
Der vor knapp drei Wochen ausgebrochene neue Bürgerkrieg in Äthiopien weitet sich zu einem internationalen Konflikt aus. Eritrea, dessen Regierung die äthiopischen Rebellen politisch unterstützt, schickte vergangene Woche seine Armee über die Grenze, um die aufständische Tigray-Volksbefreiungsfront (TPLF) in der nordäthiopischen Region Tigray auch militärisch zu unterstützen.
Die Aktion sollte verhindern, dass Äthiopiens Armee Tigray komplett erobert. Die nordäthiopische Region hatte sich 2025 erneut vom äthiopischen Zentralstaat losgesagt – regiert wird sie von der ehemaligen Guerillabewegung TPLF, die 2020 bis 2022 schon einmal einen blutigen Krieg gegen Äthiopiens Regierung geführt hatte. Am 20. September gründete die TPLF zusammen mit Verbündeten in anderen Landesteilen eine Rebellenallianz, die am 23. September Angriffe startete. Schon nach wenigen Tagen aber wendete sich das Blatt, die TPLF zog sich kampflos aus Tigrays Hauptstadt Mekelle zurück und hinterließ diese den vorrückenden äthiopischen Streitkräften.
Gemeinsam mit loyalen Tigray-Milizionären hat Äthiopiens Armee seitdem weitere Orte in Tigray besetzt, während sich die Tigray-Rebellen nach Norden an die Grenze zu Eritrea zurückzogen. Nach äthiopischen Berichten floh die TPLF-Führung sogar komplett nach Eritrea.
Wie in allen Phasen dieses Krieges gibt es zahlreiche widersprüchliche Informationen. Unabhängigen Analysen zufolge überquerten 5.000 bis 8.000 eritreische Soldaten vergangene Woche – der genaue Zeitpunkt ist umstritten – die Grenze nach Tigray, sie bewegten sich mit gepanzerten Fahrzeugen nach Süden Richtung Mekelle und erreichten die Stadt Adigrat, bevor sie von äthiopischen Drohnenangriffen gestoppt wurden und sich zurückzogen. Seit Samstag stehen äthiopische Soldaten in Adigrat. Ob sie auch die historische Klosterstadt Axum weiter westlich erreicht haben, blieb am Sonntag unklar.
Gegenseitige Schuldzuweisungen
Äthiopien und Eritrea überziehen sich gegenseitig mit öffentlichen Schuldzuweisungen. Die äthiopische Regierung sprach am Freitag in einem Brief an die Vereinten Nationen von einer „flagranten Aggression“, gegen die man das „inhärente Recht auf Selbstverteidigung“ ausübe, und verlangte am Samstag eine Verurteilung Eritreas durch den UN-Sicherheitsrat.
Eritreas Regierung verlangte ihrerseits eine Verurteilung Äthiopiens. Am Samstag sprach sie in ihrer Antwort an die UNO von einer „Kriegserklärung“ Äthiopiens, das „sein lang geplantes Projekt einer Invasion Eritreas“ in die Tat umsetzen wolle. Gemeint ist damit die Unterstellung, Äthiopien wolle sich den eritreischen Hafen Assab am Roten Meer einverleiben, um einen eigenen Meereszugang zu erhalten.
Äthiopien verlor seinen Meereszugang, als Eritrea 1993 unabhängig wurde. Gemeinsam mit den Tigray-Rebellen der TPLF hatten eritreische Befreiungskämpfer zuvor Äthiopiens Regierung gestürzt. Äthiopiens neue TPLF-geführte Regierung und der neue Staat Eritrea entzweiten sich aber schnell und führten 1998 bis 2000 einen blutigen Krieg um ihre nicht eindeutig festgelegte Grenze in den Bergen von Tigray gegeneinander, der mit einer eritreischen Niederlage und einem nur teilweise umgesetzten UN-vermittelten Friedensabkommen endete.
Als 2018 in Äthiopien Ministerpräsident Abiy Ahmed an die Macht kam, schloss er Frieden mit Eritrea, und beide Regierungen bekämpften 2020 bis 2022 gemeinsam einen Aufstand der TPLF in Tigray. Nun aber haben TPLF und Eritrea wieder zusammengefunden – wobei die Verbrechen, die eritreische Soldaten im Krieg von 2020 bis 2022 gegen die tigrayische Zivilbevölkerung verübten, bei den Menschen noch sehr präsent sind. Es mehren sich Berichte, dass viele Tigrayer jetzt die TPLF ablehnen, weil sie gemeinsam mit dem verhassten Eritrea operiert, und nun anders als im letzten Krieg den Vormarsch von Äthiopiens Armee begrüßen.
Zugleich aber wächst die Sorge vor direkten Kämpfen zwischen Äthiopien und Eritrea. Dass beide Regierungen sich an die UNO wenden, werten manche allerdings als positives Signal. „Indem Äthiopien erst die UNO aufruft, den Rückzug eritreischer Truppen aus äthiopischem Gebiet sicherzustellen, zeigt es, dass es vorerst Zurückhaltung walten statt einen vollen Krieg starten will“, schreibt der Analyst René Lefort. UN-Generalsekretär António Guterres hatte zuvor in einer Erklärung „tiefe Sorge“ über die Lage in der Region geäußert.






