Lernangebot zu selbstbestimmten Geburten: „Es ist nicht egal, wie wir geboren werden“

taz: Frau Ensel, warum sind Geburten politisch?

Angelica Ensel: Es ist nicht egal, wie wir geboren werden. Die Art und Weise, wie wir Frauen während der Geburt behandeln, zeigt, welche Position sie in einer Gesellschaft haben.

taz: Wie sieht eine selbstbestimmte Geburt aus?

Ensel: Selbstbestimmt bedeutet: Die Frau steht im Mittelpunkt, sie wird gehört und ernst genommen. Sie wird nach ihrem Einverständnis gefragt, bevor sie untersucht wird, wenn es um Entscheidungen geht, werden ihr Alternativen aufgezeigt. Damit nichts passiert, womit sie nicht einverstanden ist und sie am Ende sagen kann: Es war eine gute Geburt, auch wenn sie vielleicht ganz anders verlaufen ist, als sie es sich vorgestellt hat.



Bild: privat

Im Interview: Angelica Ensel

70, promovierte Kulturwissenschaftlerin und Hebamme, arbeitete lange in der Paracelsus-Klinik und klärt jetzt in ihrem Lernangebot „Menschenwürdig gebären – erfahren und begleiten. Geburtskulturen im Wandel“ auf der Hamburg Open Online University auf.

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taz: Kann man bei der praktizierten Geburtshilfe in Deutschland von selbstbestimmten Geburten sprechen?Ensel: Keinesfalls. Es gibt gute Geburtsorte in Deutschland, doch das hängt neben der Philosophie einer Geburtsklinik stark von den strukturellen Bedingungen ab. Wir haben eine dramatische personelle Enge, die begleitenden Berufsgruppen können oft überhaupt nicht so arbeiten, wie sie gerne würden. Viele Frauen erleben Entwürdigungen und Grenzverletzungen bis hin zu Gewalt. Darüber wird nicht nur zu wenig geredet, es wird auch zu wenig gehandelt.

taz: Es sind vor allem schwarze und queere Eltern, die unter Geburt Gewalterfahrungen machen.

Ensel: Aber auch Mi­gran­t*in­nen oder zum Beispiel Frauen mit Behinderungen. Es sind intersektionale Themen, die Übergriffigkeiten begünstigen.

taz: Was muss sich verändern?

Ensel: Es muss endlich politisch anerkannt werden, dass Frauen das Recht haben, ihr Kind selbstbestimmt und menschenwürdig zu gebären. Eine Investition in die Geburtshilfe ist eine Investition in die Familiengesundheit. Eine traumatische Geburtserfahrung kann eine Frau ihr Leben lang gesundheitlich beeinträchtigen, eine selbstbestimmte Geburt kann sie ihr Leben lang stärken. Das kann uns doch nicht egal sein.

taz: Mit der Hamburg Open Online University ist eine kostenlose Lernplattform entstanden, die „Hochschulwissen für alle“ ermöglichen soll. Sie bieten dort den Kurs „Menschenwürdig gebären – erfahren und begleiten“ an. Warum braucht es solche niedrigschwelligen Bildungsangebote?

Ensel: Weil es wichtig ist, dass qualitativ hochwertiges Wissen zu den Menschen kommt. In einer Welt voller Fake News und Manipulation steht eine Hochschule für solides, wissenschaftsfundiertes Wissen. Dieses Wissen soll nicht nur Ex­per­t*in­nen vorbehalten sein, sondern allen Menschen kostenlos und niedrigschwellig zugänglich gemacht werden. Schließlich wird die Hochschule ja auch von der Gesellschaft finanziert.

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Eine traumatische Geburtserfahrung kann eine Frau ihr Leben lang gesundheitlich stark beeinträchtigen, eine selbstbestimmte Geburt kann sie ihr Leben lang stärken. Das kann uns doch nicht egal sein.

taz: Was erhoffen Sie sich von dem Angebot?

Ensel: Die Lernplattform entstand aus der Dokumentation der mittlerweile geschlossenen Geburtsstation der Paracelsus-Klinik in Henstedt-Ulzburg. Dort durften Frauen schon in den 70ern selbstbestimmt entscheiden, wie sie gebären. Die Hebammen und Reinhard Müller als Chefarzt haben sich auf die Wünsche der Frauen eingelassen. Wir haben viele Interviews mit Zeit­zeu­g*­in­nen und Ex­per­t*in­nen der Geburtshilfe gemacht, um zu zeigen: selbstbestimmte Geburten sind möglich.

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Das Lernangebot

„Menschenwürdig gebären – erfahren und begleiten“. Ein niedrigschwelliger und kostenfreier Kurs der Hamburg Open Online University. Dauerhaft abrufbar unter https://portal.hoou.de/.

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taz: Waren Schwangere früher selbstbewusster?

Ensel: Die Frauen, in den 70ern und 80ern waren geprägt von der Frauenbewegung. Sie hatten genaue Vorstellungen, wie sie gebären wollen, weil sie davon überzeugt waren, dass Gebären etwas Natürliches ist, was ihr Körper kann. Zum Kampf gegen den §218 und dem Bewusstsein „Mein Körper gehört mir“ kam später auch: „Meine Geburt gehört mir“. Heute sind Frauen häufig sehr unsicher, von diesem intuitiven Zugang zum Körper ist viel weniger da. Stattdessen beobachten wir eine große Abhängigkeit von Technologie und Expert*innen. Es ist so viel Angst da. Dabei ist die Frau die Expertin ihres Körpers und es sollte immer das Ziel der Begleitung sein, sie darin zu bestärken.

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