„Unsere Sporthalle schimmelt und überall fehlen Lehrer“
Wir leben in Seine-Saint-Denis, dem ärmsten Département Frankreichs. Das Aufwachsen hier unterscheidet sich von dem in Paris. Trotzdem mag ich meine Nachbarschaft sehr. Mein Umfeld ist zwar nicht so privilegiert. Aber meine Eltern haben Arbeit, ich lebe in stabilen Verhältnissen.
Die Probleme an meiner Schule sind groß. Das merke ich, obwohl ich erst seit September dort bin. Es ist mein erstes Jahr am Lycée, der Oberstufe. Unsere Sporthalle schimmelt. Wir können die Umkleiden nicht mehr benutzen. Überall fehlen Lehrer. Ich habe für manche Fächer noch gar keinen Lehrer gesehen.
Es macht mich sauer, wie ungleich die Situation an den Schulen ist. Die Regierung steckt zu wenig Geld in den öffentlichen Sektor. Nach der Mittelschule sind daher viele meiner Freunde auf ein Lycée in Paris gewechselt. Die in den Vororten haben einen schlechten Ruf. Bei der Bewerbung um Studienplätze hat man damit keine guten Karten. Die Vergabeplattform „Parcoursup“ sortiert Leute wie mich systematisch aus.
Wir kämpfen mit den Protesten gegen all das an. Ich beteilige mich, damit die Bewegung nicht erstickt wird. Ich mache das auch für kommende Generationen – eigentlich für alle. Meine Mutter ist Lehrerin. Auch sie ist direkt von den Problemen betroffen. Sie unterstützt mich.
wochentaz
Dieser Text erschien zuerst in der wochentaz, unserer Wochenzeitung von links!
In der wochentaz geht es jede Woche um die Welt, wie sie ist – und wie sie sein könnte. Eine linke Wochenzeitung mit Stimme, Haltung und dem besonderen taz-Blick auf die Welt. Jeden Samstag neu am Kiosk und natürlich im Abo.
Es ist mein erster großer Protest. Wenn ich morgens um acht an der Schule ankomme, haben die älteren Schüler schon die Mülleimer für die Blockaden aufgebaut. Es gibt nicht überall nur Schlägereien. Bei uns in Bagnolet haben wir während der Besetzungen Karaoke gesungen, gegrillt und Banner bemalt. Aber auch hier kam die Polizei mit Helmen und Tränengas. An einem Tag kamen sie auch mit Autos an, wie man sie im Krieg sieht. Große, gepanzerte Lastwagen.
Am Samstag der großen Proteste war ich schon in der Métro auf dem Weg in die Stadt. Dann habe ich erfahren, dass viele Menschen mit Tränengas besprüht wurden. Ich bekam Angst vor der Polizei und bin umgekehrt. Ich habe den Eindruck, dass die Regierung die Herbstferien bis Anfang November abwartet. Sie hofft, dass es danach vorbei ist. Dass wir das Feuer löschen. Aber wir wollen nicht aufgeben, bis wir uns Gehör verschafft haben. Es gibt mehr Geld für die Armee als für die Schulen. In einem offenen Brief fordern wir einen Zeitplan für die Sanierung der Gebäude, eine Überarbeitung der Vergabekriterien bei „Parcoursup“ und mehr Respekt für das Demonstrationsrecht.
Was mich wütend macht, ist auch, wie wir karikiert werden. „Die jungen Leute in den Banlieues sind gefährlich und gewalttätig“, wird viel gesagt. Auch wir haben ein Recht auf Bildung. Wir wollen nur Gleichheit. Das soll doch eigentlich ein französischer Wert sein. Aber anstatt uns zuzuhören, redet jeder über brennende Mülleimer.
Sofia, 15 Jahre, Lycée „Eugène Hénaff“ aus Bagnolet, einem Vorort von Paris
„In Frankreich gibt es keine echte Chancengleichheit“
Wir Studierende haben uns der Bewegung angeschlossen, um die Schüler in den Vororten Créteil und Saint-Denis zu unterstützen. Der Hauptauslöser für unsere Mobilisierung an Paris 8 war die schockierende Polizeirepression gegen die Jugendlichen. Dabei forderten sie lediglich Ressourcen, um in Würde lernen zu können.
Foto: Max Schlag
Wir konnten nicht untätig zusehen. Ich selbst habe Bewerbungsverfahren über „Parcoursup“ und „Mon Master“ durchlaufen. Diese Plattformen funktionieren als soziale und rassistische Filter. Ich komme aus einem privilegierten Umfeld, bin nicht in den Vororten aufgewachsen und erlebe keine rassistische Diskriminierung. Trotzdem war das Verfahren extrem stressig. Das System selektiert stark nach dem Ruf der Schule. Wer ein bekanntes Gymnasium besucht hat, bekommt fast alle Wünsche erfüllt. Absolventen unbekannter Schulen haben selbst mit hervorragenden Noten kaum Chancen. In Frankreich gibt es keine echte Chancengleichheit.
Wie an den Schulen fehlt es auch bei uns an vielem. Uns im Kunstbereich trifft das besonders. Vor Ort gibt es kaum Räume zum Üben. Den Lehrern fehlt das Budget für Ausrüstung und Kursmaterial. In Lehrveranstaltungen gibt es oft nur 10 Plätze für über 30 Studierende. Im vergangenen Jahr saßen wir in einem Kurs mit 45 Leuten hinten auf dem Boden. Es gab weder Stühle noch Tische. In diesem Jahr wurde sogar ein Kurs abgesagt, weil die Lehrkraft nicht bezahlt werden konnte. Auch die Bausubstanz ist in manchen Gebäuden veraltet. Es gibt viel zu wenige Toiletten.
Die eigentliche Gewalt geht meiner Meinung nach systematisch von der bewaffneten Polizei aus
Unsere Hochschule ist als linke Universität bekannt. Aber nach den Blockaden schloss die Verwaltung die Gebäude. Wir wurden ausgesperrt und hatten keinen sicheren Ort mehr. Daher besetzen wir die Hochschule jetzt dauerhaft und schlafen auch hier. Wir knüpfen an die Tradition einer offenen Universität an, die für alle zugänglich ist: für Studierende, Schüler und Arbeiter.
Die Universitätsleitung hat bisher keine Polizei auf den Campus gerufen. Bei Demonstrationen erleben wir dagegen heftige Polizeigewalt mit Tränengas und Einkesselungen. Wir haben uns fast schon daran gewöhnt. Es ist fast wie eine Routine. Viele von uns gehen mit Schwimmbrillen und Masken auf die Straße – auch am Samstag bei den großen Protesten. Die eigentliche Gewalt geht meiner Meinung nach systematisch von der bewaffneten Polizei aus. Sie setzt, wie ich finde, „Kriegswaffen“ ein. Das hat Schülern schwere Verletzungen zugefügt, bis hin zum Verlust von Augen oder Händen.
Die Polizeigewalt gegen Kinder öffnet selbst älteren Generationen die Augen. Sie führt zu einer Konvergenz der Kämpfe. Bei den Wahlen hoffe ich auf einen Erfolg der Linken, vor allem von La France insoumise. Das ist das Beste, worauf wir hoffen können, um Frankreich zum Guten zu verändern.
Man spürt es überall: In der ganzen französischen Gesellschaft herrscht tiefe Erschöpfung. Die Lebenshaltungskosten und Mieten steigen, Benzin kostet über 2 Euro pro Liter, die Löhne stagnieren. Viele Menschen haben das Gefühl, nichts mehr verlieren zu können. Es braucht einen Generalstreik der Arbeiter. Und wir führen ihn an.
Coline, 23 Jahre, studiert an der Universität Paris 8







