Pinkeln im See: In Fließgewässern

W er sich an einem knallheißen Tag in Berlin zum Baden an den Schlachtensee begibt, zum Beispiel, und dann mit 200 anderen Fahrgästen aus der S-Bahn steigt, den erwartet am Ende der Treppe, unten, wo es zur Badewiese geht, ein höchst beunruhigender Anblick.

Der Anblick ist das barrierefreie Toilettenhäuschen, mit Münzeinwurf zu bedienen. Das Problem ist nicht das blitzblanke Häuschen an sich. Sondern, dass es weit und breit nur eins davon gibt.

Die Boomerin hat sich an diesem Samstag bei 38 Grad mit ihrer Jugendfreundin S. hergeschleppt, zum Schwimmen in freier Natur.

„Rechne doch mal aus“, sagt die Freundin, als wir uns inmitten der Menge ein handtuchkleines Plätzchen auf der Wiese erkämpft haben, „aus der S-Bahn quellen immer so um die 200 Leute, die S-Bahn fährt alle zehn Minuten, in einer Stunde sind das 1.200 Menschen, in fünf Stunden 6.000 Personen. Hinzu kommen Autofahrer:innen, Rad­fah­re­r:in­nen – das macht vielleicht an die 10.000 Menschen, die heute in den See steigen. Und die müssen irgendwann mal. Aber wohin? Jedenfalls nicht in die einzige öffentliche Toilette, da braucht man nicht gut im Rechnen zu sein.

In Ufernähe

Der Schlachtensee hat eine Fläche von 421.000 Quadratmetern, eine durchschnittliche Tiefe von 4,70 Metern und ein Wasservolumen von 1,9 Millionen Kubikmetern Wasser, Wikipedia sei Dank. Die durchschnittliche Urinmenge eines Menschen beim Pinkeln liegt bei 300 Millilitern, das macht bei 10.000 Badegästen ein Pinkelvolumen von 3 Millionen Millilitern, also 3.000 Litern an diesem Tag, mindestens.

„1,9 Millionen Kubikmeter Wasser sind 1,9 Milliarden Liter Wasser, so viel hat der Schlachtensee, eigentlich doch eine ganze Menge“, sagt S., sie hat den Taschenrechner auf dem Handy aufgerufen.

„Diese Wassermenge geteilt durch die Pinkelmenge von 3.000 Litern macht: 630.000. Auf einen Liter Urin kommen 630.000 Liter Seewasser, also das verdünnt sich.“ „Aber die meisten Leute pinkeln in Ufernähe und nicht in vier Metern Tiefe“, gebe ich zu bedenken. Ich habe immer ein leicht ekliges Gefühl, wenn ich Badegäste in Ufernähe brusttief im Wasser stehen sehe mit diesem erst gestressten Blick und dann dem plötzlichen entrückten Lächeln, das umso mehr Ekelgefühle erzeugt, je erleichterter es wirkt.

„Pinkeln im Badegewässer ist auch ein bisschen Gleichberechtigung, feministisch gesehen“, doziert S. Es stimmt, Männer können fast überall in der Natur mal eben pinkeln, auch in versauten ICE-Klos ist es für sie kein Problem. Während wir Frauen im ICE unwürdig über der Schüssel herum balancieren und uns an Griffe klammern … Wenn Frauen in offenen Gewässern weit draußen beim Freiwasserschwimmen pinkeln, ist das auch etwas Gleichberechtigung, die frau sich zurückholt.

Eine Art Pflanzendünger

„So richtig gesundheitsschädlich ist Urin jedenfalls nicht“, sagt S. und erzählt mir die Geschichte des indischen Premierministers Morarji Desai, der öffentlich dazu riet, jeden Morgen ein Gläschen vom eigenen Urin für die Gesundheit zu trinken.

Aber was macht die Pinkelei mit den Tieren und Pflanzen im See? Fachleute der Berliner Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt klären mich später auf: Urin besteht zu 95 Prozent aus Wasser, „angereichert mit Nährstoffen, vor allem Stickstoff“. Dieser ist eine Art Pflanzendünger.

Viel Pinkelei kann also eine Art Überdüngung durch den Menschen zur Folge haben. Aber: „Ein ‚Umkippen des Sees‘ durch Algenmassenentwicklungen und Sauerstoffschwund mit Fischsterben durch Urineinträge ist eher auszuschließen“, heißt es in der Erklärung aus der Umweltverwaltung.

Besonders fließende Gewässer oder Seen mit Zufluss und Abfluss wie der Schlachtensee kommen mit dem „Urineintrag“ der Badenden gut zurecht. Bei kleinen, von Grundwasser gespeisten Seen sieht die Sache womöglich anders aus. Hier könnten durch besonders viele Badegäste „durchaus Veränderungen in der Artenstruktur der Wasserorganismen“ auftreten, so die Umweltverwaltung.

In Wien hat die Stadtverwaltung die Badegäste ermahnt, nicht mehr in die Alte Donau, den Altarm des Flusses, zu urinieren. „Naturgewässer sind kein WC“, sagte der Chef der Wiener Gewässer, Gerald Loew, gegenüber dem ORF-Rundfunk. Es drohe mit der Überdüngung durch den Urin ein explosionsartiges Algenwachstum und damit eine dichte Schicht an der Oberfläche, unter der alles Leben abstirbt. Zumal der Wasserstand allerorts sinkt, was die Verdünnung erschwert.

Deswegen fährt man im Sommer in Berlin nicht mehr so gern zum Teufelssee zum Schwimmen. Es ist ein kleiner, nur von Grundwasser gespeister See ohne weiteren Zufluss, ein sogenannter „Himmelsteich“. Nein danke.

„Irgendwie fühlt man sich beim Baden im See besonders mit der Natur verbunden“, philosophiert S., „da erscheint die Pinkelei irgendwo weit draußen beim Freiwasserschwimmen in gewisser Weise natürlich“. „Was man im gefliesten Freibad nicht gerade behaupten kann“, sage ich.

Wenn ich im Sommerbad Neukölln schwimme, hoffe ich inständig, dass niemand, wirklich niemand der Mitschwimmenden auf die Idee kommt, heimlich in das Becken zu urinieren. Als ich klein war, wurde uns vom Bademeister erzählt, dass jeder, der ins Becken pinkele, durch eine violette Färbung des Pipis im Wasser sofort enttarnt würde. Was natürlich Quatsch war, aber die Drohung wirkte. Der Urin, so lese ich im Internet, verbindet sich mit dem Chlor im Becken auf höchst ungute Weise zu gesundheitlich abträglichen Stoffen.

Der US-amerikanische Profischwimmer Michael Phelps hat vor vielen Jahren mal öffentlich zugegeben, dass alle Athleten in den Pool pinkeln, weil man während des harten, langen Trainings gar keine Gelegenheit habe, zur Toilette zu gehen. Was für ein Glück, nicht unter Profischwimmern im Hallenbad seine Bahnen ziehen zu müssen.

Aber vielleicht sollten S. und ich an diesem Samstag noch ein Stück weiter am Schlachtenseeufer Richtung Südwesten pilgern. Am Südwestende des Sees gibt es zwar keine Badewiese, aber einen Zulauf, der beständig gefiltertes frisches Wasser in den See fließen lässt. Auskenner lassen sich am liebsten dort behutsam durch das Strauchwerk ins frische Wasser gleiten. Man weiß ja nie.

  • informationsspiegel

    Related Posts

    Die Wunderkammer von Lothar Osterburg: Vom Bildrand kuckt das Mädchen mit dem Weinglas
    • August 9, 2026

    Lothar Osterburg legt im Herzog Anton Ulrich Museum in Braunschweig einen traumschönen Parcours durch die Kunstgeschichte – mit irritierendem Maßstab. mehr…

    Weiterlesen
    Waldbrände in Kanada: Tausende müssen ihre Häuser verlassen, ganze Orte werden evakuiert
    • August 9, 2026

    In der westkanadischen Provinz British Columbia breiten sich Waldbrände rasant aus. Jetzt hat die Provinzregierung den Notstand ausgerufen. mehr…

    Weiterlesen

    Nicht verpassen

    Die Wunderkammer von Lothar Osterburg: Vom Bildrand kuckt das Mädchen mit dem Weinglas

    • 3 views
    Die Wunderkammer von Lothar Osterburg: Vom Bildrand kuckt das Mädchen mit dem Weinglas

    Waldbrände in Kanada: Tausende müssen ihre Häuser verlassen, ganze Orte werden evakuiert

    • 4 views
    Waldbrände in Kanada: Tausende müssen ihre Häuser verlassen, ganze Orte werden evakuiert

    Bedrohung der liberalen Demokratie: Macht es bum in Sachsen-Anhalt?

    • 4 views
    Bedrohung der liberalen Demokratie: Macht es bum in Sachsen-Anhalt?

    Verhandlungen um die Straße von Hormus: Iran stellt neue Forderungen an die USA

    • 3 views
    Verhandlungen um die Straße von Hormus: Iran stellt neue Forderungen an die USA

    Erhebungen in der Stadt: Hauptsache, Berge

    • 5 views
    Erhebungen in der Stadt: Hauptsache, Berge

    Kooperation trotz Moskau-Nähe Belgrads: Warum Selenskyj bei Vučić war

    • 6 views
    Kooperation trotz Moskau-Nähe Belgrads: Warum Selenskyj bei Vučić war