Netzverschwörungen zu Stade: Suche nach dem verlorenen Verstand des Herrn X

D er Fall Stade, wo ein Mann sechs So­zi­al­ar­bei­te­r*in­nen erschossen hat, ist mir – aus verschiedenen, persönlichen Gründen – sehr nahe gegangen. So nah, dass ich am liebsten überhaupt nichts mehr darüber schreiben wollte und froh war, in den Urlaub entschwinden zu können. Leider hat das rechtspopulistische Hetzportal „Nius“ nun dafür gesorgt, dass sich in Hannover eine bizarre Neuauflage der „Verlorenen Ehre der Katharina Blum“ abspielt.

Ich verkneife es mir hier, ihren Namen oder irgendwelche Details auch nur in abgekürzter Form zu verwenden – die junge Frau hat mit ihrer Familie genug auszustehen, weil die Trolle natürlich nicht locker lassen, wenn sie einmal Beute wittern. Nur so viel: Sie trägt den gleichen Namen wie die Frau, die „Nius“ als „Mitbewohnerin“ des mutmaßlichen Täters von Stade tituliert. Sie wohnt halt bloß in einer anderen Umlandkommune. Aber mit solchen Details halten sich versierte Pseudo-Rechercheure natürlich nicht auf.

Die Namensgleichheit reichte, um ihr Berufsleben unter die Lupe zu nehmen. Und siehe da: Auf wundersame Weise passte mal wieder alles – irgendwas mit türkischstämmig, irgendwas mit Migration, vielen Dank, das reicht schon. Schwups gehörte auch das Fluchtfahrzeug eigentlich ihr.

Jetzt muss sie sich Sorgen um die Sicherheit ihrer kleinen Kinder machen und bekommt – wie übrigens auch ihr Arbeitgeber – Mord- und Vergewaltigungsdrohungen frei Haus. Beide haben juristische Schritte eingeleitet, aber abgesehen von einer halbgaren Korrektur auf dem Portal bringt das natürlich wenig.

Überhaupt dieses Fluchtfahrzeug und sein Kennzeichen. Eine verblüffende Vielzahl von Verschwörungsmythen rankt sich darum. Seit zwei Wochen bekomme ich Mails zum Thema, sie bilden eine Art Liveticker zum Abstieg in den Kaninchenbau.

Anfangs wurde ich nur dazu aufgefordert, doch endlich mal zu recherchieren, wie eine 65-jährige NGO-Aktivistin an so eine teure Zuhälterkarre kommt. Bestimmt von Steuergeldern bezahlt. Wobei nicht einmal klar ist, ob ihr der Wagen wirklich gehört, ihrem Arbeitgeber aber mit Sicherheit nicht.

Alle stecken unter einer Decke

Warum eine Bremerin mit einem Hannoverschen Kennzeichen durch die Gegend fährt, erschließt sich auch noch nicht so richtig. Vielleicht hat der mutmaßliche Täter das Auto an sie abgegeben, vielleicht auch nur geliehen, um nicht kontrolliert zu werden – man weiß es schlicht nicht. Der Prozess wird das klären.

Aber natürlich passt das einfach zu schön in die Erzählung, die sich gerade aus der extremen Rechten in konservative Kreise ausbreitet: NGOs sind samt und sonders des Teufels. Vor allem, wenn sie sich mit Migration oder Diskriminierung befassen.

Verschwörungsideologie schlägt noch andere Blüten

In diesem Fall schlägt die Verschwörungsideologie aber noch ganz andere Blüten. Das Kennzeichen enthält die Buchstaben „KD“. Das, finden gleich mehrere E-Mail-Schreiber, sollte ich mir unbedingt näher ansehen. Ich habe ein Weilchen gerätselt, wofür das stehen soll: Kundendienst? Kriminaldirektor? Kills/Deaths in bestimmten Computerspielen, schlägt die Internetsuche vor.

&#xE80F

Die Buchstaben KD im Kennzeichen sollte ich mir unbedingt näher ansehen.

Aber nein, meinen die Schreiber, das steht für Deniz Kurku rückwärts. Der niedersächsische Landesbeauftragte für Migration und Teilhabe hat doch eingeräumt, dass die Fluchtwagenfahrerin seine Schwiegermutter ist! Der hängt da mit drin! Und hat er nicht auch ein Empfehlungsschreiben für diesen betrügerischen Integrationsverein auf dem Kronsberg verfasst? Da sieht man es mal wieder: alle unter einer Decke!

Ich warte jetzt eigentlich stündlich darauf, dass mir jemand erklärt, wie Belit Onay, Cem Özdemir und das Biontech-Gründerpaar da mit drin hängen. Und der ganze Deep State. Es gibt allerdings eine konkurrierende Theorie. „KD“ könnte auch für den Arbeitgeber der Frau stehen, die genauso heißt wie die Mitbewohnerin des Täters. Die hat zwar nichts damit zu tun, aber trotzdem …

Ich habe auch noch eine eigene Theorie entwickelt: Wenn man die Quersumme der Ziffern in dem Kennzeichen mal zwei nimmt, kommt man nämlich auf 22. Und wenn man ein „F“ wie in „Fxxx xxx“ dazu stellt, kommt man auf den ICD-10-Code für anhaltende wahnhafte Störungen.

  • informationsspiegel

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