Midsommar in Schweden: Nicht so blutrünstig wie der Film

Auf dem Holztisch in der sonnendurchfluteten Küche drängeln sich Quiche, Würstchen, Käse, Knäckebrot und Kartoffelsalat, thronen Krabben auf halbierten gekochten Eiern, konkurrieren eingelegte Heringe und gebeizter Räucherlachs mit einer üppigen Erdbeersahnetorte. Schaue ich aus dem Fenster, blicke ich auf einen See – so endlos groß wie ein Meer.

Ich bin in Schweden, in der Region Värmland, zu Gast bei der Mutter meiner Schwägerin. Barbro, wie sie in diesem Text heißen soll, ist Anfang siebzig und die gelebte Gastfreundschaft. Sie hat in ihr Sommerhaus am sandigen Nordufer des Vänern, dem größten See des Landes, geladen, um mit einem guten Dutzend Verwandten aus drei Generationen Midsommar zu feiern. Das ist in Schweden das wichtigste Fest nach Weihnachten und wird – die Schwe­d*in­nen sind pragmatisch – immer am Freitag zwischen dem 20. und 26. Juni begangen. Klar hatte ich bestimmte Vorstellungen von diesem Tag, der nicht weniger feiert als die Sonne und das Licht: bunte Blumenkränze für alle, sommerlich geschmückte Birkenstämme überall und drumherum ausgelassene, angetrunkene Erwachsene, die ununterbrochen singen und Hand in Hand im Kreis tanzen.

Angereist bin ich mit meinen beiden Söhnen am gleichen Tag, von Hamburg haben wir den Nachtzug genommen. Viel eingepackt haben wir nicht, aber natürlich unsere Badesachen, einen großen Karton Weißwein und mehrere Flaschen Crémant. Die Alkoholsteuer in Schweden ist verdammt hoch. Schon auf der Fahrt zeigt sich Schweden von seiner Bilderbuchseite: saftig grüne Blumenwiesen ziehen an uns vorüber, vereinzelte Birken, Weiden, Sägewerke, Sportplätze und ein Mischwald, der, da bin ich mir ganz sicher, voller Blaubeeren und Elche ist.

Hinter jedem zweiten Hügel glitzert ein See – es gibt an die 100.000 in Schweden – wie verrückt in der Sonne und auf kleinen Anhöhen stehen diese typischen rot gestrichenen Holzhäuser mit ihren weißen Fensterrahmen. Falunrot heißt das Rot, es entstand als Abfallprodukt beim Kupferabbau in Falun Dalarna in Mittelschweden. Die eisenhaltige Rezeptur der Farbe schützt die Holzfassaden vor dem rauen Klima. Mein jüngerer Sohn hat die Antwort auf seinem Handy schon parat, bevor ich die Frage überhaupt laut ausgesprochen habe. In der Junisonne wirken die Fassaden noch wärmer.

Im Kühlregal thront eine Pippi-Langstrumpf-Torte

Das Sommerhaus von Barbro hingegen ist weiß gestrichen. Trotz des üppigen Buffets fahre ich mit meiner Schwägerin sicherheitshalber noch einmal zum Supermarkt, der eher an eine Messehalle erinnert als an einen Ort für spontane Alltagsbesorgungen. Die Gänge sind straßenbreit, die Regale schier endlos, das Angebot überwältigend. Unser Einkaufswagen füllt sich schnell, mit Kartoffeln, Dill, Grillfleisch, Köttbullar, Fisch, Eis, Knäckebrot und mit Käse, über dessen Herkunft und Reifegrad niemand genau Bescheid weiß. Im Kühlregal, zwischen Eis und industriell perfektionierter Sahne, thront eine Pippi-Langstrumpf-Torte. Für einen Moment bleibe ich stehen und bin fast erleichtert, dass das Klischee erfüllt ist.

Zurück am Ufer des Vänern verschiebt sich alles nach draußen in die triumphierend helle Nachmittagssonne. Arglos frage ich nach der Sache mit den Blumenkränzen, da hat Barbro auch schon eine Lösung: ihre Stiefmütterchen. Entschlossen köpfen wir sie, flechten aus den tapferen Topfpflanzen Haarschmuck; improvisiert, aber ernst gemeint und einen vergänglichen Tag lang wunderschön anzusehen. Immerhin sind die Kränze ein uraltes Symbol für Wiedergeburt und Fruchtbarkeit.

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Frisch bekränzt gehen wir für ein Familienminigolfturnier auf den Campingplatz eine Bucht weiter. Hier streckt sich zwischen den lichten Kiefern ein mit Zweigen, Birkenlaub, Blumen und Kränzen dekorierter Pfahl in die Höhe, die midsommarstång. Wo sie ist, ist den ganzen Tag Programm: Gewinnspiele, Blumenkranzbinden und Schatzsuche. Die Stimmung ist ausgelassen. Später wird gemeinsam gesungen und vereinzelt sogar in traditioneller Tracht um die midsommarstång getanzt, zu Liedern, bei denen Erwachsene und Kinder plötzlich Frösche imitieren. Dafür gehen alle in die Hocke, watscheln, hüpfen und quaken. Niemand findet es seltsam. Im Gegenteil. Wer nicht mitmacht, fällt auf.

Bis tief in diese besondere Nacht, die einfach nicht dunkeln will, tönen von jener Nachbarbucht Musik, Stimmen und Lachen auf Barbros Terrasse herüber. Bei uns läuft währenddessen eine ruhigere, familiäre Midsommarversion. Spiele werden aufgebaut, Regeln erklärt und direkt an die Familie angepasst. Das Buffet wächst wie nebenbei immer noch weiter: Kartoffeln, Hering, Salate, Brot. Niemand ruft zum Essen. Man nimmt sich, was man möchte. Gläser werden nachgefüllt. An diesem Tag scheint es nur eine verbindliche Regel zu geben: Bevor ein Skål fällt, wird ein Trinklied, ein snapsvisa, gesungen. Dessen Inhalte sind zweitrangig, mal geht es um die Trinkfestigkeit der hier ansässigen Värmländer, mal um ganze und halbvolle Gläser, mal um eine irrlichternde Zahlenreihe. Wichtiger ist das gemeinsame Singen und Lachen – und Trinken.

Nur träge verrinnt die Zeit, wird weich, dehnbar. Die Sonne denkt gar nicht daran unterzugehen, sondern bleibt einfach. Aus Höflichkeit. Oder aus Prinzip. Jemand fährt mit dem Jetski hinaus auf den See, zieht eine Bahn, andere springen vom Steg ins Wasser, fluchen leise über die Kälte. Hier passiert nichts Entscheidendes mehr. Sätze wiederholen sich. Später wird der Whirlpool aktiviert. Auf den Luftblasen im Wasser tanzen Getränkebehälter, Gespräche drehen sich, kommen zum Stillstand, setzen neu an.

Über den besonderen Zauber einer Mittsommernacht wurde und wird immer wieder berichtet: Von spirituellen Kräften und Wassergeistern, von heilenden Pflanzen und kräftigendem Morgentau kann man lesen und auch davon, dass unverheirateten Frauen in dieser Nacht ihr zukünftiger Ehemann erscheine. Im realen Leben, erfahre ich, entstehen in dieser turbulenten, trunkenen Mittsommernacht tatsächlich oft Partnerschaften. Mal von kürzerer, mal von längerer Dauer. Also scheint dieses Fest eine Art Karneval des Sommers zu sein.

Im Kreise der Familie plätschert die Sommersonnenwende als fröhliches, nicht enden wollendes Zusammensein und gleichzeitig als gemütliches Nebeneinandersein vorüber. Überstrahlt von einem Himmel, von dem sich die Sonne kurz vor Mitternacht dann doch noch für ein paar Stunden verabschiedet. Jemals wirklich dunkel wird es nicht. Nur macht niemand ein großes Thema daraus. Außer mir und meinen Söhnen, natürlich. Wir sind diejenigen, die immer wieder ungläubig in die Dämmerung blicken und entsprechend spät einschlafen. Und das auch nur, weil es an den Fenstern Verdunkelungsrollos gibt.

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