Nach Europas Beziehung-Bruch mit den USA: Ab in den Süden

S eit der Rede von US-Vizepräsident JD Vance auf der Münchner Sicherheitskonferenz (MSC) tut sich eine Kluft im transatlantischen Verhältnis auf. Was seither geschah – die wiederholten Drohungen von US-Präsident Donald Trump, der Ukraine die militärische Hilfe zu entziehen; die Geringschätzung Europas, die aus geleakten Signal-Chats von Mitgliedern der Trump-Regierung sprach; und die Zolldrohungen, bei denen Washington kaum zwischen europäischen Verbündeten und Rivalen unterschied –, lässt diese Kluft unüberwindbar erscheinen. Doch für Europas Beziehungen zu jenen Ländern, die manche als Globalen Süden, andere als globale Mehrheit bezeichnen, könnte dieser Bruch eine Chance sein. Er zwingt Europa, im Umgang mit diesen Staaten mehr geopolitische Empathie und Pragmatismus zu zeigen.

Nach Vance’ Rede machten Vertreter insbesondere aus Afrika keinen Hehl aus ihrer Genugtuung: Wie wohltuend sei es, wenn jetzt europäische Regierungen Kritik an ihrer Regierungsführung einstecken müssten, die sie in der Vergangenheit gerne ausgeteilt hatten. Aus Sicht vieler im Globalen Süden ist die Augenhöhe, die europäische Staaten seit einiger Zeit mit Ländern in Afrika, Asien und Lateinamerika vorgeben zu suchen, mit der Rede des US-Vizepräsidenten abrupt erreicht. Nicht, weil die Europäer ihre Partnerschaften mit Ländern im Globalen Süden aufgewertet hätten. Sondern weil die Rede von Vance das Ende europäischer Vorzugsbehandlung durch die USA markiert – und damit Europas Abstieg innerhalb des Westens.

Für Repräsentanten aus vielen Teilen der Welt ist Europa nun in der harten Realität angekommen, in der sie selbst schon lange leben. Einer Realität, in der Sonderbehandlung die Ausnahme ist und in der man sich besser auf sich selbst verlässt als auf andere. Genau diese Wahrnehmung brachte der indische Außenminister Subrah­manyam Jaishankar auf der Sicherheitskonferenz in München auf den Punkt. Er griff die Metapher des Dschungels auf, die westliche Beobachter regelmäßig bemühen, um vor einer anarchischen internationalen Ordnung zu warnen. Nur von einem sehr gemütlichen Ort aus, so argumentierte Jaishankar, erscheine die Zukunft wie ein Dschungel. Wer auch in der Vergangenheit eine raue Welt erlebt habe, sehe eher die Chancen als die Risiken aktueller Umbrüche.



Bild: MSC/Michael Kuhlmann


Sophie Eisentraut

ist Head of Research & Publications bei der Münchner Sicherheitskonferenz.

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Im Globalen Süden hofft man deshalb, dass die Europäer in Zukunft mehr Empathie für die geopolitische Situation anderer Länder zeigen. Ein Europa, das seinen atomar bewaffneten Nachbarn im Osten zukünftig alleine in Schach halten muss, dürfte Indiens Sorge vor den Nuklearmächten in seiner Nachbarschaft besser nachvollziehen können. Und die schwierigen Balanceakte, die Europas Umgang mit seinem einst engsten Verbündeten seit Januar erfordert, könnten das Verständnis für die außenpolitischen Zwänge von Regierungen etwa Brasiliens oder Südafrikas gegenüber Russland stärken.

Die EU verlässlicher als die USA? Auch nicht immer!

Zugleich hegt man die Hoffnung, dass ein real­politisch geerdetes Europa künftig aktiver und pragmatischer auf Regierungen in anderen Teilen der Welt zugeht. Einige erwarten, dass Brüssel seine geopolitischen Interessen eigenständiger und unabhängiger von Washington definiert – und daraus neue Kooperationen entstehen. Europas „strategisches Erwachen“, so formulierte es Jaishankar, könnte zum Motor einer engen Partnerschaft mit Indien werden – vor allem in den Bereichen Sicherheit, Verteidigung und Technologiekooperation. Die Türkei wiederum setzt darauf, dass die Europäer in ihrem Versuch, sich ­gegen Russland zu wappnen, die Sicherheitszusammenarbeit mit Ankara ausbauen.

Gerade die Interessen kleinerer und mittelgroßer Staaten dürften sich in Zukunft stärker mit denen Brüssels als mit denen Washingtons decken. Wie Europa setzen sie auf freien Welthandel, völkerrechtliche Normen gegen territoriale Expansion und multilaterale Zusammenarbeit, um globale Krisen wie den Klimawandel zu bewältigen. Genau wie Europa wollen sie nicht, dass Kooperation zum wechselseitigen Vorteil von Nullsummendenken und einer Politik verdrängt wird, die „Lose-lose“-Dynamiken befördert und in der nur die Stärksten reüssieren. Einer Politik, wie sie Washington aktuell betreibt.

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Auf der MSC warb die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas denn auch für Europa als verlässlicheren Partner des Globalen Südens. Auch wenn sie dies nicht direkt sagte, war klar, was gemeint war: verlässlicher als die USA. Viele der Angesprochenen mögen diese Selbsteinschätzung Europas als unangemessen empfunden haben. Für sie zeichnen der abrupte Abzug der Europäer aus Afghanistan, das europäische Horten von Impfstoffen während der Coronavirus-Pandemie oder die oft als langwierig, mitunter als aussichtslos empfundenen Versuche, mit der EU Handelsabkommen zu schließen, nicht das Bild eines verlässlichen Partners.

Um sich wirklich von den USA abzuheben, die unter Trump nur ihre eigenen Interessen im Blick haben, muss Europa die „Partnerschaften zum wechselseitigen Vorteil“, die es gerne rhetorisch bemüht, mit attraktiveren, pragmatischeren Angeboten unterfüttern. Das verlangt zuvörderst, die eigenen Vorstellungen von dem, was für andere von Vorteil ist, in Zukunft stärker zurückzustellen – selbst wenn dies die Verbreitung von Umweltstandards oder liberal-demokratischen Werten erheblich erschwert. Das neue Tempo, mit dem die EU nun Freihandelsabkommen mit den Mercosur-Staaten, Indien und anderen Ländern anstrebt, lässt hoffen, dass Europa die Zeichen der Zeit verstanden hat.

Spätestens seit Beginn der russischen Vollinvasion in die Ukraine diskutieren die Europäer die Notwendigkeit, ihre Beziehungen zu Ländern des Globalen Südens zu verbessern. Und doch könnte es erst der Bruch mit dem engsten Partner sein, der dahingehend wirklich etwas bewegt.

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