Lyrikerin Ines Berwing: Heimisch in der Überfrachtung

Häuser beginnen zu fliegen, Väter werden zu fetten Fischen, und das Wort trägt ­einen Pelz. Wie selbstverständlich flicht Ines Berwing in ihrem zweiten Gedichtband „zertanzte schuhe“ Märchen­haftes in den Alltag. Schon sitzen nach Zucker bettelnde Affen auf dem Bett, und ein un­sichtbarer Bär tanzt vor dem Haus.

Dabei dienen die Fantasieelemente nie zur Flucht aus der Realität, die wir zu kennen meinen, die sich in Form von tiefen Seen aus Geld, von Autobahnen und Überforderung eher unangenehm zu Wort meldet: „blauwale und eine qualle als krallende termin / frist, die dein einziger freund ist, ein tintenfisch. / wie bannt man das rot zurück in seine fratze? / vor welchen himmel spannt man sein zelt?“

Vielmehr leuchtet mit Berwing ein: Das Fantastische war schon immer Teil unserer Wirklichkeit.

Zyklen gegen die Angst

Dass die 1984 geborene Au­torin, deren erster Gedichtband „muster des stillen verkabelns“ 2019 vom Berliner Haus für Poesie zu den besten Lyrikdebüts des Jahres ­gewählt wurde, nicht nur ­Lyrik, sondern auch Drehbücher schreibt, bezeugt die starke Visualität der sieben Gedichtzyklen. Jedoch lassen sich die Bilder nie im Einzelnen erfassen, sondern sie legen sich übereinander, fließen ineinander und auch nach Beendigung eines Gedichts weiter.

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Auch das lyrische Ich ist kein festes. Es wächst aus unzähligen Körperteilen, menschlichen und nichtmenschlichen Stimmen zusammen, die gleichberechtigt sind. Oft scheint es suchend, und oft spricht ein Kind.

Berwing schreibt mit dem Unbewussten voran. Erinnerungen platziert sie in zunächst unwahrscheinlich scheinenden Wirklichkeiten. Auch Autobiografisches fließt mit ein, etwa ein jahrelang unerfüllter Kinderwunsch: „biss ich dem schwundwunsch den / kinderwunsch aus der pockennarbigen haut, ein bissiges / biest mit TV-blauem blut“. In den entstehenden Realitäten gibt sie Emotionen und Ahnungen, die in der Alltagssprache keine Heimat finden, einen Platz, immer wieder auch dem Schmerz.

Derweil verlieren die Gedichte nie den Boden unter den Buchstaben. Während Berwing Bilder fließen lässt, hat sie ihre Worte vollständig unter Kontrolle. Jedes einzelne Wort, teilweise jeder Buchstabe scheint genauestens abgewogen und wohlplatziert. Wortneuschöpfungen sorgen nicht für Stolpern, vielmehr für staunendes Nicken. Oder in Berwings Worten: „sprachfehler sind meine sparsamen mittel“.

Unheimliche Bilder

Auch die Form sorgt für Rückhalt und Rückgrat. Die fast durchgängig dreizeiligen Strophen geben dem traumgleichen Bildquell einen Rahmen, stellen Balance her. Die Märchenmotivik sowie psychische Abgründe finden im zentral platzierten Gedichtzyklus „dämmerstücke“, einer Antwort auf Yevgeniy Breygers „Königreich“- Zyklus, ihren Höhepunkt. Frauen mit dünnen Knochen, bellende Kinder an Leinen, krötengleiche Götter und zertanzte Schuhe, alle seltsam stumm, bilden ein unheimliches Bild nach dem nächsten.

Ein seltsamer Effekt beim Lesen: Man beginnt sich in der Überfrachtung und in der Unheimlichkeit heimisch zu fühlen.

Die sieben Gedichtzyklen sind mal mehr, mal weniger „Zyklen gegen die Angst“, allenfalls schreiten sie mit ihr voran und fallen auch mit in Abgründe. Weder verschweigen sie die Angst, noch schreiben sie sie notwendig in etwas Positives um. Berwing lässt Fragen unbeantwortet, Lösungen offen, den Schmerz so stehen. Das bewahrt zwar nicht vor dem Fall, aber davor, in Angst zu versinken.

Wenn Formen der Resilienz aufgezeigt werden, dann sind es leise. Manchmal scheint der stärkste Widerstand das Fallenlassen. „Das wolkenlose enge verästeln / von ängsten: / ihr nagen überhört deinen schlaf.“ Und eines wird dann doch deutlich: das Schreiben kann helfen, oder: „und rieb meine dunklen, uralten / ­augen wieder wach an den wörtern.“

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