Wenn über Kyjiw das Entwarnungssignal ertönt, ist es noch lange nicht vorbei. Rettungskräfte durchsuchen Trümmer, Straßenreiniger entfernen Glasscherben und ausgebrannte Autos, Notärzte kämpfen um das Leben Verwundeter – und diejenigen, die ihre Wohnungen verloren haben, stehen am Nullpunkt.
Um zu wissen, welcher Teil von Kyjiw am härtesten getroffen wurde, folgt man einfach seiner Nase. Der bittersüßliche Geruch des Qualms nach den Angriffen hängt schon seit Wochen über der Ruine eines verkohlten Einkaufszentrums, einem Markt und zerstörter Wohnblocks.
„Hier in Lukianivka haben wir uns an den Brandgeruch gewöhnt“, witzelt die Verkäuferin Viktoriia Skoropys, ohne zu lächeln. „Wir haben aufgehört, die Angriffe zu zählen. Die Leute hier verdienen den Veteranenstatus für die Zahl der Einschläge, die sie aushalten mussten.“
Viktoriia hat selbst viel ausgehalten. Am 14. Mai zerstörte ein Angriff ihr Auto. Am 24. Mai zerbarsten bei einem weiteren Angriff die Fenster ihrer Wohnung. Am 2. Juni musste sie sich die ganze Nacht mit ihren Haustieren vor den Raketen verstecken. „Zehn Minuten von meinem Haus entfernt wurden Menschen getötet“, sagt sie. „Es ist überall um uns herum kaputt.“
Wenn die Katze einem das Leben rettet
Die 45-Jährige begleitet ihre gleichaltrige Freundin Iryna Kosenko, die sehen möchte, was von ihrem Wohngebäude übrig ist. Die beiden Frauen schauen nun auf ein Haus auf der anderen Straßenseite, dessen Haupteingang nicht mehr existiert.
Foto: Oleksii Filippov
„Heute lässt die Polizei uns zum ersten Mal wieder in das Haus“, sagt Iryna. „Aber ich habe Angst reinzugehen. Mein ganzes Leben ist ein Haufen Asche. Die Rakete traf das Gebäude direkt. Hinterher rief ich alle meine Nachbarn an. Eine ging nicht ans Telefon. Sie wurde getötet. Ich habe überlebt, aber alles verloren. Ich weine jeden Tag.“ Dann verbirgt die blonde Frau ihre Tränen hinter ihren Händen.
Ihr Leben verdankt Iryna ihrer Katze. Die hatte sie wegen des sich häufenden Beschusses zu ihrer Schwester gebracht – es ist schwer, Haustiere zu evakuieren, wenn Raketen fliegen. Weil ihre Schwester in dieser Nacht nicht da war, war die Katze allein. „Ich entschloss mich in letzter Minute, dorthin zu fahren. Ich dachte, ich würde sie retten. Nun hat sie mich gerettet“, erzählt Iryna und starrt auf die schwarze Mauer, hinter der sich einst ihr Wohnzimmer befand.
Ihre Wohnung existiert nicht mehr. Die Erbstücke ihres Großvaters, die Fotos ihrer Eltern, ihre Wintersachen – alles verbrannt. Nun ist Iryna ganz zu ihrer Schwester gezogen. Kyjiws Behörden bieten Ausgebombten die Aufnahme in städtische Schlafsäle und Sanatorien an. „Manche Nachbarn haben die Notunterkünfte angenommen, aber die Bedingungen sind sehr schlecht: ein großer Saal mit vielen Leuten am Rande der Stadt. Aber wenn man nichts hat, was soll man machen?“
Iryna hat als Wohnungslose um städtische Hilfe gebeten – umgerechnet knapp 400 Euro gibt es – und wartet auf das Geld. Ihre Freunde haben für sie Geld gesammelt. Auf einem Treffen für die Ausgebombten wurde angekündigt, dass das Haus wiederaufgebaut werden soll. „Alle in den Behörden sind sehr nett“, sagt Iryna. „Sie versuchen, uns zu helfen. Aber niemand kann uns sagen, wann der Wiederaufbau beginnt.“
Glasscherben einsammeln, Autowracks bergen
Weniger als eine Woche nachdem Iryna ihre Wohnung verlor, starben bei einem erneuten Angriff laut Kyjiws Bürgermeister Vitali Klitschko sieben Menschen, rund 90 wurden verletzt. Wieder wurde der Shevchenkivskyi-Distrikt nahe der U-Bahn-Station Lukianivska getroffen. Eine Woche später dauern die Aufräumarbeiten noch an. Im strömenden Regen trägt ein Kran Trümmer ab.
„Manche der Leute hier sind nach dem Angriff fortgegangen, andere leben noch hier“, erzählt Oleh, ein 58-jähriger Haustechniker des Wohnkomplexes. „Jeden Tag räumen wir Trümmer weg, damit niemandem etwas auf den Kopf fällt und kein Kind verletzt wird.“ Er sammelt Glasscherben ein, neben einem Blumengesteck und den Kerzen, die im Gedenken an die Getöteten hier aufgestellt wurden.
In der Nacht auf den 2. Juni traf eine Rakete eine Familie, die gerade in Richtung eines Schutzraums rannte. Die beiden kleinen Söhne, zwei und vier Jahre alt, haben überlebt, ihre 29-jährige Mutter starb im Krankenhaus an ihren schweren Verletzungen.
„Der Vierjährige wurde mit einem Hämatom und Blutergüssen diagnostiziert“, erzählt Tetiana Lukianenko, Sprecherin des Kinderkrankenhauses Okhmatdyt. „Er wurde behandelt und in die Obhut von Angehörigen übergeben. Der Zweijährige erlitt einen Splitterbruch des linken Ellbogens und Wunden an Bauch und Gesicht. Zwei Operationen wurden bereits durchgeführt. Das Kind verbleibt im Krankenhaus und wir tun alles, was wir können, um die Beweglichkeit des Armes wiederherzustellen.“
Die Spuren der Angriffe bleiben auch sichtbar, nachdem die Glasscherben aufgefegt und die zerstörten Bäume entfernt wurden. Ausgebrannte Autowracks vergammeln an Straßenrändern. Viktoriia Skoropys ist eine von immer mehr Menschen in Kyjiw, die einst ein Auto besaßen und jetzt nur noch geschmolzenes Metall. Ihr Auto brannte auf einem Parkplatz bei einem Angriff aus, zusammen mit sechzehn anderen.
„Die Polizei dokumentierte die Zerstörung meines Eigentums am Tag des Angriffes, eine Weile später schleppte die städtischen Dienste mein Auto weg zu einem Schrottplatz“, erzählt sie. „Ich bekam von der Stadt 5.000 Hryvnia [knapp 100 Euro]. Das war’s.“ Sie zeigt auf ihrem Handy die Bilder: ein intakter roter Ford, dann ein verkohlter Metallhaufen. Ihr neues Auto musste sie auf Kredit kaufen, die staatliche Beihilfe reichte gerade für die Fußmatten.
„Ich bin Vertreterin, mein Auto brauche ich zum Lebensunterhalt“, sagt Viktoriia. „Jetzt zahle ich mein zweites Auto ab. Ich habe es jetzt gegen Raketeneinschlag versichert.“
Die kleinen kostbaren Momente
In vielen bombardierten Gebäuden gibt es auch Wochen später weder Wasser noch Strom, auch in ansonsten intakten Wohnungen. Im Bezirk Podil stehen Menschen jeden Tag Schlange vor einem orangen Zelt für eine heiße Mahlzeit. Freiwillige einer Hilfsorganisation verteilen Lebensmittel aus ihrer Feldküche.
„Wir versuchen, dort zu sein, wo wir gebraucht werden“, sagt Teamleiterin Daria Volkova und gießt Suppen in Plastikschüsseln. „Seit einer Woche verteilen wir nun Mahlzeiten an zwei Stellen in Kyjiw. Wir prüften die Lage und merkten, dass die Leute etwas zu essen brauchen. Heute gibt es Sandwiches und Suppe zum Mittagessen und Kartoffeln mit Huhn und Salat am Abend.“
Die Freiwilligen versorgen auch Rettungsteams. Ein junger Mann vom staatlichen Rettungsdienst vertilgt gerade seine Suppe im Zelt und telefoniert gleichzeitig mit seiner Mutter. „Mama, mach dir keine Sorgen“, sagt er entspannt. „Ich habe gegessen und ich habe meinen Helm auf.“ Daria Volkova lächelt still.
Das sind die kostbaren Momente für sie: wenn mitten im Drama die Menschen Luft holen können: „Nach diesen Angriffen kommen sich die Menschen völlig hilflos vor. Man geht auf sie zu, bietet ihnen etwas zu essen an, äußert ein paar Worte der Unterstützung, und manchmal überrascht man dann sich selbst beim Weinen, wegen dem, was man sieht. Manchmal brauchen die Menschen einfach eine Mahlzeit. Geh es ihnen körperlich besser, beginnen sie auch, sich besser zu fühlen. Man reicht ihnen die Hand und sagt ihnen: Du bist nicht allein.“







