Neuer Frankfurt-„Tatort“: Wenn Murot tief taucht und trotzdem an der Oberfläche bleibt

Ist dieser Tatort nun ein großer Spaß, ein dumpfer Schmarren oder hat er eine tiefere Bedeutung? Am passendsten ist wohl ein Spruch, der zum Ende dieser Geschichte hin fällt, „trivial ist sie trotzdem“. Denn dass wir alle ein inneres Kind haben, das verletzt worden ist und verletzt hat, das nicht aufgearbeitet ist und das manche Antworten bereithielte auf unsere erwachsenen Fragen – das ist so unbekannt nicht.

Am Kind liegt es eh nie, auch in diesem „Murot“-Tatort nicht. Das Kind ist gut, es spielt vor allem sehr gut. Der im Film fünfjährige, im wirklichen Leben schon zwei Jahre ältere Lio Vonnemann ist dabei aber halt der einzige in diesem Krimi, dem man seinen Charakter glaubt; und möglicherweise ist die interessanteste Frage bei der ganzen Sache, warum das so ist.

Warum nimmt der kleine Lio seine künstlerische Arbeit ernst – oder darf und soll sie ernst nehmen –, und alle anderen, von Regie, Autor bis hin zu den deren Ideen Verkörpernden kaspern rum oder chargieren?

Dr Schneider (Robert Gwisdek), Eva Hütter (Nadine Dubois) und Felix Murot (Ulrich Tukur) (v.l.n.r.)

Foto: Dietrich Brügge/Senator/ARD

Ist es vielleicht so, dass die Kindheit die letzte ironiesichere Bastion unserer Gesellschaft ist? Und wäre aber wiederum das nicht ein vielversprechender Ansatzpunkt gewesen für eine ja doch irgendwie in einer kritischen Tradition sich verortende Fernsehspielreihe?

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​ Frankfurt-„Tatort“:

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Leidende Seele neu erschlossen

Aber bevor wir uns die Gedanken anderer Leute machen, machen wir erst mal unseren Job: Kommissar Murot (Ulrich Tukur) hat Probleme, gegen die kein Zahnarzt hilft, das ermittelt seine Kollegin blitzschnell. Murot ist in Therapie, und zwar einer so unrealistisch-erfundenen wie technisch avancierten, die ihm seine leidende Seele noch mal ganz neu erschließt.

Eva Hütter (Nadine Dubois) sitzt derweil mit ihrem fünfjährigen Sohn Benjamin (genanntem Lio Vonnemann) beim Familiengericht, der Realismus ist hier schon etwas forciert, in dem Sinne, dass sich niemand um Anwesenheit und Wohlergehen des Jungen bei der heftigen Verhandlung zu kümmern scheint, bis eben seine Mutter, vom Entzug des Sorgerechts bedroht, mit ihm wutentbrannt abzischt, also ihn entführt.

Die Mutter versteckt sich mit Lio in einer abgelegenen Waldhütte, die Polizei sucht sie, also Kommissar Murot. Das alles ist so inszeniert und gespielt, dass es beim Komödienstadel durchfallen würde. Weil die Mutter die versprochenen Frühstücksflocken vergessen hat, fährt sie noch mal los – wer Kinder hat, weiß: Das ist realistisch!

Im Örtchen nimmt ein Polizist so unrealistisch offensichtlich ihre Spur auf, dass die Mutter Eva panisch wird und einen Unfall baut, der sie ins Koma bugsiert. Und wo ist nun das Kind? Das müssen Murot und Kollegin Magda Wächter (Barbara Philipp) natürlich rausfinden. Und Murot hat die naheliegendste aller Ideen: Könnte man die Seelenerkundungsmaschine seines Psychiaters nicht mit der Komatösen verbinden und so die Information bekommen, wo Benjamin ist?

Man kann sich das von der Planung des Tatort-Teams durchaus vollrealistisch so vorstellen, „hey, bei ‚Twin Peaks‘ und ‚Stranger Things‘, da machen die da doch auch so abgefahren-suprarealistische Geschichten – das machen wir auch! Aber so ironisch gebrochen halt!!“

Für eine solche Herangehensweise gibt es Namen: Sie sind Größenwahn und Dilettantismus. Dass man beim Kind noch Restscham hat und vor solchem Vorgehen zurückschreckt, wurde schon erwähnt. Und mehr fällt einem wirklich nicht mehr ein.

  • informationsspiegel

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