Mexiko: Knochenreste auf Ranch gefunden: Spuren eines Massenmords

N ein, dieses Mal sind es keine inszenierten Gesänge, kunstvoll vorgetragen von einigen schwarz gekleideten Frauen, die von einer trans Frau unterstützt werden, die einst als Mafiachef Menschen terrorisiert und gekillt hat. Die Fotos, die in diesen Tagen über das Verschwinden von Söhnen, Töchtern, Vätern und Geschwistern mexikanischer Familien durch die Medien des Landes gehen, haben wenig zu tun mit dem Bild, das Filme wie „Emilia Pérez“ auf internationalen Leinwänden zeichnen.

Sie zeigen Berge von Schuhen, zurückgelassene T-Shirts, Leggins und Rucksäcke sowie Gebäude, die als Krematorien dienten – die verbliebenen Spuren eines Massenmords auf einem Anwesen im Zentrum des Landes. Auch verkohlte Reste menschlicher Knochen wurden auf dem Gelände gefunden, das viele als „Vernichtungs­lager“ bezeichnen.

Wieder einmal waren es nicht die Sicherheitsbehörden, die vergangene Woche diesen grausamen Fund machten. Das Kollektiv Guerreros Buscadores de Jalisco entdeckte die Ranch Izaguirre nahe der Gemeinde Teuchitlán, eine Stunde von der Großstadt Guadalajara entfernt. Hier hatten sich einst die Killer des Jalisco-Kartells niedergelassen. Die Gruppe von Angehörigen von Verschwundenen war auf der Suche nach ihren Liebsten auf den Hof gestoßen, der den Kriminellen mehrere Jahre lang als Trainingslager diente. Und als Ort zur Hinrichtung derer, die nicht verwertbar waren.

Dank der Bilder, die das Kollektiv von dem grauenvollen Gelände veröffentlichte, meldete sich ein Zeuge, der selbst einst dorthin verschleppt wurde. Er berichtete davon, wie man ihn mit etwa 200 weiteren Menschen für den Krieg des Kartells drillte. Demnach boten ihnen die Kriminellen auf einem Busbahnhof nahe Guadalajara Jobs an. Kaum in den Transporter gestiegen, habe man ihnen ihre Habseligkeiten abgenommen und die Augen verbunden.

Kooperation zwischen Mafia und Behörden

Im Lager seien sie dann, ständig bewacht von Bewaffneten, „ausgebildet“ worden. Sie hätten an simulierten Kämpfen teilnehmen müssen. Wer sich beklagte, sei im Krematorium verbrannt worden, das sie selbst hatten bauen müssen. Die anderen zogen in den Krieg gegen andere Kartelle. Nicht jedes Wort, das der Überlebende berichtet, muss stimmen. Aber seine Beschreibung entspricht dem, was auch die wenigen anderen berichten, die diese Hölle überlebt haben.

Wie viele solcher Lager es in Mexiko gibt, ist unklar. Sie liegen häufig abgelegen, weil es dort, wie der Sicherheitsexperte David Saucedo erklärt, „Schreie aufgrund von Folter“ und „Explosionen“ gebe. Einige der 124.000 Menschen, die insgesamt im Land als verschwunden gelten, dürften in eines dieser Zentren verschleppt worden und dort gestorben sein.

„Teuchitlán ist der medialen Kontrolle des Regimes entkommen“, schreibt der Kolumnist der Zeitung El País, Salvador Camarena. Das muss man nicht wörtlich nehmen, denn in Mexiko wird die Presse nicht von der Regierung kontrolliert. Betrachtet man jedoch den Diskurs, so hat Camarena recht. Angesichts der beliebten und erfolgreichen Präsidentin Claudia Sheinbaum und des Troubleshooters Donald Trump sind die Verschwundenen in den Hintergrund gerückt.

Dabei wurden in der knapp halbjährigen Amtszeit der Staatschefin schon wieder 6.726 Menschen verschleppt. Auch die Kooperation zwischen Mafia und Behörden hält an. Anders ist kaum zu erklären, warum die Staatsanwaltschaft nicht weiter ermittelte, obwohl die Nationalgarde im letzten Herbst nach Schusswechseln auf dem Gelände zehn Personen verhaftete und zwei Entführte befreite. Danach interessierten sich die Strafverfolger nicht weiter für die Ranch.

Wären da nicht die Angehörigen, würde niemand über das Todeslager sprechen. Die Bilder, die schlimmste Assoziationen wecken, rüttelten jedoch auf. Vergangenen Samstag gingen in 20 Städten Mexikos Menschen auf die Straßen, um an die unbekannten Toten zu erinnern. In Mexiko-Stadt stellten sie 400 Kerzen und 400 Paar Schuhe auf den zentralen Platz der Metropole – genau so viele, wie die Angehörigen auf der Ranch Izaguirre gefunden haben.

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