Refugee-Karawane Tagebuch: Wie ein Gefängnis im Wald

Heute ist ein guter Morgen für mich – es ist der erste Tag, die Karawane beginnt. Ich bin etwas früher aufgewacht, habe mich auf den Samstag vorbereitet. Die Sonne geht gerade auf, das Wetter ist angenehm. Einige haben in Zimmern schlafen können, viele andere kommen nun aus den Zelten, in denen sie in der vergangenen Nacht gecampt haben. Es gibt Kaffee, Umarmungen, alle fragen sich gegenseitig, ob sie gut geschlafen haben.

Nach dem Frühstück steigen wir in Autos und fahren nach Mühlhausen, im Westen von Thüringen. Dort findet heute die Auftaktveranstaltung statt. Gleichzeit startet ein Bus mit einigen Ak­ti­vis­t:in­nen nach Obermehler. In dem Dorf leben 600 Flüchtlinge in einem abgelegenen Lager unter schwierigen Bedingungen.

20 Kilometer trennen die Menschen dort von Mühlhausen. Unter ihnen sind Frauen und Kinder ohne Integrationschancen, die vor Krieg, Hunger oder Verfolgung geflohen sind. Das Lager befindet sich in alten Militärbaracke, mitten im Nirgendwo. Kinder und Jugendliche leiden sehr unter der Isolation. Seit einiger Zeit gibt es Forderungen, dieses Lager zu schließen. Es gibt nur wenige Busverbindungen am Tag, der letzte fährt um 16:30 Uhr zurück. Manchmal stranden Menschen deshalb selbst im Winter am Bahnhof in Mühlhausen, wenn sie den Bus zurück ins Lager verpassen. Dass die Menschen dort so leben müssen, ist eine Missachtung ihrer Würde.

Auf dem Marktplatz von Mühlhausen beginnen alle Gruppen, ihr Material aufzubauen. Ich helfe dem Team, das einen Stand zur Bezahlkarte macht und der Gruppe, die sich um die Social Media-Postings von der Tour kümmert. Als wird fertig sind, kommt der Bus aus Obermehler. Es gibt Applaus und Pfiffe, die Flüchtlinge aus dem Lager werden willkommen geheißen.



Bild: privat


Muna Abdi

Die 28-Jährige stammt aus Hargeysa, der Hauptstadt von Somaliland. Sie hat dort an der Journalismus, Massenkommunikation und Öffentliche Verwaltung studiert. Nach sieben Jahren Berufstätigkeit in Somalia kam sie 2024 als Asylsuchende nach Deutschland. Für die taz schreibt sie bis zum 27. September ein tägliches Tagebuch von der Karawane für Bewegungsfreiheit.

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Schwieriege Lebensbedingungen in den Lagern

Muna Abdi am Shirtstand



Foto: Leona Goldstein


Leo ist eine der Aktivist:innen, die mit dem Bus beim Lager waren, um die Menschen abzuholen. „Als wir ankamen, nahm einer der Bewohner das Megafon und informierte die Menschen in verschiedenen Sprachen“, berichtet sie. Sie fragten die Menschen, ob sie mit dem Bus mitkommen wollten, viele waren bereit, sich der Demo anzuschließen. „Sie freuten sich sehr, an der Aktion teilzunehmen“, sagt Leo.

Tagebuch von der Refugee-Karawane ​

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Die geht nun los und es gibt Reden. Einige der Spre­che­r:in­nen forderten die Abschaffung der rassistischen Bezahlkarte, andere berichten von den Herausforderungen im Asylverfahren. Die meisten Beiträge aber handeln von den schwierigen Lebensbedingungen in den Lagern.

Einer der Spre­che­r:in­nen ist Hussein aus Syrien: „Zuerst war ich in Suhl, dann sechs Monate in Hermsdorf. Viele Menschen hier wissen, was das bedeutet“, sagt er. Es sei das Erstaufnahmelager in Thüringen mit den schlimmsten und wirklich unmenschlichen Bedingungen gewesen. Die Bewohner dort protestierten, danach wurde das Lager im Juni 2024 zunächst vorübergehend geschlossen.

„Nachdem wir in Hermsdorf Erfolg hatten, musste ich ein ganzes Jahr isoliert in Obermehler verbringen“, sagt Hussein nun. „Wir wurden dort uns selbst überlassen, und das schadet wirklich der Gesundheit. Wir brauchen eine Lösung, die dem wirklich ein Ende setzt.“ Und die einzige Lösung dazu sei die Schließung solcher Lager. „Die Menschen dort brauchen einen besseren Ort zum Leben. Beendet ihre Diskriminierung.“

Ein Gefängnis im Wald

Mit dieser Rede zieht Hussein auch eine Linie zu den Anfängen der Idee der Karawane: Im Sommercamp von We’ll Come United, 2024, hatten die Freund:innen, die da gerade erfolgreich für die Schließung des Lagers in Hermsdorf gekämpft hatten, vorgeschlagen, zu den anderen Unterkünften der Region zu fahren, um den Menschen zu zeigen, dass man gemeinsam Veränderungen erreichen kann. Und so sind wir nun heute hier, in Mühlhausen, mit den Menschen aus Obermehler.

„Ich bin jetzt seit mehr als drei Jahren an diesem Ort“, sagt ein Bewohner namens Yusuf. „Man kann sich niemals in die Gesellschaft integrieren, wenn man wie in einem Gefängnis im Wald lebt.“ Er hat einen Freund mitgebracht. Der könne nicht gut laufen. „Aber er muss Wasser kaufen und mit dem Bus transportieren, weil das Wasser im Lager nicht trinkbar ist.“ Die Ausländerbehörde behandle die Menschen unfreundlich, klagt Yusuf. „Wir finden keine Arbeit. Für 80 Cent pro Stunde bieten sie uns an, freiwillig zu arbeiten.“ Die Kinder in Obermehler hätten keinen guten Zugang zu Schule und Kindergarten. „Wir sind wirklich müde und haben genug davon.“

Ein anderer Bewohner, sein Name ist Abdulhadi, berichtet vom vergangenen Winter.„Wir hatten vier Tage mit Schnee und haben versucht, mit dem Bus zu fahren, um uns aufzuwärmen, weil die Heizung im Lager nicht ausreichte“, sagt er. Das Wasser sei nicht trinkbar, die öffentlichen Verkehrsmittel unzureichend. „Wir wollen, dass ihr das Lager schließt. Wir wollen Zugang zu Bildung und Arbeit“, schließt Abdulhadi seinen Beitrag.

Für mich war es bewegend und traumatisierend zugleich, die Reden der Menschen aus diesem Lager anzuhören.

Hassan, einer der Ak­ti­vis­t:in­nen von unserem Netzwerk Welcome United, nimmt das Mikrofon: „Ihr seid nicht allein. Wir kommen aus vielen Städten hierher, um Euch in eurem Kampf zu unterstützen“, sagt er. „Solidarität wird siegen.“

  • informationsspiegel

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