E s wird Spätsommer, und ich denke über die Anschaffung eines Zylinders nach. Das liegt daran, dass die Felder gemäht, die Weinberge abgelesen sind und die Zeit der Erntedankfeste beginnt. Das berühmteste ist bekanntlich das Münchner Oktoberfest, wo man seit einigen Jahren, um nun auf die Mode und seltsame Kopfbedeckungen wie den Zylinder zurückzukommen, im Dirndl, in Lederhose und Janker auftauchen sollte, wenn man nicht auffallen will. Tracht hieß das früher, Landhausmode nennt man es heute.
Ich bin in München aufgewachsen, die Wiesn war für mich als Kind ein Muss, oder besser gesagt: gebrannte Mandeln, Schiffschaukel und Achterbahn – ohne Looping. Und noch etwas war Anfang der 1980er Jahre anders. Dirndl oder Lederhose sah man kaum. Sie dienten vor allem als Arbeitskleidung in den Bierzelten. Wer Münchner war, zeigte sich auf dem Oktoberfest in der normalen Straßenkleidung.
Es gab damals in der bayerischen Landeshauptstadt ein durchaus selbstbewusstes Verständnis von bürgerlichem Understatement. Man hatte nicht nötig, sich zu verkleiden, vor allem nicht als jemand vom Land. Ich bin damals aus München weggezogen. Auch weil sich die Verhältnisse völlig verkehrt haben – heutzutage sieht man in München nicht nur zum Oktoberfest, sondern das ganze Jahr über Menschen in Landmode gekleidet –, ist mir meine Geburtsstadt recht fremd geworden.
Irgendwie passt dazu, dass mir nun auf dem Land mitunter eine gänzlich städtisch-bürgerliche Mode als Festtracht begegnet – samt Zylinder. In Unterfranken sind Erntedankfeste oft in die Kirchweih übergegangen. Hier in Castell tragen die Männer an diesen Tagen Ende Oktober Schwarz: Gehrock und Zylinder. Es ist die städtische Kleidung von Mitte des 19. Jahrhunderts. Am Dienstag nach der Kirchweih werfen sie sich dann auch noch Gewehre über die Schulter und halten Parade.
Dieser Text erschien zuerst in der wochentaz, unserer Wochenzeitung von links!
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Das erinnert an Zeiten, als die hiesigen Fürsten ihre Untertanen an die Waffen zwangen, sehr wahrscheinlich bereits im Dreißigjährigen Krieg. Auch die Parade mit dem anschließenden Preisschießen ist sehr, sehr alt. Niemand kann mir sagen, warum sich die Männer dafür in einen Aufzug werfen, wie man ihn von der deutschen Revolution von 1848 kennt. Damals bildeten sich im republikanischen Geist an vielen Orten und besonders in Städten Bürgerwehren, um nach dem geglückten Aufruhr wieder für Ruhe und Ordnung zu sorgen.
Heute kann man sich für den Einsatz bei der Kirchweih in Castell melden. Vielleicht tun das einige, weil die Herren Zylinder tragen. Auch ich habe das Recht dazu. Aber ich merke: Noch fühle ich mich nicht ländlich genug, um in städtische Tracht zu steigen. Vielleicht im nächsten Jahr.






