Möglicher Sniper-Kronzeuge in Sarajevo: Was wusste Slavko Aleksić?

Wahrscheinlich würde jeder Film-Produzent eine solche Crime- Story als zu primitiv zurückweisen. Dass der serbische Extremist Slavko Aleksić im Krankenhaus stirbt, ist eigentlich wenig spektakulär. Wenn aber die Berichte stimmen, dass dieser offenbar gesunde Mann von seinem Wohnort Trebinje, das im südöstlichen Bosnien und Herzegowina liegt, vor wenigen Tagen ohne ersichtlichen Grund ins Militärkrankenhaus der serbischen Hauptstadt Belgrad verlegt wurde und dort am nächsten Tag verstarb, dann wird der Vorgang brisant.

Man weiß auch in Südosteuropa ganz genau, was es bedeutet, wenn unliebsam gewordene Menschen aus dem Fenster fallen oder bei Flugzeugabstürzen oder Autounfällen oder auf sonstige nicht unbedingt natürliche Weise ums Leben kommen.

Beweisen kann man in solchen autokratischen Ländern nichts. So auch nicht in Serbien. Polizei und Justiz sind taub und wissen von nix.

Aber sein Tod kommt ihnen sehr gelegen. Hätte nämlich Slavko ausgesagt, würde das Schutzschild der Lügen in sich zusammenbrechen.

Die serbische Soldateska

Während der serbischen Belagerung der bosnischen Hauptstadt Sarajevo von 1992 bis 1995 war Aleksić die Schlüsselfigur für die Verbrechen der serbischen Soldateska im Stadtteil Ilidža, wo er Kellerräume zu Folterkammern machen ließ. Für die vor allem aus Italien angereisten betuchten Freizeit-Scharfschützen, von denen jetzt international viel geredet wird, ist sein Tod sogar eine Art Rettung. Denn bisher kann man nur wenige der gegen sie erhobenen Anschuldigungen tatsächlich beweisen.

Es besteht jetzt Gewissheit, dass der bärtige, sich als „Tschetnik“ gebende Aleksić als Kommandeur für den Frontabschnitt am oberen Teil des jüdischen Friedhofs in Sarajevo verantwortlich war und damit über alles Bescheid wusste, was dort passierte. Und damit wusste er Bescheid über die „ekelhaften westlichen Freizeitkrieger“, wie die ehemalige Bürgermeisterin Benjamina Karić dies ausdrückte, die ihm oder seinen Kameraden viel Geld dafür bezahlten, auf Zivilisten in der belagerten Stadt schießen zu dürfen.

Das Bild einer jungen Mutter, kaum einige Hundert Meter vom jüdischen Friedhof entfernt, die von ihrer halbwüchsigen Tochter schutzsuchend angstvoll umarmt wird, nachdem einige andere Frauen an gleicher Stelle tödlich getroffen zusammengesunken sind, ist eines der Bilder, die sich über diese Vorgänge eingeprägt haben.

Sein Tod nützt Serbiens Präsident Vučić

Aber politisch noch viel brisanter ist, welche Informationen aus erster Hand Aleksić über die Aktivitäten des heutigen Präsidenten Serbiens hätte liefern können, Alexandar Vučić. Denn nach Aussagen des in Serbien prominenten Extremisten und Freischärlerkommandeurs Vojislav Šešelj, ein alter Konkurrent Vučićs, hatte dieser 1992 in der Einheit Aleksićs gedient.

Hat also auch Vučić in Sarajevo auf Zivilisten geschossen? Der Milizenführer Šešelj, der seine vom UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag verhängte Haftstrafe längst abgesessen hat, könnte noch das Schweigen brechen.

Die ehemaligen serbischen Soldaten aber werden wohl schweigen, und Aleksić nun endgültig.

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