Reisen mit Kindern: Ab zu den Piraten um die Ecke

Viele Eltern fragen sich im Urlaub, warum sie nicht einfach mit der Familie ins Freibad ums Eck gefahren sind statt in ein anderes Land. Und auch die Kinder haben Fragen:

„Wie lange fahren wir denn noch Auto?“

„Schon wieder laufen?“

„Das macht keinen Spaß!“

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wochentaz

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„Ich will an den Pool!“

„Bist du jetzt endlich fertig mit Lesen?“

Die Erwartungen, was „schöne Ferien“ sind, unterscheiden sich oft erheblich. Erwachsene schauen gern etwas an oder in Ruhe aufs Meer. Kinder wollen sich bewegen, aber meist nicht durch eine Altstadt, sondern dort, wo sie toben, plantschen oder was entdecken können.

Damit diesmal alle glücklich sind, entscheiden wir: Wir fahren keine weiten Strecken mit dem Auto. Wir erleben was zusammen. Und wir lernen dabei etwas über die Geschichte unserer Wahlheimat Spanien, konkret über die Piratenangriffe am Mittelmeer.

Von Valencia-Stadt, wohin wir vor einigen Jahren gezogen sind, geht es mit unseren 3 und 7 Jahre alten Töchtern für drei Tage Richtung Norden, in die Provinz Castellón. Hier erstreckt sich die Costa del Azahar, die Küste der Orangenblüte, am Mittelmeer. Gelegen zwischen der weitaus populäreren Costa Dorada im Norden und der Costa de Valencia im Süden ist sie bei Ausländern weitgehend unbekannt. Einheimische lieben die 120 Kilometer lange Küste mit ihren breiten Sandstränden.

Nach einer Stunde Autofahrt und noch bevor die Kinder in ihren üblichen Dreiklang aus „Mir ist sooo langweilig! – Ich habe Hunger! – Ich will jetzt endlich aussteigen!“ verfallen, erreichen wir den Urlaubsort Benicàssim. Wir staunen über die hohen Wohntürme. Im Sommer ziehen Spanierinnen und Spanier hier in ihren Zweitwohnsitz, um am Meer durchzuatmen, dann verdoppelt sich die Einwohnerzahl von Benicàssim von 20.000 auf 40.000. Jetzt, in der Nebensaison im September, sind die Türme so gut wie leer. An der Promenade des 50 Meter breiten Sandstrands stehen auch Villen im Belle-Epoque-Stil aus dem frühen 20. Jahrhundert. Ich bewundere sie und stelle mir vor, wie viele hochherrschaftliche Partys wir feiern könnten, würde uns eine gehören.

Genug der Träumerei. Wir müssen die Stadt verteidigen, die Piraten greifen an! Zum Glück ragt direkt am Strand der Verteidigungsturm Torre de San Vicente in den blauen Himmel. Seit über 400 Jahren stehen er und siebzehn weitere Türme an der Küste der Provinz Castellón und erinnern an die Angriffe der Korsaren, die vor allem zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert die Bewohner der Mittelmeerküste in Angst und Schrecken versetzten. Meist von Frankreich oder Nordafrika aus griffen sie Schiffe und das Festland an, raubten Getreide, Salz, Honig oder Wolle, entführten Menschen und verkauften sie in die Sklaverei.

Das bekannteste Opfer: der spätere Nationaldichter und Autor von „Don Quijote“, Miguel de Cervantes, der fünf Jahre in Algerien als Sklave verbrachte. Das alles können Eltern in der Ausstellung im Turm lernen, während ihre Kinder hinter 3-D-Brillen mit Kanonen gegen die Angreifer kämpfen. Ein Museumskonzept für alle Generationen.

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Eine stillgelegte Bahntrasse wurde zu einer spektakulären Fahrradroute ausgebaut

Zum Ausgleich für so viel Geschichtsunterricht steht an Tag zwei Bewegung auf dem Programm. Im Fahrradladen Ujibike kriegen wir Räder mit Kindersitz und – nicht unbedingt selbstverständlich in Spanien – ein eigenes Mountainbike für die 7-Jährige. Stolz stemmt sie sich in die Pedale. Hinter dem letzten Haus der Bucht, dem historischen Hotel Voramar, das direkt auf dem Strand steht, biegen wir auf die autofreie Vía Verde del Mar, eine spektakuläre Wander- und Radroute.

Mit den Kindern Fahrrad zu fahren, kostet uns in Valencia manchmal die letzten Nerven. Es gibt zwar viele Radwege, doch die sind eng und stets voll mit Gegenverkehr. Auf der Vía Verde fühlen wir uns sicher, es ist flach und die Große feiert ihre Selbstständigkeit. Mehr als 130 „Grüne Wege“ hat Spanien auf über 3.500 Kilometer stillgelegter Bahnstrecke im ganzen Land ausgewiesen.

Unserer führt uns immer am Meer entlang, vorbei an versteckten Badebuchten, durch Schluchten und in die Berge gefräste Eisenbahntunnel. Nach etwa einer Stunde erreichen wir den Wassersporthafen von Oropesa del Mar, wo wir uns ein „Almuerzo“, das klassische, zweite Frühstück genehmigen, und gestärkt den Heimweg antreten, um die Räder rechtzeitig vor der dreistündigen Siesta des Verleihers zurückzubringen

„Ich will an den Pool!“: So erholsam können Ferien mit Kindern aussehen

Foto: Peter Marlow/Magnum Photos/Ostkreuz Archiv

Mit dem Auto fahren wir anschließend noch einmal nach Oropesa del Mar hinein. Auf einem Küstenvorsprung erhebt sich der mächtige Torre del Rey, ein weiterer Verteidigungsturm, von dem aus die Wachen das Meer beobachtet und die Einwohner im Hinterland mit Feuer- oder Rauchzeichen gewarnt haben. Denn auf der Sichtachse, in geschützter Umarmung der Berge, liegt das Juwel des Ortes, die Burg von Oropesa del Mar, die es mit allen Mitteln zu verteidigen galt.

Von der maurischen Burgruine mit Mauerresten aus dem 9. Jahrhundert lässt sich die gesamte Region überblicken. In den umliegenden Häusern werden keine Souvenirs, Eis oder Wasser an Touristen verkauft, es gibt auch kaum Restaurants wie sonst in der Umgebung einer Sehenswürdigkeit üblich. Die jahrhundertealten Steinhäuser sind tatsächlich bewohnt. Auch deshalb schieben sich hier keine Menschenmassen durch die Gassen und wir können entspannt durch die Vergangenheit schlendern.

Nachmittags wollen die Kinder – Überraschung! – baden. Also fahren wir zu unserem zweiten Übernachtungsort nach Peñíscola, wo das ZT Hotel einen Pool samt Kinderanimation bietet, und obendrein noch spezielle Familiensuiten im Piratenlook. Hier zieren Schiffe die Wände, stehen Holzfässer und Öllampen herum und natürlich eine Schatztruhe, aus der die Kinder Schokogoldtaler plündern können und sich freuen, dass die Kisten am nächsten Tag wieder aufgefüllt sind. Für uns müde Pirateneltern gibt es ein Spa, und da es Öffnungszeiten für Familien hat, blubbern wir uns gemeinsam durch den Nachmittag.

Der nächste Morgen. Ich will in die Altstadt, die Kinder wollen an den Pool. Der Papa deeskaliert und wirkt nicht allzu unglücklich bei der Vorstellung, auf einer Liege den Posten halten zu müssen.

Nach einem Strandspaziergang erreiche ich die imposante Festung auf der Halbinsel von Peñíscola, die viele, die noch nicht da waren, trotzdem kennen: In der sechsten Staffel der Serie „Game of Thrones“ verwandelt sich Peñíscola in die fiktive Stadt Meereen.

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Von der Felsenburg blicken wir auf das Meer und die nahen Berge, davor blühen im Frühjahr die Orangenbäume

Die verwinkelten Gassen, in denen sich einst Angreifer vom Wasser verlaufen sollten, erkunde ich bei einem Stadtrundgang. Unsere Führerin erzählt mit so viel Leidenschaft von den Mythen und Geschichten der Papstresidenz und Templerburg, dass vor meinem inneren Auge das frühere Treiben innerhalb der Steinmauern zum Leben erwacht.

Vom höchsten Punkt der Felsenburg blicken wir aufs Meer und die nahen Berge, davor blühen zwischen März und Mai die Orangenbäume. „Mittlerweile pflanzen die Bauern aber lieber Avocadobäume“, erklärt die Stadtführerin. Die Früchte würden eine höhere Marge erzielen. Das viele Wasser, das Avocados benötigen, komme direkt aus den Bergen, wo es ausreichend vorhanden sei. Das Bewässerungssystem für die Felder habe man von den Arabern übernommen.

Ein paar Stunden später lade ich Mann und Kinder ins Auto und fahre sie in eines der größten Heckenlabyrinthe Spaniens. Angelegt hat es eine Familie, die in Peñíscola eine Gärtnerei betreibt. Auf der Suche nach dem riesigen Dinosaurier in der Mitte verlieren wir uns mehr als einmal.

Abends checken wir dann in einem familiengeführten Apartmenthaus im Küstenort Alcossebre ein. Die Gastgeber begrüßen uns mit Küsschen und zeigen uns gleich den Kinderspielraum und unsere Wohnung mit Meerblick. „Die Kinder dürfen ruhig auch noch spät abends im Pool baden“, sagen sie und blicken in vier glückselige kleine Augen.

Bevor schließlich die Heimfahrt ansteht, wollen alle vorher noch an den Strand. Im Restaurant essen wir eine Paella, das Nationalgericht stammt aus der Region Valencia, und unsere Töchter spielen ein letztes Mal im Sand. Jetzt sind sie Piratenexpertinnen und Verteidigungskämpferinnen, bereit für neue Abenteuer.

Transparenzhinweis: Die Autorin war im Rahmen einer Pressereise unterwegs, organisiert von Turespaña, der Communitat Valenciana und Tour & Kids.

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