Nachruf auf Marjane Satrapi: Die große iranische Comicautorin ist tot

Ihr Comicroman „Persepolis“ sollte Marjane Satrapi weltberühmt machen. In den 2000er-Jahren entstanden, eröffnete ihr Werk vielen im Westen eine kaum bekannte Perspektive auf Iran. Satrapi erzählt humorvoll aus Kinder- und Mädchenperspektive von den Revolutionsjahren um 1979.

In die autobiografischen Erlebnisse arbeitete sie die größere Geschichte im Hintergrund ein, macht die gewalttätig durchgesetzte Islamisierung von Alltag und Gesellschaft in Iran deutlich. Die Heiterkeit und der Widerstand der Mädchen trifft auf gänzlich humorlose, angeblich von Gott geleitete Sittenwächterinnen.

Im Vorwort der 2004 in der Edition Moderne erschienenen deutschsprachigen Erstausgabe von „Persepolis“ skizzierte die 1969 in Iran geborene Autorin und Künstlerin ihre politischen Absichten mit diesen Sätzen:

„Ich glaube, dass man eine ganze Nation nicht aufgrund der Fehler einer extremistischen Minderheit verurteilen darf. Ich will auch nicht, dass jene Iranerinnen und Iraner vergessen werden, die für die Freiheit gekämpft haben und im Gefängnis gestorben sind, die ihr Leben im Krieg gegen den Irak verloren und unter den verschiedenen repressiven Systemen gelitten haben oder gezwungen waren zu fliehen. Man kann vergeben, aber man soll niemals vergessen.“

„Persepolis“ – Mädchencomic als Bestseller

Zu diesem Zeitpunkt lebte Satrapi schon längere Zeit im französischen Exil. „Persepolis“ verdeutlichte der Weltöffentlichkeit erstmals in größerem Maßstab, dass es im Iran von Satrapis Kindheit und Jugend eine nennenswerte Linke gab – sowie eine gerade auch heute wieder sehr sichtbar säkular orientierte Zivilgesellschaft.

Die beiden „Persepolis“-Bände – „Eine Kindheit in Iran“ sowie „Jugendjahre“ – machten dies anschaulich. Und sie zeigten auch, dass der ethnisch-kulturell konstruierte Gegensatz von „West“ und „Ost“ ein willkürliches Phantasma ist. Michael-Jackson-Sticker zu tragen, war für Mädchen wie Marjane schon in den 1980er-Jahren im Teheraner Underground ein subversives Zeichen. Genauso, ob und wie man als Frau ein aufgezwungenes Kopftuch oder als Mann einen Bart trägt.

„Persepolis“ nahm in vielem die Entwicklung zu den „Frau – Leben – Freiheit“-Protesten bis hin zu den heutigen vorweg und machte sie auch außerhalb Irans nachvollziehbar.

Kaum jemand hätte allerdings bei Erscheinen damit gerechnet, dass Satrapis widerständige iranische Mädchengeschichte – eine Graphic Novel in Schwarz-Weiß – über eine Million Exemplare verkaufen würde. 2007 folgte die Verfilmung in Eigenregie der Graphic-Novel-Autorin. Ebenfalls ein Welterfolg und beim Filmfestival von Cannes mit dem Großen Preis der Jury bedacht sowie 2008 für den Oscar nominiert.

Große Lücke

Marjane Satrapi, die große iranisch-französische Zeichnerin und Autorin, starb nun im Alter von 56 Jahren. Ein Jahr nach dem Tod ihres Mannes Mattias Ripa „an Traurigkeit“, wie es aus ihrem persönlichen Umfeld am 4. Juni heißt.

„Mit ihrem Werk war sie vielen ein Vorbild, mir ganz besonders“, sagt der prominente französische Comicautor Riad Sattouf („Der Araber von morgen“).

Und Comicautor und Regisseur Joann Sfar gibt ihr diesen letzten Gruß mit auf den Weg: „Du hast die Welt mit deinen Comics verändert, und dabei waren Comics dir egal. Ich habe meine Zwillingsschwester verloren.“ Nicht nur die Comicgemeinde trauert.

  • informationsspiegel

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