Neues Ukraine-Museum in Berlin: Krieg zum Anfassen

Ein kaputter Helm baumelt von der Decke, er hat einmal einem russischen Soldaten gehört. Der Helm ist echt, kein Replikat. Wenn man genauer hinsieht, erkennt man einen Durchschuss: Der Soldat, der ihn trug, ist tot.

Der Helm ist ein Ausstellungsstück des neuen Ukraine-Museums im Berlin Story Bunker nahe dem Anhalter Bahnhof. Die Schau im ehemaligen Weltkriegsbunker hat am Dienstag zum vierten Jahrestag des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine eröffnet – und will nach eigenen Angaben die Härte des Krieges erlebbar machen. Wer will, kann den Helm nicht nur ansehen, sondern auch anfassen.

Der Andrang hält sich am Dienstagvormittag in Grenzen. Die wenigen Be­su­che­r:in­nen lesen sorgsam die Texte der unzähligen Infotafeln und streifen bedächtig an den ausgestellten Objekten vorbei. Wer sich hier aufhält, ist umgeben von Überresten des Krieges, demoliertem Equipment und Bildern von Tod und Zerstörung.

Die Ausstellung zeigt eine Chronik der Invasion. Beginnend bei den historischen Ursprüngen des Konflikts bis hin zur Erkenntnis, dass die Ukraine der Zerstörung zum Trotz resilient bleibt – und bleiben muss. Dabei ist die Stimmung beklommen. Ein älteres Paar ist gemeinsam gekommen. „Wenn ich das hier sehe, muss ich weinen“, erzählt die Frau. Im Vorbeigehen schüttelt der Mann den Kopf. Man könne das alles nicht fassen, sagt er.

Be­su­che­r:in­nen im Fadenkreuz

Im ersten Raum können sich Be­su­che­r:in­nen über einen Monitor selbst betrachten. Der Bildschirm zeigt sie aus der Perspektive russischer Drohnen, bevor sie zum tödlichen Schuss ansetzen.

Neben solchen „immersiven“ Darstellungen stehen in der Ausstellung persönliche Kriegserfahrungen im Vordergrund. So etwa die Geschichte von Julia, die 2022 mit zwei Kindern von der Krim floh. Nur einen Rucksack hatte sie im Gepäck. Auch den können sich Be­su­che­r:in­nen ansehen, er steht gegen eine Wand gelehnt auf dem Boden – versehen mit der Aufforderung, einmal selbst zu überlegen, was sie auf der Flucht alles mitnehmen würden.

Der ukrainische Journalist Roman Sukhan führt am Dienstag durch die Räume. Ein maßstabsgetreuer 3D-Druck einer Rakete ragt aus der Wand, die restlichen Exponate seien alle echt, sagt er. Ein großes Foto zeigt den Schaden, den die Rakete damals verursacht hat. Bei dem Einschlag sei ein Freund gestorben, erzählt Sukhan.

Die Ausstellung sollte eigentlich schon im vergangenen September eröffnet werden, aber ein wichtiges Exponat fehlte damals noch: ein Kleinbus, der durch einen russischen Drohnenangriff beschädigt wurde. Bei dem Vorfall kam einer der Insassen ums Leben. Jetzt steht der zertrümmerte Wagen im Museum. Dahinter läuft ein Video, es zeigt den Angriff und die letzten Momente im Leben des Todesopfers.

Das Objekt ist ein weiteres Beispiel für den Ansatz des Museums, die Be­su­che­r:in­nen in die gar nicht so ferne Realität des Krieges eintauchen zu lassen. Wer hier hinkommt, soll sich überwältigen lassen. Es ist eine Gratwanderung zwischen schonungsloser Dokumentation und effekthaschender Inszenierung.

  • informationsspiegel

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