Räumung von „Flüchtlingsbauten“: Athener Aktivist wiegt nur noch 35 Kilogramm

Sein Tod rückt näher. Die Bilder von Aristotelis Chantzis, der im Rollstuhl aus dem vordersten Häuserblock der Prosfygika in der Athener Innenstadt geschoben wird, schockieren. Der Hungerstreikende hat fast die Hälfte seines Körpergewichts verloren, er wiegt nur noch 35 Kilogramm.

Seit Montag liegt der Grieche im Athener Krankenhaus G. Genimatas. Sein Gesundheitszustand hatte sich zuletzt rapide verschlechtert. Am Tag seiner Einlieferung befand er sich seit genau 138 Tagen im Hungerstreik.

Chantzis geht es um die Prosfygika, auf Griechisch Flüchtlingsbauten, 8 Wohnblocks mit insgesamt 228 kleinen Wohnungen. Sie wurden ab 1933 im Bauhausstil errichtet, um griechischen Flüchtlingen, die aus der heutigen Türkei nach Griechenland geflohen waren, eine Unterkunft zu bieten.

Seit 2010 hat sich hier eine Gemeinschaft mit autonomer Verwaltung gebildet. Inzwischen leben in den Häusern mehr als 400 Menschen, darunter Migrant*innen, Geflüchtete, Griech*innen, alte sowie kranke Menschen und 50 Kinder.

Autonom verwaltete Gemeinschaft

Vor Ort gibt es dagegen keine Proteste. Im Gegenteil: Die Gemeinschaft ist unter anderem durch ihr Angebot von sozialen Diensten für alle in das Stadtviertel integriert. Dennoch: Nach den Plänen der konservativen Regierung in Athen unter dem Premier Kyriakos Mitsotakis und dem konservativen Gouverneur der Regionalverwaltung Attika, Nikos Chardalias, sollen die unter Denkmalschutz stehenden Wohnblocks geräumt und neugestaltet werden.

Konkret verabschiedete der Regionalausschuss am 6. Juni vorigen Jahres einen Beschluss zur „Sanierung von vier Wohnblöcken der Prosfygika für die Nutzung als Sozialwohnungen“. Zuletzt haben sich die Anzeichen darauf verdichtet, dass die Räumung bald erfolgen könnte.

Doch der Widerstand dagegen ist unerschütterlich. „Ich bin in einen Hungerstreik bis zum Tod getreten“, hatte Chantzis bereits zu Beginn klargestellt. Darin sehe er ein geeignetes Mittel, auf „einen kollektiven Kampf aufmerksam zu machen“, der die Wohnblöcke als Struktur der Solidarität für sozial Schwache und eine organisierte Gemeinschaft erhalten wolle, erklärte er.

Seit dem 1. Mai ist auch Suzon Doppagne, die ebenfalls in den Prosfygika wohnt, in Hungerstreik getreten. Chantzis und Doppagne fordern stellvertretend für die Gemeinschaft „die sofortige Aufhebung“ des besagten Beschlusses. Ferner wollen sie Garantien dafür, dass alle Be­woh­ne­r*in­nen in ihren Wohnungen bleiben können und die geplante Sanierung von der Gemeinschaft selbst mit eigenen Mitteln durchgeführt wird. „Kein einziger Euro an öffentlichen Geldern“ solle dafür verwendet werden.

Chantzis Gesundheitszustand ist kritisch

Am Dienstagnachmittag versammelten sich mehrere Tausend Menschen vor dem Athener Parlament, um den Forderungen der Gemeinschaft Nachdruck zu verleihen. Auch in Berlin ist für Donnerstag eine Demonstration angemeldet. Die Regionalverwaltung Attika bleibt jedoch hart und will bisher nicht in einen Dialog mit der Gemeinschaft eintreten. Solange die Hungerstreiks andauern, dürfte sie allerdings von einer Räumung absehen.

Sollte Chantzis sterben, wäre dies eine dramatische Zuspitzung. Der Grieche weist eine Hypoglykämie, Muskelabbau, Ödeme an den unteren Extremitäten und anhaltende Veränderungen im EKG auf. Die bereits aufgetretene Wernicke-Enzephalopathie, eine schwerwiegende neurologische Komplikation, die bei anhaltender Unterernährung auftritt, könnte zu seinem Tod führen.

Bevor er ins Krankenhaus gebracht wurde, sagte Chantzis mit letzter Kraft: „Der Kampf geht weiter. Wir werden bis zum Tod kämpfen, bis wir Recht bekommen. Wir tragen die Verantwortung für 400 Menschenleben, für unsere Gesellschaft. Wir werden siegen.“ Er machte dabei das Siegeszeichen. Getreu dem Motto des Kampfes der Prosfygika: „Entweder wir siegen oder wir siegen!“

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