So schnell, wie die Staatsführung immer noch hofft, flaut die Protestbewegung der französischen Jugend nicht ab. Die Schüler*innen und Studierenden haben am Dienstag bei einem „Fünfter Akt“ genannten Aktionstag in Paris und vielen anderen Städten demonstriert und erneut zahlreiche Lycées (Oberstufe der Mittelschulen) mit Barrikaden blockiert. Nach Angaben der Gewerkschaft Union Étudiante waren „90 Prozent der Fakultäten des Landes geschlossen“.
Die Repression seitens der Behörden hat in den letzten Wochen die Wut über die Zustände an vielen Schulen, namentlich in den ohnehin benachteiligten Außenquartieren der Banlieues, und über das intransparente Auswahlverfahren für den Studienzugang „Parcoursup“ nicht besänftigt, sondern angeheizt. Fast 7.000 Jugendliche wurden seit Beginn der Mobilisierung vorübergehend festgenommen und in Polizeihaft gehalten und mehrere minderjährige Demonstrierende schwer verletzt.
Laut Umfragen hegt die Mehrheit der französischen Bevölkerung weiterhin Sympathien für die Proteste und deren Motive. Der Staatsführung ist es offenbar nicht gelungen, die Aktionen wegen Gewalt gegen Polizeibeamte oder wegen einer politischen Instrumentalisierung durch die Linkspartei La France insoumise zu diskreditieren.
Bewegung bekommt Zulauf aus dem Ausland
Französische Medien berichten allerdings auch über Jugendliche, die am Rande einer Blockadeaktion im mittelfranzösischen Beaugency einen antisemitischen Rapsong zu Ehren islamistischer Terroristen singen. Sie wurden festgenommen und müssen sich wegen Terrorismusverherrlichung verantworten. Mit der Schülerbewegung hat dies wenig zu tun, verleiht aber Donald Trumps polemischer Bemerkung Aufmerksamkeit, die ganzen Schülerproteste seien das Resultat von Frankreichs Problemen mit der Immigration und dem Islam.
Proteste in Frankreich
Mittlerweile wissen die Jugendlichen, dass ihre Bewegung auch außerhalb von Frankreich ein Echo in den Medien findet. In Belgien und Italien wurden zudem Solidaritätsaktionen und Proteste mit ähnlichen Forderungen und Hintergründen wie in Frankreich organisiert. Am Dienstag besuchte die schwedische Aktivistin Greta Thunberg die Schüler des Lycée Paul Eluard in Saint-Denis, die dort vor den Schultoren „zu Ehren der Bewegung“ ein Buffet organisiert hatten.
Die Popularität der Schülerbewegung mit ihrer Forderung von 10 Milliarden Euro für den Bildungssektor bringen die Regierung in der aktuellen Staatshaushaltsdebatte schwer unter Druck. Am Wochenende hatte der französische Erziehungsminister Édouard Geffray nach Gesprächen mit Delegierten den Schüler*innen und Studierenden ein Angebot gemacht. Er wäre bereit, als „Dringlichkeitsmaßnahme“ 3.000 Lehrer*innen, die bisher nicht ihren Klassen zugeteilt worden waren, in 500 Lycées zu schicken. Außerdem werde das Ministerium 1.000 zusätzliche Hilfskräfte für Vertretungen einstellen.
Die Ausfallstunden sind einer von 10 Punkten im Forderungskatalog der Schülerbewegung. Geffrays Vorschlag wurde größtenteils mit Erstaunen oder Skepsis aufgenommen: Warum gibt es Tausende Beamte, die nicht eingesetzt waren und die erst jetzt laut dem Minister durch Recherchen mit einem neuen KI-unterstützten Computerprogramm „entdeckt“ wurden?
„Bloß Brosamen“ seien Geffrays Zugeständnisse, heißt es aus der Schülerbewegung, die bereits die Fortsetzung der Mobilisierung und neue Aktionsformen plant. Ende der Woche beginnen die zweiwöchigen Herbstferien und das erschwert es, die Wut der Jugendlichen zu halten und im ganzen Land medienwirksame Aktionen zu organisieren. Aber: Für Samstag sind Schüler*innen, Studierende und Werktätige zu einem gemeinsamen Aktionstag aufgerufen.






