Machtkampf in Iran: Von der Islamischen Republik zur Diktatur der Garden

Die Kuss- und Umarmungsszene sprach Bände. Asim Munir, Chef des Armeestabs von Pakistan, schien Mühe zu haben, sich aus der Umarmung seiner iranischen Gastgeber zu befreien, als er am vergangenen Mittwoch Teheran besuchte. Und auch bei US-Präsident Donald Trump genießt Munir hohes Ansehen: Seinen „Lieblingsfeldmarschall“ nannte ihn Trump, einen „großartigen Kämpfer“, einen „sehr wichtigen Mann“, „einen außergewöhnlichen Mensch“, und „den besten Irankenner“. Klar ist: Munir ist mehr als nur ein einfacher Vermittler zwischen Teheran und Washington, Pakistan mehr als ein Gastgeber für die Gespräche zwischen den beiden kriegsführenden Parteien.

Das System, dem Munir vorsteht, nennt sich eine „Islamische Republik“ – ebenso wie Iran. Doch die Islamische Republik Pakistan hatte vor fast 40 Jahren erreicht, wovon viele Gardisten in Iran träumen: Das Land hat die Bombe, die unangreifbar macht – die Atombombe.

Im Jahr 1998 erfolgte Pakistans erster öffentlich bestätigter Test von Atomwaffen. Damals war die westliche Welt mit der heraufziehenden postkommunistischen Ära beschäftigt. Die Breaking-News-Meldung über einen Bombentest Pakistans fand wenig Rezeption. Dabei war die Geschichte der nuklearen Aufrüstung aus vielerlei Gründen pikant. Auch weil Abdul Qadeer Khan – jener pakistanische Nuklearingenieur, der zuvor Baupläne für Urananreicherungszentrifugen aus den Niederlanden entwendet hatte – sein Wissen später den Teheraner Machthabern wohl für viel Geld zur Verfügung stellte.

Seit jenen Tagen versuchen die iranischen Revolutionsgarden ebenfalls „unangreifbar“ zu werden. Ihre Pläne stießen in der Welt auf Widerstand. Dennoch blieben sie in all diesen Jahren hartnäckig, zielstrebig und unnachgiebig. Bis zum Krieg mit Israel und den USA 2025. Damals wurden die iranischen Atomanlagen weitgehend zerstört, viele Spitzengeneräle fanden den Tod. Der Krieg ab Ende Februar 2026 traf die Führungsriege der Islamischen Republik sogar noch härter. Unter denen, die übriggeblieben sind, wird nun gekämpft: Darüber, wie es weitergehen soll. Darüber, wer im Namen der Republik sprechen darf.

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Ich habe große Angst, dass das Regime, wenn es eine Einigung mit den Vereinigten Staaten erzielt, den Druck auf die einfachen Menschen erhöhen wird

Anonyme Stimme aus Iran

Die Kämpfe in Teheran werden auch auf X ausgetragen

Wer gegen wen kämpft und mit welchen Mitteln, zeigt sich etwa in den Mitteilungen, die Mitglieder des iranischen Führungssystems auf der Plattform X absetzen.

Ein Beispiel: Die Straße von Hormus, die Meerenge, die zwischen dem Persischen Golf und dem Golf von Oman liegt, scheint für Teheran derzeit eine Bedeutung zu haben, wie einst das Atomprogramm. Mit ihr kann man auch die Welt, vor allem die USA, unter Druck setzen. Nach vielen Hin und Her setzte vor einigen Tagen der Außenminister Abbas Araghtschi einen Post ab, in dem er die Straße von Hormus für frei erklärte.

Said Dschalili, Galionsfigur der Radikalsten aller Radikalen im Iran

Foto: Iranian State Tv/imago

Wenige Stunden später erschien ein anderer sensationeller Post eines Accounts namens „Anhänger von Dr. Said Dschalili“. Dschalili ist die wichtigste Galionsfigur der Radikalsten aller Radikalen. Der 61-Jährige, der mit sechzehn Jahren an der iranisch-irakischen Front kämpfte und dabei ein Bein verlor, hat in der islamischen Republik eine große Karriere hingelegt. Der getötete oberste Führer Ali Chamenei ließ ihm viel Freiheiten. Er war Chameneis Büroleiter, Verhandler des Atomprogramms und bei der letzten Präsidentschaftswahl ein ernsthafter Konkurrent des derzeitigen Präsidenten Massud Peseschkian.

Der Account schrieb: Wenn der Befehl zur Öffnung der Meerenge von der „Führung“ stamme, dann solle der Führer selbst – also Mojtaba Chamenei, Sohn des getöteten Ali Chamenei – das in einem Video oder Audiofile bestätigen. Wenn dies nicht geschehe, dann habe man es mit „Putschisten“ zu tun. ٍEin schwerer Vorwurf gegen Araghtschi.

Wer entscheidet denn nun?

Und eine Sackgasse, für den Außenminister und für Parlamentssprecher Mohammad Bagher Ghalibaf, die derzeit die Verhandlungen mit den USA führen. Den Vorwurf, Putschisten zu sein, könnten sie nur mit einem Video oder Auftritt des neuen Führers widerlegen. Aber wie? Mojtaba Chamenei meldet sich seit seiner Ernennung nur schriftlich zu Wort, es kursieren Gerüchte über seinen Gesundheitszustand: Er soll schwerst verletzt sein, im Koma liegen, vielleicht sogar bereits tot.

Wie nuancenreich die Differenzen an der Spitze der islamischen Restrepublik sind, lässt sich auch an der Delegationsgröße ablesen: Ganze 71 Personen reisten für die jüngsten Verhandlungen mit den USA nach Pakistan.

Während der bizarren Auseinandersetzung zwischen Araghtschi und Dschalili herrschte seitens des mächtigen nationalen Sicherheitsrats in Iran schweigen. Sprecher dieses Rats, der allen Entscheidungen in Teheran letztendlich zustimmen muss, ist Mohammad Bagher Zolghadr. Nach dem Tod von Ali Laridschani wurde er zum Sekretär des Rats ernannt. Zolghadr gehört wie Dschalili zu den harten Fundamentalisten. Zolghadr lebt dieser Tage wie viele andere der wahren Machthaber in einem Versteck. Auch von ihm ist jüngst kein Video übermittelt worden.

Ghalibaf und Araghtschi, können sich deshalb in der Öffentlichkeit zeigen, weil Donald Trump mit ihnen verhandeln will. Das scheint ihnen vorerst eine Art Immunität zu verschaffen. Auch sie waren Revolutionsgardisten der ersten Stunde, gehörten in „normalen“ Zeiten zu den Hardlinern.

Die Diktatur der Revolutionsgarden

Und Ghalibaf und Araghtschi sehen wohl im pakistanischen Feldmarschall Asim Munir ein Vorbild. Die pakistanischen Militärs führten ihre „Islamische Republik“ relativ erfolgreich durch Krisen und Kriege. Munir verkörpert das.

Munir ignorierte Berichten zufolge während seines Aufenthalts in Iran vergangene Woche den Präsidenten Massud Peseschkian völlig. Er empfing ausschließlich Gardisten. Etwa General Ali Abdollahi, der Chef von Khatam al-Anbiya, das mächtige Konglomerat aus Industrie, Rüstung und Dienstleitung unter Kontrolle der Garden.

Die Islamische Republik Iran, wie sie bestand – mit einem Geistlichen an der Spitze, der eine Scharnierfunktion zwischen verschiedenen Flügeln hatte –, gehört wohl endgültig der Geschichte an. Aus ihr ist eine Diktatur der Revolutionsgarden geworden, die das Schicksal des Landes nach innen und außen bestimmen wollen.

Und diese Garden, diese Junta, befindet sich nun in ihrer ersten großen Krise. Nach Außen hat sie bislang Schwierigkeiten, Einigkeit zu demonstrieren. Anders im Inneren, wo sie die Straßen fest unter ihrer Kontrolle halten.

In den Straßen Irans patrouilliert das Regime

Nach wochenlangen Bombardements durch die USA und Israel, nach Massentötung bei den Protesten im Januar, blicken die Iraner nun mit Angst in die Zukunft. „Der Krieg wird enden, aber dann beginnen unsere wirklichen Probleme mit diesem System“, sagte eine 37-jährige Iranerin der Nachrichtenagentur Reuters jüngst. Sie hatte an den Protesten im Januar teilgenommen. Jetzt sagt sie: „Ich habe große Angst, dass das Regime, wenn es eine Einigung mit den Vereinigten Staaten erzielt, den Druck auf die einfachen Menschen erhöhen wird.“

Manche Straßenzüge in Teheran und anderen Großstädten wirken heute, als herrsche bereits Bürgerkrieg: Überall patrouilliert die den Revolutionsgarden unterstellte Basij-Miliz, überall befinden sich Kontrollposten. Nacht für Nacht marschieren die Bewaffneten schreiend durch die Gassen. In der Außenpolitik knirscht es noch zwischen den Lagern. In der Innenpolitik sind die Würfel bereits gefallen.

  • informationsspiegel

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