Krieg und Frieden in der Ukraine: Was vom Pazifismus übrig bleibt

D er Wind hat sich endgültig gedreht. Während der Kanzlerkandidat der ehemals pazifistischen Grünen satte 3,5 Prozent unserer Wirtschaftsleistung für das Militär aufwenden will, hat die reine Lehre eines absoluten Pazifismus bei der kommenden Wahl keinerlei Aussicht auf Erfolg.

Das liegt auch an den Ängsten, die seit Trumps Wiederkehr umgehen. Wie Kaninchen starren die Europäer auf die Schlange aus Moskau und den Hasardeur aus Washington: Was wird aus uns, so die Sorge, wenn der Hasardeur den atomaren Schutzschirm zuklappt und uns mit der Schlange im Regen stehen lässt?

Olaf L. Müller

ist seit 2003 Professor für Wissenschaftstheorie an der Humboldt-Universität zu Berlin. 2022 erschien sein Buch „Pazifismus. Eine Verteidigung“ bei Reclam. Im Februar folgt dort sein Essay „Atomkrieg. Eine Warnung“.

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Wie uns die Militärs vorrechnen, wäre die derzeit geschwächte Armee Putins in fünf bis sechs Jahren wieder so weit gerüstet, dass ein russischer Überfall aufs Baltikum oder auf Polen gute Aussichten auf Erfolg hätte – wenn wir uns nicht rechtzeitig wappnen.

Für einen relativen Pazifismus

Man kann sich seine Ängste und die Ängste seiner Mitbürger nicht aussuchen. Im relativen Pazifismus krempelt man die Ärmel hoch und stellt sich den Ängsten – auch denen auf der Gegenseite, auch denen im Kreml, die paranoid sein mögen und genau deshalb gefährlich sind.

Statt jedwede kriegerische Handlung zu verdammen, denken relative Pazifisten in Grautönen und sagen: Je kriegerischer, desto zweifelhafter. Ein Kriegseintritt der Nato zugunsten der Ukraine wäre gefährlicher und kriegerischer als die Waffenlieferungen; die Waffenlieferungen wären kriegerischer und zweifelhafter als eine Verstärkung der Nato-Ostgrenze; und eine aggressive Verstärkung dieser Grenze wäre ethisch zweifelhafter als eine deutlich defensive.

Wer die reine Lehre preisgibt, muss nicht gleich auf Habecks harte Linie einschwenken. Stattdessen gilt es, unsere Militärs mit hartnäckigen Fragen zu behelligen: Welche Waffen genau brauchen die Soldaten, um einen russischen Überfall auf Nato-Länder aussichtslos zu machen, ohne dass diese Waffen als Vorbereitung eines westlichen Angriffskriegs missdeutet werden könnten?

Wir brauchen nicht so viel Power wie Putin

In den Lehrbüchern steht, dass Angreifer für die Eroberung eines Territoriums mehr als dreimal so stark sein müssen wie die Verteidiger. Wir brauchen also gar nicht genauso viel Power wie Putin. Und wir brauchen auch nicht tief in seine Gefilde hineinballern zu können, wenn wir seine Jungs just bei der Verletzung unserer Grenzen ausschalten wollen. Für eine Grenzverteidigung sind etwa die geplanten Mittelstreckenraketen witzlos.

Ernst zu nehmen ist die Sorge, dass Putin in fünf, sechs Jahren plötzlich große Truppen an einer ihm genehmen Stelle der Nato-Grenze massiert, um dort durchzubrechen. Frage an die Militärs: Welche logistischen und welche Aufklärungs­fähigkeiten brauchen wir, um mit unserem Drittel rechtzeitig am Ort sein zu können?

Angreifer müssen dreimal so stark sein wie die Verteidiger. Wir brauchen also gar nicht genauso viel Power wie Putin

Relative Pazifisten sind nicht stur gegen Waffen und Transportgerät zur Verteidigung; nur möchten sie dies Arsenal so defensiv wie möglich ausgelegt wissen. Warum? Weil sie sich sorgen, dass eine übertrieben aggressive Rüstung die Paranoia bei Putin und Konsorten noch anheizt. Sie fürchten sich davor, dass uns das chaotische System aus Hasardeur und Schlange im Augenblick höchster Spannung durch einen dummen Zufall um die Ohren fliegen könnte. Und zwar atomar. Wie gesagt, man kann sich seine Ängste nicht aussuchen.

Eine militärisch defensive Stärkung der Nato-Grenzen mag mittelfristig das Mittel der Wahl sein. Doch ist sie dem relativen Pazifismus auf lange Sicht zu kriegerisch. Nachhaltige Sicherheit sieht anders aus und beginnt mit Vertrauen. Was soll das heißen? Da kann einem viel einfallen.

Wenn wir ein hochmodernes Raketenabwehrsystem installieren, dann sollten wir Moskau an der Technologie teilhaben lassen. Wenn wir die Wehrpflicht wiedereinführen, dann sollten die jungen Frauen und Männer wählen dürfen, ob sie in der Armee dienen wollen oder in neu aufzustellenden Einheiten, die den friedlichen Widerstand einüben.

Das größte Friedensprogramm der Welt hat die EU erfunden. Es heißt Erasmus und schickt Unmengen von Studenten von Land A ins Land B. Während die jungen Leute nebenbei studieren, leben und kochen sie zusammen, sie feiern, sie verlieben sich – und werden Freunde fürs Leben. Dieses Programm sollten wir auch mit Russland auflegen. Kostet weniger als Panzer und Raketen.

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