Es gibt Forschungsfelder, die sind so weitläufig, dass kaum zu ermessen ist, wo sie beginnen und wo sie enden. Jessica Ullrich weiß, was das bedeutet: Seit Oktober 2026 lehrt und forscht sie an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig (HBK) als Professorin für Kunstwissenschaft zum Schwerpunkt Cultural Animal Studies. „Manche denken, das ist eine enge Nische“, sagt sie. „Aber das Mensch-Tier-Verhältnis durchdringt alle Lebensbereiche.“
Es geht um die kritische Analyse der Darstellung von Tieren in Kunst und Literatur, Film und Theater; um ethische, soziologische, ökologische, historische, ideologische Bezüge zwischen Mensch und Tier. Und es geht um das Aufbrechen der Dominanz, aus der heraus der Mensch das Tier als biologische Ressource und passiven Besitz kategorisiert und um die Frage, wie das Tier kulturell vom Objekt der Betrachtung zum handelnden Subjekt wird.
Der Blick beschränkt sich nicht nur auf Werke wie Albrecht Dürers „Feldhase“, Jack Londons „Wolfsblut“ oder Anton Tschechows „Die Möwe“. Er richtet sich auch auf die Realität von Zoogefangenschaft, Jagd, Artensterben und industrieller Massentierhaltung.
Auf der Website des Verlags, in dem ihre Fachzeitschrift „Tierstudien“ erscheint, zitiert Ullrich aus einer Vorlesung des französischen Philosophen Jacques Derrida: „Das Tier schaut uns an und wir stehen nackt vor ihm. Und vielleicht fängt das Denken an genau dieser Stelle an.“ Derridas Gedanke könnte Ullrichs neuer Professur als Motto dienen. „Tiere schauen uns an, wie wir sie“, sagt sie, „mit ihrer eigenen Sicht der Welt.“
Das Thema Mensch-Tier-Beziehung beschäftigt Ullrich, die Kunstgeschichte, Kunstpädagogik und Germanistik sowie Kultur- und Medienmanagement studiert hat, schon lange. In ihrer Promotion hat sie sich mit Wachsplastiken beschäftigt – also auch mit Bienen. In Südafrika hat sie in einer Pavian-Schutzstation gearbeitet. „Es gab sogar eine Zeit, da wollte ich Tierärztin werden“, erzählt sie. Heute leistet sie interdisziplinäre Pionierarbeit, denn ihr Forschungsfeld ist noch jung, zumindest in Deutschland.
Foto: Anja Jahn/Museum Sinclair-Haus
Eine von Ullrichs Aufgaben an der HBK ist es, einen neuen Masterstudiengang aufzubauen. Externe Expertise wird sie dazuholen, von BiologInnen bis zu TierethikerInnen. Auch eine Kooperation mit aktivistischen TierrechtlerInnen sei denkbar. „Ich kann mir auch vorstellen, Begegnungen mit lebendigen Tieren einzuflechten“, sagt Ullrich. „Etwa bei Besuchen auf Lebenshöfen.“ Auch eigene Kunst entsteht so.
Bei ihrem ersten Seminar war der Motivationshintergrund der Interessierten breit gefächert, vom Veganismus über den Klimaschutz bis zur Kritik an Vorfahren aus der Landwirtschaft. Ullrich setzt auf „kritische Studierende, die die Welt verändern wollen“. Kunst könne „visionärere, radikalere, utopischere Weltbezüge formulieren als die Wissenschaft“.
Wer bei Ullrich studiert, muss sich auf ungewöhnliche Ansätze einstellen. Einer davon: Die werkstoffliche Rolle der Tiere in der Kunst, wie damals beim Wachs der Bienen. Farben werden aus dem Körper von Tieren gewonnen, Firnis, Pinsel. Ein andere: Die Rolle von Tieren als Kollaborationspartner der Gegenwartskunst: Das erinnert an die Aktion „I like America and America likes Me“ von Joseph Beuys, 1974, für die er in einer US-Galerie mehrere Tage mit einem wilden Kojoten verbrachte.
Ullrich, auch als Ausstellungskuratorin tätig, zeigt: Der Mensch-Tier-Beziehung, im Grunde eine Tier-Tier-Beziehung, fehlt es fatal an Augenhöhe. Das will sie ändern.






