Binnengeflüchteten in der Krise. Rund 30.000 sind nach Saida in die Notunterkünfte vertrieben worden, nochmal so viele lebten zwischenzeitlich auf der Straße, schätzt Nashet. Eine der freiwilligen Hel­fe­r:in­nen ist die 19-Jährige Nibal Abdelsalam. Sie studiert Psychologie und Soziale Arbeit – wegen des Kriegs derzeit online.

Die Palästinenserin lebt selbst im Camp. Sie erzählt von politischen Spannungen zwischen verschiedenen palästinensischen Fraktionen. Selbst während des Kriegs komme es immer wieder zu Gewalt und bewaffneten Auseinandersetzungen im Camp. Den Grund dafür sieht sie auch in der wirtschaftlichen Lage.

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Sie riskieren ihr Leben, um ihre Familien zu unterstützen

NIbal Abdelsalam, Studentin, über junge männer, die von den milizen rekrutiert werden

„Für Palästinenser ist es sehr schwer, Arbeit zu finden“, sagt die junge Frau. Nach ihrem Studium rechnet auch sie damit, möglicherweise erstmal keinen Job zu finden. Die meisten Pa­läs­ti­nen­se­r:in­nen im Libanon besitzen keine libanesische Staatsbürgerschaft und unterliegen zahlreichen Einschränkungen auf dem Arbeitsmarkt. Auch deshalb stellten sich junge Männer mitunter in den Sold bewaffneter Gruppen, erklärt Abdelsalam – oft für umgerechnet 100 bis 150 Euro im Monat. „Sie riskieren ihr Leben, um ihre Familien zu unterstützen.“

Genau diese Perspektivlosigkeit versucht Zafer Alkhateeb mit seiner Organisation Nashet aufzubrechen. In Saida organisiert er Dialoge und Kulturevents, um Spannungen zwischen Palästinenser:innen, Sy­re­r:in­nen und Li­ba­ne­s:in­nen abzubauen. Doch der Krieg verschärft auch dort die Lage, sagt Alkhateeb – und erzählt von seinem Kollegen Suleiman. Der palästinensische Ingenieur arbeitet für Nashet an Dachgärten im Camp. Zeitweise habe er im Büro schlafen müssen, weil er keine Unterkunft fand.

So wie ihm geht es vielen. Manche schlafen in Zelten auf der Straße. Viele der Vertriebenen stammen aus schiitisch geprägten Regionen im Süden des Libanon. Weil auch die Hisbollah schiitisch ist, fürchten manche Vermieter und Nachbarn, selbst ins Visier israelischer Angriffe zu geraten, wenn sie Geflüchtete aufnehmen. „Sie haben Angst“, sagt Alkhateeb. „Und diese Angst spaltet die Gesellschaft.“

Der Staat oder die Hisbollah?

Für viele wird mit dieser Angst vor israelischen Drohnenschlägen eine andere Frage entscheidend: Wer schützt sie – der Staat oder die Hisbollah? „Das hat den Zorn verschoben“, sagt die Politikwissenschaftlerin Aurélie Daher. „Weg von der Hisbollah – hin zur Regierung.“ Viele Menschen im Süden hatten die Hisbollah zuvor für ihren Kriegseintritt kritisiert. Nach dem Waffenstillstand zog sich die Organisation zunächst zurück und überließ der Regierung die Kontrolle. Doch die Hoffnung hielt nicht lange: Trotz Waffenruhe kam es weiter zu Angriffen. Viele Be­woh­ne­r:in­nen der betroffenen Regionen fühlten sich weiterhin ungeschützt. Bei den jüngsten Kommunalwahlen vor einem Jahr gewann die Hisbollah in ihren Hochburgen wieder an Unterstützung.

Aurélie Daher ist überzeugt, dass die libanesischen Eliten eingreifen und die Lage beruhigen werden. Das habe sich auch im April bei den Protesten der Hisbollah-Anhänger in Beirut gegen die Verhandlungen mit Israel gezeigt. Danach erklärten sowohl die Hisbollah als auch die schiitische Amal-Partei, die Proteste gegen die Regierung nicht zu unterstützen und jegliche Gewalt zwischen Li­ba­ne­s:in­nen abzulehnen. „Zum Tango gehören zwei“, sagt Daher. Abgesehen von einzelnen Stimmen, wie der nationalistischen, prochristlichen Forces Libanaises (FL) um den Parteivorsitzenden Samir Geagea wünsche sich derzeit kaum jemand im Land einen Bürgerkrieg.

Auch Mahmoud Hujdruj wünscht sich das nicht. „Die Lösung ist, dass Palästina den Palästinensern gehört und der Libanon den Libanesen, nicht den Besatzern.“ Es brauche eine libanesische Regierung, die stark genug sei, die israelische Besatzung im Südlibanon zu stoppen. „Diesem Staat trauen wir nicht. Diese Regierung sind schwache Machthaber“, schimpft er. Die Hoffnung auf Diplomatie mit Israels ultrarechter Regierung hat Hudruj – wie viele andere in der Region– längst verloren.

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